Demokratie ist die Ausnahme, nicht die Regel. Man kann sie durchaus als ein andauerndes Experiment in Sachen Staatsführung bezeichnen, so zumindest tut es „The American Experiment“. Das Anliegen der von Tom Hanks mitproduzierten Dokumentarserie ist durch und durch amerikanisch: eine Feier zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung. Sie ist eine Ideengeschichte des demokratischen Geistes in Amerika, welche an Gemälden wichtiger historischer Ereignisse wie in einem Museumsrundgang aufgehangen und in „Reenactment“-Szenen filmisch nachgestellt wird. Getragen wird die Serie vor allem aber von einem Stimmenchor namhafter Vertreter:innen der Wissenschaft und Politik.
Damit verbindet sich ein direkter gesellschaftlicher Apell: „The American Experiment“ lässt Demokraten und Republikaner gleichberechtigt zu Wort kommen. Hillary Rodham Clinton, Kamala Harris und Al Gore sowie Mike Pence und Ted Cruz sind als Fürsprecher:innen der amerikanischen Sache mit von der Partie. Die Serie strebt damit den Ausgleich an: Die klaffenden politischen Gräben der amerikanischen Gegenwart werden, wenn auch nur für einen vorsichtigen Moment, durch Schnitt und Montage überbrückt und die unterschiedlichen Lager produktiv nebeneinandergestellt.
The Land of the Free
Mit „The American Experiment“ kehrt der Dokumentarfilmer Brian Knappenberger zurück an die Anfänge dessen, was Frederick Jackson Turner bereits Ende des 19. Jahrhunderts als die imperiale Geschichte der „Frontier“ beschreibt: Die Suspension von „Wildnis“ durch „Zivilisation“ während der amerikanischen Expansion westwärts. Die Serie betrachtet die Geschichte des Freiheitsstrebens und der Demokratie in Amerika ausgehend vom Siebenjährigen Krieg und dem anschließenden Unabhängigkeitskrieg, die in den ersten Folgen militärhistorisch umfassend bis langatmig anhand einzelner Schlachten und taktischer Manöver ausgebreitet werden.
Militärische und fiskale Macht hängen schon immer zusammen. Die „Frontier“ nimmt ihre Anfänge nicht zuletzt im Rohstoffkapitalismus und wirkt als biopolitisches Kontrollregime über schwarze, indigene, asiatische und mexikanisch-amerikanische Bevölkerungsgruppen.
Darin liegt durchaus das Potenzial zur Dekonstruktion des „Land of the Free“-Gründungsmythos; „The American Experiment“ versucht aber nur punktuell, es auszuspielen. Betrachtet werden insbesondere der Umgang mit den Regierungen der indigenen Amerikaner und die Situation schwarzer Menschen. Denn wenngleich sie nicht am exklusiven Freiheitsgedanken der Amerikanischen Revolution teilhaben konnten, beteiligen sich Schwarze auf beiden Seiten des Konflikts zwischen Amerika und Großbritannien, um für die Befreiung aus der Versklavung und ihre gesellschaftliche Emanzipation zu kämpfen – mit unterschiedlichen Ausgängen: Schwarze Loyalisten werden später von den Briten nach Kanada evakuiert, schwarze Patrioten werden auch noch unter der Verfassung versklavt.
Wirklich gegen den Strich gelesen wird das Geschichtsbild nicht
So wirklich gegen den Strich wird die amerikanische Geschichte in „The American Experiment“ dann allerdings doch nicht gelesen: Politisch engagierte Frauen wie Mercy Otis Warren oder Elizabeth „Mumbet“ Freeman beispielsweise finden, und das wohl hauptsächlich für das gute Gewissen, randständig Erwähnung. Manchmal müssen die der Geschichte inhärenten Widersprüche auch aktiv dazugedacht werden, wenn sie nur als kurze, unkommentierte Archivbilder subversiv beigestellt werden. An einer Stelle wird vom Schutz der Redefreiheit gesprochen, die visuell durch Aufnahmen von unter anderem „Black Lives Matter“-Protesten und dem Ku-Klux-Klan gestützt werden. Redefreiheit geht „for better or worse“ in alle Richtungen.
Viel mehr Zeit verwendet die Serie auf die Mythologisierung George Washingtons, des Majors, der 1754 den Krieg zwischen Frankreich und Großbritannien (mit-)auslöst und 1789 zum ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika wird: Ein Amt, das er erst formen muss. Interessant ist, wie die Wege der Geschichte durch Zufall und Arbitrarität gebahnt werden. Washington wird eben auch Präsident, weil er keinen Sohn hat, an den er das Amt hätte vererben können. Nur eben wird „The American Experiment“ damit auch zu einem Paradebeispiel des „Amerikanischen Exzeptionalismus“, der die Sonderstellung und moralische Führungsrolle Amerikas in der Weltgeschichte zur Schau trägt.
Der Serie geht es um etwas anderes als Dekonstruktion. Die vierte und fünfte Folge sind der Verfassung gewidmet, die als eine Reihung von Kompromissen aus einem historischen Moment geboren ist. Und genau das wird zum zentralen Argument: Das Staatssystem wird in „The American Experiment“ auf die Ängste der Gründergeneration und deren Konsequenzen rückgeführt, die den heutigen Lebensrealitäten allerdings nicht länger entsprechen und, das schwingt mit, der Revision bedürfen.
Ambition muss durch Ambition ausgeglichen werden
Amerika ist seit jeher auch ein Land der Widersprüche. Die Paradoxien des amerikanischen Staatssytems ziehen sich bis in die Gegenwart: Dass Hillary Clinton 2016 die Präsidentschaftswahl verliert, obwohl sie die Mehrheit der Stimmen holt („Popular Vote“), geht unmittelbar darauf zurück, dass die Gründerväter dem Volk eine Direktwahl schlicht nicht zutrauten und an eine – im Idealfall – sachkundige und bestinformierte Elite, das Wahlkollegium, übertrugen („Electoral Vote“), bei dem kleinere Staaten einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die Republik ausüben.
Immer wieder heben die Expert:innen in „The American Experiment“ darauf ab, dass die amerikanische Verfassung aus Notlösungen bestehe, auf welche sich die Gründerväter einigten in der Hoffnung, die Zukunft würde bessere Regelungen finden. Verfassungsänderungen und -zusätze sind in Artikel fünf der Verfassung verankert. Obwohl sie also im System vorgesehen sind, funktioniert der Mechanismus nicht optimal, denn bisher wurden nur 27 Amendments verabschiedet, das letzte im Jahr 1992 und das letzte bedeutende 1971.
Und das auch, weil das Verfassungskonvent das Fortschreiten der politischen Polarisierung nicht einkalkuliert, die bereits mit der Rivalität zwischen Thomas Jefferson und Alexander Hamilton ihren Anfang nimmt. George Washington warnt schon in seiner Abschiedsbotschaft 1796, dass das Überleben der demokratischen Republik von den gesellschaftlichen Spaltungen durch Parteilichkeit gefährdet werde.
Amerika fußt auf James Madisons politischem Grundprinzip, Ambition müsse durch Ambition ausgeglichen werden. Die Gründerväter waren grundlegend skeptisch: Die Geschichte hatte gezeigt, dass Menschen von Natur aus eigennützig handeln und nach Macht streben. Zum Schutz vor Tyrannei und Despotismus muss die Macht im Staatssystem so unter den Menschen aufgeteilt sein, dass sie sich gegenseitig im Zaum halten können.
In „The American Experiment“ sagt nun der republikanische Senator Rand Paul, der Kongress habe im 21. Jahrhundert seine Ambitionen abgelegt. Yuval Levin geht so weit, dem Kongress eine willentliche Schwäche anzulasten, weil Abgeordnete einem Präsidenten der eigenen Partei nicht widersprechen wollen und die Gewaltenteilung damit effektiv aushebeln.
A republic, if you can keep it
Am 6. Januar 2021 erstürmen Anhänger von Präsident Donald Trump das Kapitol, um die Bestätigung des legitimen Wahlsiegs von Joe Biden zu verhindern. Dieser Tag markiert einen Moment, in dem das demokratische Prinzip der friedlichen Machtübergabe auf die Probe gestellt wird und das „American Experiment“ durch politische Polarisierung, Desinformation und Gewalt zu scheitern droht.
Unsere Gegenwart zeigt, dass Demokratie kein Selbstläufer ist. Sie muss bewahrt werden. Auf Elizabeth Willing Powells Frage hin, ob die neue Regierung nun eine Republik oder Monarchie unter anderem Namen sei, lautet Benjamin Franklins Antwort schon damals: „A republic, if you can keep it.“
„The American Experiment“ endet mit Blick auf die demokratische Senatorin Lisa Blunt Rochester. Aber nicht mit ihrer Frage, ob Amerika für alle oder einige Menschen einstehen möchte, und auch nicht mit ihrem Zutrauen, dass die Demokratie jeder Mühe wert sei. „The American Experiment“ endet stattdessen mit tiefem Seufzen. Dass die Demokratie heute massiv gefährdet ist, macht den Kern der Serie aus. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisung, sondern die Ableitung von Kontroversen und Problemen der politischen Jetztzeit aus der Geschichte.
Plädoyer für die Demokratie und für Amerika
Demokratie steht und fällt mit den Menschen. Sie lebt davon, dass alle ihre Pflicht erfüllen, Bürger:in zu sein, sich auszutauschen und zu engagieren. Und doch erodiert die Diskussionskultur durch die gesellschaftliche Abschottung in den Echokammern und Filterblasen der digitalen Welt. „The American Experiment“ versucht in gewisser Weise das anzustoßen, was der politische Philosoph Michael J. Sandel mit seinem Ideal einer „Politik des moralischen Engagements“ im Sinn hat: zuzuhören und sich in staatsbürgerlichen Diskussionen einzubringen; nicht zwangsweise zuzustimmen, aber doch respektvoll miteinander zu leben.
Die Serie ist dabei letztlich so ambivalent wie die amerikanische Geschichte selbst: ein Versuch, die eigene Vergangenheit als Mythos auszudeuten und gleichzeitig als historisch wachsendes Wurzelwerk aktueller Probleme zu kritisieren. Es ist eine Serie als Plädoyer für die Demokratie und für Amerika.