Ein Horrorfilm über den jungen Jesus Christus. Schon die Prämisse von „The Carpenter’s Son“, wie der in Deutschland reißerisch als „Prophecy of The Devil“ betitelte Film im Original heißt, klingt nach kalkulierter Provokation. Tatsächlich schlug dem Film schon vor seinem US-Kinostart eine Welle empörter Kommentare entgegen, meist von Menschen, die den Film zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gesehen hatten. Denn schon der Trailer sorgte für Gesprächsstoff.
Der Blasphemie-Vorwurf lag angesichts der Thematik nahe, geht aber am Wesen dieses eigentümlichen Werks vorbei. Denn Regisseur Lotfy Nathan, der aus einer koptisch-orthodoxen Familie stammt, in London aufwuchs und heute in New York lebt, meint es mit seinem Stoff durchaus ernst. „Prophecy of The Devil“ ist kein bloßer Exploitation-Spaß auf Kosten des Christentums, sondern der aufrichtige Versuch, die biblische Überlieferung durch die Linse des Genrekinos neu zu befragen.
Von einer dunklen Ahnung überschattet
Nach seinem gefeierten Dokumentarfilmdebüt „12 O’Clock Boys“ über jugendliche Dirtbike-Fahrer in Baltimore und dem in Tunesien gedrehten Spielfilm „Harka“ wagt sich der Regisseur an sein bislang ambitioniertestes Projekt. Als Inspirationsquelle dient das apokryphe Kindheitsevangelium nach Thomas, einer jener frühchristlichen Texte, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden. Die vermutlich Ende des zweiten Jahrhunderts entstandene Schrift berichtet von Wundertaten des Jesuskindes zwischen fünf und zwölf Jahren. Nathan nimmt sich Freiheiten und setzt im Hinblick auf das Lebensalter der Figur später an. Ein Prolog zeigt die Geburt in einer Höhle im Feuerschein; ein himmlisches Licht erscheint dem Zimmermann, den eine dunkle Ahnung erfasst. „Sie werden kommen, um ihn, den König, zu töten.“
Auf einem Esel führt der Zimmermann seine Frau und das Baby an mordenden Soldaten vorbei, die auf Geheiß von König Herodes alle neugeborenen Knaben töten, da ihm ein kommender König prophezeit wurde, der seine Macht bedroht. Dass dabei auch ein Säugling in den Flammen zu sehen ist, gehört zu den Entgleisungen des Films. Es folgen Jahre im Exil und Versteck in den Bergen. „Unheil folgt uns“, heißt es aus dem Off, und dieses Unheil bildet den Grundton des Films.
Fünfzehn Jahre später lebt die Familie, die konsequent namenlos als der Zimmermann (Nicolas Cage), die Mutter (FKA Twigs) und der Junge (Noah Jupe) geführt wird, in einer Siedlung im römisch besetzten Ägypten. Der Vater findet hier Arbeit, doch der Sohn, der sein Leben lang in Angst gehalten und von den Eltern überbehütet wurde, beginnt sich den Restriktionen zu widersetzen. Er begegnet der stummen Nachbarstochter Lilith (Souheila Yacoub) und einem fremden Mädchen, dessen Gesicht von Narben überzogen ist. „Ich habe keinen Vater, und ich spiele den ganzen Tag. Willst du mit mir spielen?“
Der Teufel in listiger Gestalt
Was wie eine Freundschaft zwischen Heranwachsenden beginnt, entpuppt sich als schicksalhafte Versuchung. Der Vater hat den Sohn gewarnt, dass der Satan in Gestalten erscheinen kann, die sich an menschlichen Schwächen orientieren. Bei einem grausamen Spiel stößt die Fremde den Jungen auf einen Leprakranken, doch statt sich anzustecken, heilt er den Mann. „Du bist göttlich“, raunt es ihm von dem Geheilten entgegen.
Fortan eskalieren die Ereignisse. Lilith erleidet nach einer nächtlichen Entführung einen Krampfanfall und beißt ihrer Helferin tief ins Fleisch; der Junge, der Kontakt zu der scheinbar besessenen Frau hatte, wird der schwarzen Magie beschuldigt. Immer wieder quälen ihn Visionen seines zerschundenen, ans Kreuz geschlagenen Leibs. Später begegnet er realen Menschen, die ans Kreuz geschlagen und gefoltert wurden, weil man sie der Zauberei bezichtigte.
Auf Dauer treibt das fremde Mädchen einen Keil zwischen Vater und Sohn; sie sät Zweifel über seine Herkunft, bis der Junge, der gerade von einer Schlange gebissen wurde, dem Zimmermann die Frage entgegenschleudert, die den Kern des Films bildet: „Sag mir, wer mein Vater ist!“
Visuell wirkungsvoll
Lofty Nathan inszeniert das packend, mit einfachen, mitunter kruden, aber effektiven Bildern. Die auf 35mm gedrehten Bilder von Simon Beaufils finden in den kargen griechischen Landschaften, die als Ersatz für die ägyptischen Originalschauplätze dienen, bedrängende Perspektiven voller düsterer Schönheit: einen blutrot glühenden, ominösen Himmel und viele Nachtszenen, in denen das Produktionsdesign von Jean-Vincent Puzos eine bedeutungsschwangere Atmosphäre heraufbeschwört. Auf der Tonspur zischt es dämonisch, ein bedrohlicher Mann scheint in fremden Zungen zu sprechen; die Musik von Lorenz Dangel webt einen beschwörenden Horror-Vibe über das Geschehen.
Das Darstellerensemble weiß zu überzeugen. Noah Jupe spielt den jungen Jesus mit bedachter Zurückhaltung als einen Heranwachsenden, der zwischen Neugier, Trotz und dem überwältigenden Gefühl des eigenen Machterlebens schwankt. Die Sängerin FKA Twigs verleiht der Mutter Jesu eine stille, an Rätselhaftigkeit grenzende Würde. Die Entdeckung des Films aber ist Isla Johnston als „die Fremde“ mit einer magnetischen Präsenz, deren Blicke fast schon hypnotisch wirken. Twigs verleiht der Figur eine Mischung aus Unheimlichkeit, Verführung, Boshaftigkeit und – gegen Ende – eine Tragik.
Nicolas Cage mit biblischem Ernst
Bleibt noch der notorische Nicolas Cage, der hier zugleich als Produzent fungiert. Kaum ein Schauspieler in Hollywood hat sein Handwerk derart konsequent Richtung Exzess getrieben wie er. Sein Markenzeichen ist ein expressionistisches, jederzeit auf Totalausbruch setzendes Spiel voller manischer Entladungen und jäher Eskalationen, teils am Method-Acting orientiert, teils an einer grellen, stilisierten Künstlichkeit, das ihn zuletzt in Filmen wie „Mandy“ oder „Longlegs“ zur Ikone des Overactings gemacht hat.
Gemessen daran agiert Cage in „Prophecy of the Devil“ erstaunlich diszipliniert und ernsthaft. Doch sein Image holt ihn immer wieder ein. Sobald er als Zimmermann in Furcht oder Zorn die Stimme erhebt, etwa wenn er klagt, dass sein Glaube zu einer zerbrochenen Krücke geworden sei, wartet man geradezu reflexhaft auf die vertrauten Ausraster. Cage ist längst zu einem filmischen Spezialeffekt geworden, der zu dem biblischen Ernst dieses Films auf seltsame Weise durchaus passt.
Wie man dem Bösen widerstehen kann
Genau in dieser Reibung liegt die Eigenart des Films. „The Carpenter’s Son" vereint die Ernsthaftigkeit der Hollywood'schen Bibelfilme der 1950er-Jahre oder von Mel Gibsons „Passion Christi“ mit einer kruden B-Movie-Sensibilität zu einem seltsamen Filmzwitter. Der mitunter „over the top“ geratene Ansatz prädestiniert den Film geradezu für Mitternachtsvorführungen in Programmkinos, sein Kultpotenzial ist unverkennbar. Doch wer sich auf ihn einlässt, findet weit mehr als unfreiwillige Komik und Genre-Hingabe. Der Film stellt die Frage, warum manche Menschen gut werden und andere böse, und verhandelt am Beispiel des heranreifenden Teenagers, wie man dem Bösen widerstehen kann, ohne selbst zu verhärten oder sich in den Dienst dunkler Mächte zu stellen.
Darin steckt, ob beabsichtigt oder nicht, ein Plädoyer gegen die Grausamkeit einer Zeit, in der Härte neuerlich als Tugend ausgegeben und Mitgefühl als „toxische Empathie“ verhöhnt wird. "Prophecy of the Devil" ist ein Werk, das sich schwer mit anderen Filmen vergleichen lässt und gerade deshalb für Menschen reizvoll sein dürfte, die Filmerfahrungen jenseits starrer Genrekonventionen suchen. Die Apokryphen als finsteres Horrormärchen sind zwar kein großer filmischer Wurf, aber ein bemerkenswert eigensinniger.