Die Kinder aus der Silberstraße
Familienfilm | Dänemark 2024 | 102 Minuten
Regie: Mehdi Avaz
Filmdaten
- Originaltitel
- BØRNENE FRA SØLVGADE
- Produktionsland
- Dänemark
- Produktionsjahr
- 2024
- Produktionsfirma
- Rocket Road Pictures
- Regie
- Mehdi Avaz
- Buch
- Renée Simonsen
- Kamera
- Michael Sauer Christensen
- Musik
- Thomas Volmer Schulz
- Schnitt
- Lars Wissing
- Darsteller
- Ida Skelbæk-Knudsen (Katinka) · Alfred Erik Nordhøj Kann (Tristan) · Amelia Ahmad Abdullatif (Petra) · Alfred Rivera (Kirk) · Jakob Fauerby (Miss Nelly)
- Länge
- 102 Minuten
- Kinostart
- -
- Fsk
- ab 6
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 8.
- Genre
- Familienfilm | Kinderfilm
- Externe Links
- IMDb | TMDB
Familienfilm über vier dänische Kinder, die nach dem Verschwinden der Mutter allein leben und zur Tarnung eine genderfluide Nanny anheuern.
„Ich heiße Katinka und bin gut im Geldauftreiben“, stellt sich die elfjährige Protagonistin (Ida Skelbæk-Knudsen) vor, nachdem sie in einer Fabrikhalle eine Tasche gestohlen hat, mit Mühe und Not ihren Verfolgern entkommen ist und in einer ruhigen Ecke Banknoten aus der entwendeten Geldbörse nimmt. Sie und ihre drei Geschwister leben allein in einer Wohnung in Kopenhagen, seit ihre Mutter vor einem Jahr plötzlich verschwunden ist. Nur der sprechende Papagei Käpt’n Guter Humor leistet ihnen Gesellschaft. Die Kinder genießen es, ohne Erziehungsberechtigte zu sein, die ihnen vorschreiben, wann sie ihre Hausaufgaben machen oder ins Bett gehen sollen.
Katinka und ihre Geschwister bilden ein gutes Team, wenn es darum geht, ihr selbstbestimmtes Leben geheim zu halten. Die quirlige Katinka kann nicht nur effektiv gut Geld beschaffen, sondern auch gut lügen und treibt gerne mal Unfug. Der neunjährige Kirk (Alfred Rivera) will später Rechtsanwalt werden und liest schon jetzt Gesetzesbücher, um der Familie in rechtlichen Fragen zu helfen. Der 15-jährige Tristan (Alfred Nordhøj Kann) erledigt alle schweren Arbeiten und trägt als Ersatz-Familienoberhaupt quasi die Verantwortung für das Quartett. Das Nesthäkchen ist die sechsjährige Petra (Amelia Ahmad Abdullatif), die stets mit Feenflügeln herumläuft und behauptet, fliegen zu können. Sie will entweder Gärtnerin oder Kampfpilotin werden und ist bis dahin Everybody’s Darling, die mit ihrer guten Laune alle immer wieder aufmuntert.
Zeitlicher Aufschub mit Haushälterin
Doch die Geheimhaltung wird immer schwieriger. Die Kinder müssen sich nicht nur vor einer resoluten Sozialamtsmitarbeiterin (Ditte Hansen) verstecken, auch der strenge Schuldirektor Moth (Lars Ranthe) wird misstrauisch und möchte die Mutter sprechen. Notgedrungen suchen die Kinder per Handzettel eine Haushälterin, die ihnen zumindest einen zeitlichen Aufschub verschaffen soll. Nach einem skurrilen Casting entscheiden sie sich für den genderfluiden Niels (Jakob Fauerby), der Frauenkleider, Schmuck und Nagellack trägt, sich Miss Nelly nennt und einen vertrauenswürdigen Eindruck macht. Doch auch Miss Nelly möchte die mysteriöse Mutter kennenlernen und sorgt so für neues Ungemach.
Der abenteuerliche dänische Familienfilm des iranischstämmigen Regisseurs Mehdi Avaz, der zuletzt mit den Filmen „Toscana“ und „A Beautiful Life“ bei Netflix auf sich aufmerksam gemacht hat, entwirft einen farbenfrohen Mikrokosmos mit märchenhaften Zügen, in dem einige Gesetzmäßigkeiten, Sachzwänge und Normen der Realität außer Kraft gesetzt oder abgeschwächt sind. So stößt sich niemand daran, dass die männliche Nanny einen Bart und feminine Kostüme in pastelligen Farben trägt. Es merkt auch niemand, dass die Kinder häufig nachts losziehen, um noch essbare Lebensmittel aus Mülltonnen zu fischen und so ihre Lebenshaltungskosten zu senken.
Allerdings überspannt die Autorin und Psychologin Renée Toft Simonsen, die das Drehbuch auf der Basis ihres Buches aus dem Jahr 2019 selbst verfasst hat, gelegentlich den Bogen der Plausibilität. So lässt sich kaum nachvollziehen, dass die Abwesenheit der Mutter in der Schule erst nach einem Jahr auffällt. Noch weniger glaubhaft erscheint es im gewählten Setting, dass Miss Nelly und ihr gutmütiger Lebensgefährte, der Klempner Brian (Anders W. Berthelsen), die elternlosen Kinder ruckizucki adoptieren oder zumindest in ihre Fürsorge übernehmen dürfen.
Flotte Inszenierung aus Episoden und Zwischenfällen
Erst nach und nach dämmert es dem Direktor und Miss Nelly und damit den Zuschauenden, dass die Mutter, die angeblich ständig auf Geschäftsreisen ist, tot sein könnte. Die Regie greift das traurige Thema verlassener Kinder oder Waisenkinder mehrfach auf, ohne dass es jedoch die Oberhand gewinnen würde. Vielmehr bettet sie das ernste Schicksal der vier Kinder in eine flotte Inszenierung aus Episoden und Zwischenfällen ein, die Elemente von Abenteuer und Drama, Fantasie und Humor geschickt verknüpfen. Für eine zusätzliche Prise Weisheit und Lebensfreude sorgt ein alter Erfinder namens Lars (Dick Kaysø), der die Kinder geduldig unterstützt und ihnen in einer brenzligen Situation sogar Asyl gewährt.
In seiner Leichtfüßigkeit erinnert der Film an familienfreundliche Kinoklassiker wie die „Pippi Langstrumpf“-Filme, „Mary Poppins“ und „Kevin – Allein zu Haus“. Vor allem die Kostümierung und das charmante Auftreten von Miss Nelly als Nanny, die zur Ersatzmutter heranreift, weckt zugleich Erinnerungen an die Kinokomödie „Mrs. Doubtfire“ (1993) mit Hollywood-Star Robin Williams, in der sich ein Vater mit Kleid, Perücke und Make-Up so gut verkleidet hatte, dass er die erhoffte Stelle als Kinderfrau ergattern konnte.
Lehnen sich Mary Poppins und letztlich auch Mrs. Doubtfire noch an das konservative Rollenmodell der biederen Gouvernante an, so bietet Miss Nelly hier allein schon wegen ihrer geschlechtlichen Orientierung eine zeitgemäße Neudefinition einer Haushälterin mit zusätzlichem Erziehungsauftrag. Jakob Fauerby verkörpert diese schillernde Figur facettenreich und mit großer Spielfreude. Dass einige Nebenfiguren wie der Schuldirektor oder die Dame vom Sozialamt etwas holzschnittartig daherkommen, lässt sich angesichts des Unterhaltungswerts des Films verschmerzen, der 2025 zwei „Dänische Filmpreise“ für den besten Kinder- und Jugendfilm und den besten originalen Filmsong gewonnen hat.