Tanzen, das ist es für ihn. Thomas drückt seinen Zorn damit aus, seine Begeisterung, auch mitten auf der Straße, ganz egal, ob die Nachbar:innen schauen. Breaking ist für den 15-jährigen auf La Réunion Begeisterung und Wettbewerb: Gerade hat er sich für den „Battle of the Year“ qualifiziert, seine Chance auf einen großen Auftritt.
Da setzt seine Mutter ihn und seine Schwester Audrey vor die Tür, Audrey ist gerade vor vier Monaten selbst Mutter geworden, die kleine Sloane sitzt also jetzt mit auf der Straße. Was nun? Die Mutter will nicht mehr mit ihnen, nicht einmal über sie reden, verweigert jeden Kontakt. Aber es findet sich, dass ihr Vater, zu dem es seit Thomas’ Geburt keinen Kontakt mehr gab, vor einiger Zeit wieder zurück auf die Insel gekommen ist. Dort können sie bleiben, besser als in getrennte Heime ist es allemal.
Verwirrt und aufgebracht und verzweifelt
„Verstoßene - Kein Zuhause bei Maman“ folgt den zwei Geschwistern dabei, wie sie versuchen, sich in dieser neuen Situation einzurichten, mit zwei Halbgeschwistern und einer fremden Frau, dem Vater, dem sie finstere, von Grund auf misstrauische Blicke zuwerfen, dessen unsichere, skeptische Reaktion. Die Familienkonstellation ist schwierig genug, die jungen Menschen verwirrt und aufgebracht und verzweifelt, Regisseur und Drehbuchautor Grégory Lucilly legt nicht auch noch feindliche Behörden obendrauf. Das Jugendamt, später eine Richterin und die Polizei, sie alle sehen oder ahnen wenigstens die Jugend und die Probleme, sie reagieren und machen es vielleicht wenigstens nicht schlimmer.
Audrey ist nicht nur die ältere von den beiden, sie hat mit Sloane auch noch andere Gründe, ihr Leben zu sortieren, mit klarem Ziel: ein Job, eine eigene Wohnung. (Auch da geht einiges schief.) Thomas hingegen darf noch nicht einmal in die Schule; er verliebt sich in Maeva, die er auf einer Party trifft, bekommt aber seine Verzweiflung und seinen Zorn nicht in den Griff. In einer herzzerreißenden Szene schreibt er Nachricht um Nachricht an seine Mutter und fleht darum, nach Hause zurückkommen zu dürfen.
In diesen Momenten berührt „Verstoßene - Kein Zuhause bei Maman“ den Kern seiner Hauptfigur, die emotional in vielem so kindlich, verletzlich, unerfahren ist – von allzu vielen verlassen, erst vom Vater, nun auch von der Mutter – und zugleich physisch schon so erwachsen wirkt in einem gedrungenen Körper voller Kraft.
Immer schon die Schläge des Schicksals erwartend
Maxime Calicharane spielt diesen Thomas immer leicht geduckt, von unten heraufblickend – nicht verschlagen, sondern immer schon die Schläge des Schicksals erwartend, zugleich sprungbereit. Das entlädt sich dann in der Wohnung der Mutter, als er begreift, dass sie wirklich seinen und Audreys gesamten Besitz einfach verkauft hat, in einem fast tänzerischen Ausbruch von Zerstörungswut. Calicharane trägt den Film gemeinsam mit Brillana Domitile Clain als Audrey – zwei junge Darsteller:innen, die in ihren Gesichtern all die Sorge, Verzweiflung, Freude und auch all den Zorn spiegeln, ohne dass es je aufgesetzt wirkt; Vincent Vermignon als ihr Vater Christophe wirkt wie ein fast stoischer Gegenpol, an dem die beiden abblitzen und aufleuchten können.
Zugleich präsentiert der Film auch eine Lebensrealität, die so nicht oft auf die Leinwand gebracht wird: Junge Menschen, die sich selbst als „kreolisch“ („créoles“) bezeichnen; gesprochen wird im Original Réunion-Kreolisch, auf dem Französischen basierend, aber mit zahlreichen Verkürzungen. So nennt sich etwa die Tanzgruppe im Erziehungsheim, in dem Thomas landet, „mem’bato“ – darauf verweisend, man sitze im selben Boot („dans le même bateau“).
La Réunion jenseits bunter Tropenfarben
La Réunion fungiert als Hintergrundkulisse für diese Lebensrealität, aber nicht in bunten Tropenfarben und schönen Strandmomenten, sondern im städtischen Umfeld von Mehrfamilienbauten, in den Einfamilienhäusern einer kleineren Siedlung in den Bergen. Hier mischen sich Nachfahren der Festlandfranzös:innen mit jenen der aus unterschiedlichen Regionen hierher verschleppten Sklav:innen – und vor allem Thomas ist sehr empfindsam für die Alltagsvorurteile und -rassismen, die damit immer noch zusammenhängen.
Wenn er am Ende, fast zum ersten Mal lächelnd, aus einem Auto aussteigt, hat sich viel getan im Leben des jungen Mannes; man kann nur hoffen, dass er so viel Kraft für sein Leben haben wird wie für seinen Tanz.