Wenn der am 30. Oktober 2025 verstorbene Peter Watkins in seiner Karriere als Regisseur ein Feindbild hatte, dann das, was er die Monoform nannte. Die „uniforme und repetitive Formsprache“, die „nahezu den gesamten Output der audiovisuellen Massenmedien bestimmt“. Er kritisierte unter anderem eine zunehmend hektische Schnittfrequenz, die Emotionen und Gedanken eins werden lässt, die dichte Überlagerung von Soundspuren und kontinuierliche Kamerabewegungen. Selbst wenn man Watkins’ spezifische Analyse, die bis in die frühen 1970er-Jahre zurückreicht, nicht mehr auf die Gegenwart anwenden möchte, bleibt seine Kernfrage relevant. Welche hegemonialen Formen bringt eine Zeit hervor? In welche Uniform kleidet sich Unterhaltung, die nicht durch die Idiosynkrasien eines erkennbaren Künstlers arrangiert wurde?
Schaut man sich den neuen Dokumentar-Dreiteiler „Bring Me The Beauties“ von Chris Smith an, bekommt man schnell ein Gefühl für die dokumentarische Monoform der Gegenwart. Fließbandbilder, denen man widerstehen muss. Smith kann ohne Frage auf eine faszinierende Geschichte zurückgreifen. Schon allein all die disparaten Gruppen und Themenfelder, die zusammengebracht werden, lassen aufhorchen: Aliens und Models, Superreiche und Sektenmitglieder, die LGBTQ-Community und die Medien.
Ein Vortex aus Glamour und Wahnsinn
Im Zentrum des Vortex aus Glamour und Wahnsinn steht Model und Schauspieler Hoyt Richards. Schon als Teenager begegnet er bei einem Badeurlaub auf Nantucket dem einnehmenden Frederick von Mierers, der die Salons und Clubs der High Society auf der Suche nach den edelsten Geschöpfen durchstreift. Er scharrte attraktive, junge Aufsteiger um sich, die Teil seines New-Age-Kults mit dem Namen „Eternal Values“ werden sollten.
Von Mierers glaubte – oder behauptete zumindest –, eigentlich kein Mensch, sondern nur ein Körper als Medium für einen Außerirdischen vom Stern Arktur zu sein. Er war inspiriert von dem esoterischen Konzept des „Walk-Ins“, eine Art kosmischer Seelenaustausch. Auch seine Anhänger seien Aliens, erklärt er Scharen von sensationslustigen Journalisten und Fernsehmoderatoren.
Smith interviewt die ehemaligen Mitglieder der Sekte, die sich bereiterklären, mit ihm zu sprechen. Sie berichten von den psychischen und vor allem finanziellen Zwängen der „Eternal Values“. Ihnen wurde ein bescheidenes, fast klösterliches Leben ohne enge Beziehungen auferlegt. Wer den Guru verärgerte, wurde beschimpft und gedemütigt. Während Richards und die anderen in der Modelling-Branche aufstiegen, gaben sie einen erheblichen Teil ihres Gelds für Schutzkristalle mit mythischen Fähigkeiten aus – so profitierte auch die Sekte.
Von Mierers kündigt schließlich das nahende Ende der Welt an. Als er einige Jahre später an HIV erkrankt und unter dubiosen Umständen stirbt, lässt er seine Untergebenen mit der Aufgabe zurück, die Apokalypse zu verhindern.
Eine Art „Oral History“
Diese erstaunlichen Ereignisse erzählt Smith vor allem als eine Art „Oral History“. Interviews mit Hoyt, seiner Familie, berühmten Models und anderen „Eternal Value“-Anhängern wie Paul Hinton, Dar Dixon und Elissa Melaragno setzen sich zu einem großen Mosaik zusammen.
So erstaunlich diese Geschichte eben ist, so gewöhnlich und dröge präsentiert sie sich dem Zuschauer. Die Kritikpunkte, die Peter Watkins schon in den 1970er-Jahren beobachtete, haben auch Dekaden später noch Gültigkeit. Mit einer kuriosen Eile schaltet die Bildebene durch Archivaufnahmen, digital in Bewegung versetzte Fotografie und neue Aufnahmen. Dicht getaktet und sanft auf einem überall verlegten Klangteppich aus Synthesizer-Esoterik und New-Age-Schwaden gebettet, vergeht die Zeit mit Aliens und Models wie im Flug. Das erinnert an die vielen True-Crime-Serien und Podcasts, die in den letzten Jahren mit Voyeurismus und dem wohligen Schauer des unbescholtenen Davonkommens locken.
Die Logik des Kultischen ist in die Gegenwart eingeschrieben
Leider ist es wirklich vor allem ein Nacherzählen, das die Serie bestimmt. Zu Thesen und Themen, zum Weiterdenken und Analysieren, findet „Bring Me The Beauties“ erst in den letzten zwanzig Minuten seiner dreistündigen Laufzeit. In seinen finalen Atemzügen lässt sich die Serie endlich zu der Art von Transferleistung hinreißen, die Lehrpläne von Schülern für eine gute Note einfordern. Die Logik des Kultischen, so ist dann zu erfahren, ist in die Gegenwart eingeschrieben. Religiöse und politische Systeme funktionieren ganz ähnlich: Sie sprechen die Mängel und Unsicherheiten in den Menschen an, sie überschütten sie mit der Liebe, die defekte Familien und Sozialgefüge ihnen nicht geben konnten. Sie sind Prothesen, die sie beherrschen, kybernetische Ermächtigung, die sie in den Selbstverlust führt.
Und gewiss: Wer kann sich nicht die oft fanatischen Anhänger von Donald Trump oder Superstars wie Taylor Swift als Mitglied eines großen Kults vorstellen? Sekten und Kulte sind in der Gegenwart oft eine Art ideologischer Blitzableiter, die als Zuschreibung die Ambivalenz eines Diskurses überwinden. Will man eine Position diskreditieren, erklärt man sie zur Sekte. Auf der letzten Münchner Sicherheitskonferenz etwa sprach sich der amerikanische Außenminister Marco Rubio gegen die sogenannte „Klimasekte“ aus.
Die fabrikhaft in Monoform ausgestanzten Sekten-Dokumentationen der letzten Dekade heißen ihr Publikum willkommen wie frisch rekrutierte Mitglieder von Scientology oder den Zeugen Jehovas. Wer einmal im immergleichen Strudel von Nacherzählungen, Musik-Gewaber und emotionalen Höhepunkten gefangen ist, muss nicht mehr denken, sondern sich nur noch dem allumfassenden Schwall aus Klängen und Bildern hingeben. In der Kunst kann uns das Denken zum Gefühl führen, und das Gefühl zum Gedanken. Ein Automatismus ist das allerdings nicht.