Es ist kein Spoiler, wenn man verrät, dass die Hauptfigur der fünfteiligen englischen Serie „Tip Toe“ am Ende erhängt von einem Laternenmast baumelt. Denn jede Episode beginnt genau mit diesem Bild und versucht anschließend aufzurollen, wie es mitten in einem Wohngebiet Manchesters zu so einer barbarischen Tat kommen konnte. Es ist die Geschichte einer zunehmenden Eskalation, die mit einem angespannten Nachbarschaftsverhältnis beginnt und zwischen ideologischen Grabenkämpfen, reaktionären gesellschaftspolitischen Entwicklungen und wirtschaftlichen Abstiegsängsten in eine Spirale aus Hass und Gewalt führt.
Abfälliger Tonfall und berufliche Machtposition
Alles beginnt recht harmlos damit, dass sich der ältere schwule Barbesitzer Leo (Alan Cumming) aus seiner Wohnung ausgesperrt hat, nachdem ihn ein One-Night-Stand beklaut hat. Hilfe sucht er ausgerechnet bei seinem langjährigen Nachbarn, dem Elektriker und Familienvater Clive (David Morrissey), dem die Verachtung für Leo ins Gesicht geschrieben steht. Schnell entwickelt sich aus dieser Begegnung ein bedrohliches Abhängigkeitsverhältnis. Um solche Vorfälle zukünftig zu vermeiden, fordert Clive einen Ersatzschlüssel ein und beginnt, unangemeldet in Leos Wohnung zu erscheinen. Der lässt, konfliktscheu wie er ist, seinen übergriffigen Nachbarn gewähren und gibt dem finanziell angeschlagenen Clive aus Mitleid sogar einen Installationsjob in seiner Bar. Sobald Leo der abfällige Ton des Elektrikers missfällt, betont er genüsslich seine berufliche Machtposition.
Clive scheint von Anfang an verloren zu sein. In seiner Ehe läuft es mies, seine beiden Söhne nehmen ihn nicht ernst und die Auftraggeber bleiben wegen seines schwierigen Naturells aus. Er ist ein klassischer Abgehängter, der sich in Verschwörungstheorien verliert und kein Bewusstsein dafür hat, dass er als heterosexueller Mann im Vergleich zu anderen immer noch viele Privilegien genießt.
Leo dagegen bleibt oft unnötig defensiv, entschuldigt sich immer artig und vergisst dabei manchmal, für sich selbst einzustehen. Und doch ist er in mancher Hinsicht besser dran als sein Nachbar. Mal hängt er mit seiner besten Freundin (Elizabeth Berrington) vor dem Fernseher ab, mal datet er andere Männer oder scherzt mit seinen jungen, vorlauten Arbeitskollegen herum. Clive dagegen hat zwar eine Familie, ist aber in selbstzerstörerischer Einsamkeit gefangen. Eine poppige Montagesequenz zeigt, wie mehrere Charaktere nachts hingebungsvoll in ihren Zimmern masturbieren. Nur Clive sitzt mit finsterer Miene auf der Couch und sieht sich auf dem Handy Videos realer Exekutionen an.
Eine durch Vorurteile, Gerüchte und Missverständnisse befeuerte Dynamik
Die von Peter Hoar inszenierte Serie wechselt spielerisch die Register. Sie weiß die Gegensätzlichkeit ihrer beiden Protagonisten komödiantisch zu betonen, zeigt als psychologisches Drama, welche Schicksale die Männer zu dem gemacht haben, was sie sind, und wandelt sich dazwischen immer wieder zum Thriller, der auf die schleichende Bedrohung durch den manchmal regelrecht dämonisch wirkenden Clive setzt. „Tip Toe“ bringt für seine Figuren Verständnis auf, ohne ihre unbedachten, dummen oder bösartigen Handlungen zu beschönigen. Clive mag durch seine Paranoia und den unkontrollierbaren Hass der Bösewicht in dieser Geschichte sein, aber mehr noch handelt die Serie von einer zerstörerischen, sich zunehmend selbständig machenden Dynamik, die sich aus unerbittlichen Gegensätzen speist und durch Vorurteile, Gerüchte und Missverständnisse immer weiter befeuert wird.
Besonders brisant dabei ist, dass einer von Clives Söhnen heimlich schwul ist und der andere einen populären OnlyFans-Kanal betreibt. Der alltägliche Klatsch und die schnelle Verbreitung durch soziale Medien tun ihr Übriges, um die Realität zu verzerren. Keine der Figuren ist dabei ausschließlich sympathisch oder gänzlich unschuldig. Die Gesellschaft an sich ist ein Minenfeld. Dazu gehören auch Verwerfungen innerhalb der queeren Szene, die von der Serie angeschnitten werden und von Trans-Rechten bis zum Nahostkonflikt reichen.
Eine Welt voller Fallstricke
Der Drehbuchautor Russell T. Davies hat bereits in den Serien „Queer as Folk“ und „It’s a Sin“ schwule Alltagswelten porträtiert und balancierte dabei zwischen Realismus und Überzeichnung. Seine Erzählweise wirkt impulsiv und aus der Hüfte geschossen, sie versucht, der Wirklichkeit gerecht zu werden, fängt stimmig den aktuellen Zeitgeist ein und nimmt sich doch auch die Freiheit zum wilden Fabulieren. Um die Eskalation immer wieder neu zu entfachen, setzt er dabei auf eine Welt voller Fallstricke und schicksalshafter Entscheidungen, die sich nicht immer innerhalb der Grenzen des Wahrscheinlichen bewegen.
Störend ist das allerdings nur in der letzten Episode. Davis setzt mit der grausamen Tat am Ende einen konsequenten Schlusspunkt, schafft es aber nicht, sie glaubhaft aus der Situation zu entwickeln. Eine Horde betrunkener, Fußball schauender Männer soll urplötzlich zum Lynchmob werden – doch weil der Schritt dorthin zu groß ist, erfindet Davies aus dem Nichts einen teuflischen Kollegen Clives, der die Meute mit gezielter Manipulation aufhetzt.
Neben dem zu dick aufgetragenen Schluss leidet „Tip Toe“ gelegentlich auch darunter, aktuelle Themen etwas grob in die Geschichte integrieren zu wollen. Immer wieder kommt es zu Monologen, die ein wenig zu predigend und erklärend wirken, um sich schlüssig aus den Figuren und der Situation zu entwickeln. Sie wirken manchmal eher wie ein externes Statement zur Gegenwart als wie ein Teil der Geschichte. Dass es auch anders geht, beweist der alkoholgeschwängerte Vortrag von Leos flamboyantem und notorisch missgelauntem Freund Melba (Paul Rhys), der sich daran erinnert, wie er sich vor 20 Jahren eine goldene Zukunft für queere Menschen ausmalte, sich heute aber dabei ertappt, in der Öffentlichkeit möglichst wenig aufzufallen. Nur noch „auf Zehenspitzen“ sei Melba unterwegs, wie die deutsche Übersetzung des englischen Originaltitels lautet. Hässliche Vorurteile über kindergefährdende Schwule und HIV-Positive, die längst überwunden schienen, sagt man anderen in der Gegenwart plötzlich wieder direkt ins Gesicht.
Argumentative Schärfe und absurder Witz
„Tip Toe“ widmet sich der gesellschaftlichen Spaltung wie auch der unverwüstlichen Homophobie mit argumentativer Schärfe, absurdem Witz und der notwendigen Brutalität. Seine Stärke besteht darin, dass die Situation stets fragil bleibt. Immer wieder denkt man sich, die Geschichte könne auch ganz anders ausgehen, wären da nur nicht diese inneren und äußeren Zwänge sowie die vielen unglücklichen Zufälle. Besonders deutlich wird das, wenn Clive und Leo sich einander auch mal öffnen oder helfen. Für einen kurzen Augenblick liegt dann ein Hauch von Sympathie in der Luft und man bekommt den Eindruck, die Widersacher könnten unter anderen Umständen vielleicht sogar Freunde werden.