Menschen sind zu allem imstande, um zu überleben. Wer dem drohenden Tod ins Auge blickt, legt die soziale Etikette ab, wenn auch nur für einen Moment. Dann übernehmen urbiologische Mechanismen das Handeln, um das eigene Überleben zu sichern. Manch einer, der solch einen Kontrollverlust erlebt, muss sich den Rest seines Lebens mit den irreversiblen Folgen arrangieren – so auch Sasha (Charlize Theron), die ihren Mann Tommy (Eric Bana) in den Tod stürzen ließ.
Selbst Jahre nach dem schrecklichen Kletterunfall an der Trollwand liegt eine Frage wie undurchdringlicher Nebel über Sashas Gedanken: War Tommy bereits tot oder noch am Leben, als sie sein Seil durchtrennte? Regisseur Baltasar Kormákur eröffnet „Apex“ mit diesem moralischen Dilemma und lässt Protagonistin wie Zuschauer im Unklaren.
Schönheit und Tod in der Natur
In einem Prolog wird die traumatische Erfahrung der Protagonistin der eigentlichen Handlung vorangestellt: Zusammen mit Tommy erklimmt sie, auf der Suche nach dem nächsten Thrill, Europas höchste Steilwand mit bloßen Händen. Doch jeder Versuch, den finalen Felsvorsprung zu überwinden, scheitert. Das Glück ist ihnen nicht hold – das zeigt Tommys Glückskompass ihm an, er plädiert auf vorzeitigen Rückzug. Doch Sasha lässt nicht locker, will den Berg bezwingen. Als Tommys Körper kurze Zeit später gegen den Felsen kracht und scheinbar leblos Sasha in die Tiefe zu reißen droht, stellt der Berg die überforderte Kletterin vor eine Wahl, die keine ist.
Regisseur Kormákur beweist hier wie bereits im Bergsteiger-Drama „Everest“ ein Händchen dafür, sich die Dualität der Natur, ihre Schönheit und ihre Bedrohlichkeit, zunutze zu machen: Eben noch schwebt die Kamera anmutig über norwegische Berge und später durch australische Schluchten, durch die Flüsse wie glänzende Adern mäandern und das karge Land mit sattgrünen Regenwäldern schmücken. Doch die Welt unter den dichten Baumkronen und entlang der reißenden Flüsse liegt im Dunkeln, birgt tödliche Gefahren für alle, die sich von der paradiesischen Maske blenden lassen.
Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel im Outback
Hier trifft der Zuschauer Sasha wieder, die seit Tommys Tod den Kummer und die Gewissensbisse mit Adrenalin betäubt. Mit dem Kajak stürzt sich die Frau wagemutig in die Fluten, nichts dabei außer einem Rucksack mit GPS-Gerät, Trockenfleisch und Tommys Glückskompass. Was in ihr vorgeht, lässt Sasha nicht nach außen dringen. Doch mit jedem riskanteren Bootsmanöver wird deutlich, welchem selbstzerstörerischen Ziel sie entgegenpaddelt. Charlize Theron erweist sich durch ihre natürliche unterkühlte Art als perfekte Besetzung für diese nach außen souveräne und innerlich zerrüttete Überlebende, die sich als einsame Wölfin bald nicht nur gegen die Natur, sondern gegen übergriffige Widerlinge behaupten muss.
Nach Kormákurs generischem Creature-Ausflug „Beast - Jäger ohne Gnade“ bleibt er dem Jagdmotiv treu, verlagert den Thriller „Apex“ jedoch auf eine adrenalingeladene Menschenhatz. Sasha bekommt es mit dem zunächst freundlichen Outback-Bewohner Ben (Taron Egerton) zu tun, der sich abseits der Zivilisation jedoch als sadistischer Hinterwäldler-Psychopath entpuppt und sie in ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel verstrickt.
Gängige Genre-Motive gekonnt genutzt
Anders als in bekannten Backwood-Horror-Vertretern wie „Texas Chainsaw Massacre“ oder „Wrong Turn“ mit grobschlächtigen oder degenerierten Peinigern, setzt Egerton auf eine Mischung aus manischem Charme und explosiver Körperlichkeit. Wenn Ben die gefesselte Sasha mitten im Regenwald plötzlich befreit, ihr gestohlenes Gepäck mitsamt Proviant aushändigt, über einen Lautsprecher „Go“ von den „Chemical Brothers“ als Countdown abspielt und dabei mit einer geladenen Armbrust einen Rave startet, wird klar: Für ihn ist das alles nur ein Spiel.
Wirkt Sasha zunächst noch ihrem Peiniger ausgeliefert, der ihr stets einen Schritt voraus ist, berappelt sich die resolute Frau schließlich und schafft es durch Cleverness wie körperliche Zähigkeit, den Spieß gegen den unberechenbaren Jäger umzudrehen.
„Apex“ hält mithilfe zweier bestens aufgelegter Gegenspieler, rasanter Kamerafahrten durch ein verschlungenes Natursetting und wohldosierter explizierter Gewalt fast über die gesamte Laufzeit die Zuschauer auf der Sitzkante. Kormákur bedient sich zwar gängiger Genre-Motive, weiß diese jedoch höchst spannungseffizient zu nutzen. Zudem baut „Apex“ im Gegensatz zu schnelllebiger Survival-Kost seine Protagonistin erzählerisch so weit zum dreidimensionalen Charakter aus, dass Sashas Schicksal den Zuschauer keinesfalls unberührt lässt.