Michael Kinsella (Charlie Cox) ist nach langen Jahren zurück aus dem Gefängnis. Und anders als viele Ex-Sträflinge, die sich schwer damit tun, wieder einen Fuß in die Tür des Lebens jenseits des Knasts zu bekommen, muss er sich keine Sorgen machen: Die Familie ist da, um ihn aufzufangen. Wohnraum steht bereit, Geld ist da, und einen Job für ihn in dem Autohaus zu organisieren, das seine Schwägerin Amanda (Clare Dunne) leitet, ist kein Problem. Trotzdem ist Michael bei der Feier, die anlässlich seiner Rückkehr im Haus von Amanda und Michaels älterem Bruder Jimmy (Emmett J. Scanlan) stattfindet, auffällig still und wenig feierlustig. Ein Kinsella zu sein hat seine Vorteile, ist aber auch ein Fluch. Denn der Clan, der sich um Familienoberhaupt Frank (Aidan Gillen), Michaels Onkel, schart, steckt knietief drin im organisierten Verbrechen in der irischen Metropole Dublin, und von Michael wird erwartet, dass er nach seiner Entlassung wieder in die kriminellen Drogengeschäfte einsteigt.
Was Michael eigentlich nicht will. Jeder weitere Fehltritt könnte seine Hoffnung darauf sabotieren, wieder Kontakt mit seiner Tochter aufnehmen zu dürfen, die er seit acht Jahren nicht mehr gesehen hat. Aber ein Kinsella zu sein ist nichts, was man einfach so hinter sich lassen kann.
Ein Bandenkrieg zieht den verlorenen Sohn zurück ins Familiengeschäft
Das Sujet der von Peter McKenna geschaffenen Serie ist wahrlich nicht neu: Crime-Stoffe um Ex-Häftlinge, die versuchen, auf dem rechten Weg zu bleiben, aber unweigerlich von ihrer kriminellen Vergangenheit eingeholt werden, gibt es wie Sand am Meer, und entsprechend ist es kaum ein Spoiler, zu verraten, dass auch die von „Daredevil“-Star Charlie Cox gespielte Figur im Lauf der acht Folgen von „KIN“ wieder ins Gangster-Dasein zurückschlittern wird. Den Anstoß dazu liefert ein Bandenkrieg: Die Kinsellas als lokaler Player auf dem Dubliner Drogenmarkt geraten mit einem ihrer Lieferanten, dem mächtigen Kartell eines gewissen Eamon Cunningham (Ciarán Hinds) aneinander, der in Dublins Unterwelt eine Monopolstellung anstrebt und allen den Kampf ansagt, die ihr Heroin, Koks et cetera nicht ausschließlich von ihm beziehen wollen.
Frank versucht, die Unabhängigkeit der Kinsellas zu wahren, ohne Cunningham offen auf die Füße zu treten. Was aber durch seinen nicht gerade hellen Schlägertypen-Sohn Eric „Viking“ Kinsella (Sam Keeley) sabotiert wird, der für Franks Appeasement-Politik keinerlei Verständnis aufbringt und sich in einen Kleinkrieg mit Cunninghams Handlangern reinziehen lässt. Was nach einem tragischen Eklat zu einer potenziell vernichtenden Fehde eskaliert, wodurch Michael sich unter Druck sieht, doch wieder die Rolle zu spielen, in der seine Familie ihn sehen will: die des knallharten Problemlösers, den man früher „Der Zauberer“ nannte, weil er die Fähigkeit hatte, Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen.
Mehr Familiendrama als Gangster-Action
Was diesen sich in vertrauten Genre-Parametern bewegenden Plot in „KIN“ interessant macht, ist der ungewöhnliche Erzähltonfall: Die Serienmacher halten sich in Sachen Crime und Action eher zurück. Wer einen toughen Gangster-Stoff mit Schießereien, Überfällen, Verfolgungsjagden et cetera erwartet, sitzt in „KIN“ zwar nicht auf dem Trockenen, findet sich aber mit einer Serie konfrontiert, die sich primär als Familiendrama versteht. Oder noch präziser: als Anti-Familiendrama. Wo es andere Gangster-Stoffe nicht schaffen oder schaffen wollen, sich der Faszination für den mafiösen Ehrenkodex und „Alle für einen“-Zusammenhalt innerhalb eines kriminellen Clans zu entziehen, seziert „KIN“ genüsslich, wie das Konzept „Familie“, wo es sich mit dem System des organisierten Verbrechens kreuzt, zu etwas Zerstörerischem wird.
Dass der Werbetext des deutschen Anbieters Polyband klingt, als hätte man es bei dieser Serie mit einer David-gegen-Goliath-Geschichte mit klaren Gut-Böse-Fronten zu tun („Aber die Kinsellas haben etwas, was das Kartell nicht hat: die unzerbrechliche Verbundenheit von Blut und der Familie“), geht letztlich völlig an dem, was die Showrunner tun, vorbei. Statt Loyalität und Gemeinschaftsgefühl zu feiern, seziert die Serie, wie solche an sich positiven Bindungen und Regungen, in den kriminellen Dienst genommen, unweigerlich korrumpiert und/oder ausgenutzt werden. Angesiedelt in einem Dublin, dem das Produktionsdesign und die Wahl der modernistischen Schauplätze jede pittoreske Heimeligkeit ausgetrieben haben, ist familiäre Zugehörigkeit hier weniger eine wärmende Decke als ein Netz, in das man verstrickt ist.
Charlie Cox’ Figur ist das tragische Zentrum
Getragen von einem durchweg starken Ensemble und differenzierten, Genre-Stereotypen aufbrechenden, spannungsvollen Charakterzeichnungen, exerziert die Serie das anhand der Storylines um die einzelnen Familienmitglieder packend durch. Wobei Charlie Cox’ Figur das tragische Zentrum darstellt: Alles in Michael scheint sich dagegen zu sträuben, wieder seine Rolle als Kinsella zu spielen, sein Körper selbst, der bald nach seiner Entlassung erste Symptome einer Epilepsie zeigt, scheint sich dagegen zu sperren. Und trotzdem ist das „Die Familie braucht dich!“, das seine Verwandten ihm vorhalten, stärker als jede Einsicht. Mit der zynischen Volte, dass auch Michaels Vatergefühle, seine Versuche, die Tochter wiederzusehen, von etwas Gutem zu etwas Zweifelhaftem werden: Michaels Annäherung droht das Teenager-Mädchen zu gefährden, da es dadurch auf den Radar des Cunningham-Kartells gerät.
„A Boy who kills/cannot love/a boy who kills/has no heart“: Diese Aussage aus einem Song in Leonard Bernsteins „West Side Story“, der Romeo-und-Julia-Story im Milieu der Bandenkriminalität, mag auf Michael Kinsella und die Seinen nicht zutreffen – lieben können die Kinsellas schon. Aber es ist eine vergiftete Liebe, als hätte all das Koks, das sie an die Kleindealer verticken und von dem einige von ihnen auch allzu gerne selbst eine Nase nehmen, sich wie Schnee auf die zwischenmenschlichen Beziehungen gelegt. „Die unzerbrechliche Verbundenheit von Blut und der Familie“ – sie sorgt hier vor allem dafür, dass reichlich Blut fließt, das eigentlich nicht fließen sollte.