Bookish - Ein Mord spricht Bände
Krimi | Großbritannien 2025 | 312 Minuten (6 Folgen) Staffel 1
Regie: Carolina Giammetta
Filmdaten
- Originaltitel
- BOOKISH
- Produktionsland
- Großbritannien
- Produktionsjahr
- 2025
- Produktionsfirma
- Eagle Eye Drama
- Regie
- Carolina Giammetta
- Buch
- Mark Gatiss · Matthew Sweet
- Kamera
- Anton Mertens
- Musik
- Sarah Warne
- Schnitt
- Chris Roebuck
- Darsteller
- Mark Gatiss (Gabriel Book) · Polly Walker (Trottie Book) · Connor Finch (Jack) · Elliot Levey (Inspektor Bliss) · Buket Kömür (Nora)
- Länge
- 312 Minuten (6 Folgen) Staffel 1
- Kinostart
- -
- Fsk
- ab 12
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 12.
- Genre
- Krimi | Serie
- Externe Links
- IMDb
Heimkino
Eine im London nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelte Krimiserie um einen Buchhändler, der als beratender Detektiv der örtlichen Polizei bei Mordermittlungen auf die Sprünge hilft.
London, 1946: Die Bombardierungen während des „Blitz“ haben im Stadtbild unverheilte Wunden hinterlassen, und wie ganz Großbritannien ist auch die Metropole noch von den Entbehrungen in Folge des Zweiten Weltkriegs gezeichnet. Doch das Leben geht weiter – auch in der Archangel Lane, wo Buchhändler Gabriel Book (Mark Gatiss) ein Antiquariat führt, in dem sich die Folianten bis unter die Decke türmen. Er und seine Frau Trottie (Polly Walker), der das Tapetengeschäft nebenan gehört, könnten nach überstandenen Kriegswirren ein zwar bescheidenes, aber friedliches kleinbürgerliches Dasein führen. Wenn da nicht Books Spürnase wäre, die ihn immer wieder aus dem Buchladen herauslockt, wenn für den ein oder anderen unglücklichen Zeitgenossen das Leben in der Nachkriegszeit doch nicht weitergeht, sondern durch Mord ein vorzeitiges Ende findet.
Ein beratender Detektiv mit geheimnisvoller Kriegs-Vergangenheit
Book ist, ähnlich wie Sherlock Holmes, eine Art „Consulting Detective“, und wenn in seinem Umfeld ein verdächtiger Todesfall eintritt, kommt er gerne dem befreundeten jüdischen Kommissar Bliss (Elliot Levy) bei den Ermittlungen zu Hilfe. Was genau Book während des Kriegs gemacht hat, bleibt im Dunkeln. Dass er angeblich einen Brief von Winston Churchill höchstselbst mit sich herumträgt, der seine kriminalistischen Eskapaden legitimiert, lädt freilich zu Spekulationen ein: war er vielleicht beim legendären SOE? Der dubiose Kontaktmann mit Augenklappe, den er ab und an noch auf einer Bank an der Themse trifft, sieht auf jeden Fall schwer nach Geheimdienst aus.
Die erste Staffel der Serie „Bookish“ rollt in sechs Folgen drei Fälle auf, mit denen es der detektivische Bücherfreund zu tun bekommt. Hauptdarsteller Mark Gatiss ist zusammen mit Matthew Sweet auch Autor der Serie und hat sich die Book-Rolle geschickt auf den eigenen Leib geschrieben: Die Episoden leben nicht zuletzt vom eigenwilligen Charme ihrer Hauptfigur, die sich in der Tradition quecksilbrig-ironischer, ein bisschen flamboyanter Detektivfiguren aus den 1930er-Jahren wie Dorothy Sayers Lord Peter Wimsey, Margery Allinghams Albert Campion oder Agatha Christies seltsamem Mr. Quin bewegt. Die Fälle selbst sind zwar als Mörder-Rätsel nicht allzu raffiniert ausgeklügelt, aber doch solide spannend und nicht zuletzt deswegen reizvoll, weil sie in unterschiedliche pittoreske Biotope führen: Während die erste Doppelfolge unter den kleinen Ladenbesitzern der Archangel Lane spielt, nachdem der örtliche Apotheker gewaltsam dahingerafft wurde, bricht in Fall 2 die Welt des 1940er-Jahre-Kinos ein, als ein Filmteam die Straße als Set benutzt und eine vergiftete Praline, die vielleicht für die Hauptdarstellerin gedacht war, eine Statistin niederstreckt.
Fall 3 schließlich spielt im Mikrokosmos eines Nobelhotels, das in der allgemeinen Nachkriegs-Knappheit zwar stark an Glanz eingebüßt hat, aber immer noch ein Paradebeispiel ist für krasse Klassenunterschiede zwischen Personal und Gästen, zumal unter letzteren zwei standesstolze Prinzessinnen aus einem Balkanstaat sind, die der Siegeszug des Sowjetreichs ins Exil getrieben hat.
Zwischen Heimeligkeit und Eingeengtheit
Atmosphärisch und visuell schafft es die Serie geschickt, die Nachwirkungen des Krieges und die Alltags-Ausprägungen der Nachkriegs-Austerität sichtbar zu machen, dank des Gatiss’schen Witzes und Spieltriebs aber nicht in Tristesse zu verfallen. Herrlich etwa das Finale der ersten Doppelfolge, in der der überführte Täter der Verhaftung durch Flucht zu entgehen versucht und von Book und Kommissar Bliss durch die nächtlichen Straßen bis zu einer der Kriegsruinen verfolgt wird – inszenatorisch gestaltet als spielerische Reminiszenz an die Noir-Ästhetik früher Hitchcock-Arbeiten à la „Der Mieter“ beziehungsweise deutscher Expressionismus-Klassiker wie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.
Die tendenziell dunkel getönten, akribisch ausgestatteten Innenräume, in denen ein Großteil der Handlung in der ersten Staffel spielt, changieren latent zwischen nostalgisch grundierter Heimeligkeit und Eingeengtheit. Vor allem das örtliche Herzstück der Serie, Books Buchladen, ist ein durchaus ambivalenter Raum: eine nie um eine gute Tasse Tee und ein bequemes Sitzmöbel verlegene Enklave, zugleich aber auch ein bürgerlicher „Closet“ für eine Persönlichkeit, die im Lauf der ersten Staffel immer mehr zu schillern beginnt, wenn episodenübergreifend Books Privatleben ausgeleuchtet wird. Dabei spielt nicht zuletzt das Verhältnis zu seiner Frau Trottie eine Rolle, das sich nicht als klassische Liebesbeziehung entpuppt, sondern als freundschaftliche Allianz zum gegenseitigen Schutz: Die Ehe hilft Book, seine Homosexualität zu tarnen, und verschafft der lebenslustigen Trottie eine respektable bürgerliche Existenz, ohne dafür die Hausfrau-und-Mutter-Rolle ausfüllen zu müssen. In zukünftigen Staffeln dürfte spannend werden, ob und falls ja wie die beiden allmählich aus diesem sicheren „Closet“ hinauszustreben beginnen.
Zeitgeschichte, Murder Mystery und interessante Charaktere
Als Auslöser dafür, Unausgesprochenes an die Oberfläche zu bringen, fungiert bereits in der ersten Staffel eine gleich zu Beginn eingeführte wichtige Nebenfigur: Book nimmt einen frisch aus dem Knast entlassenen jungen Mann namens Jack (Connor Finch) als Gehilfen auf, der ihn im Laden unterstützen soll, um ihm Freiraum für die Detektivarbeit zu verschaffen. Doch nicht nur Jack selbst, sondern auch den Zuschauer:innen schwant schnell, dass Book den Ex-Sträfling nicht nur aus allgemeiner Menschenfreundlichkeit einstellt, sondern dass ihn und seine Frau Trottie irgendetwas mit dem in einem Waisenhaus aufgewachsenen Youngster verbindet. Ein Verhältnis, das Raum für Konflikte birgt, aber auch für Ersatzfamilien-Wärme.
Wie es mit dem Trio weitergeht, wird sich im Lauf des Jahres 2026 zeigen. Im Januar wurde bereits der Dreh einer Folge-Staffel abgeschlossen, für deren sechs Episoden versierte Mimen wie Jason Watkins, Miranda Richardson, Simon Callow und Rupert Graves gewonnen werden konnten. Für ein tragfähiges Fundament aus britischer Zeitgeschichte, klassischem Murder Mystery und interessanten Charakterzeichnungen hat die erste Staffel souverän gesorgt.