Schon der Ton des Briefes lässt erahnen, welche narzisstischen Abgründe sich in seinem Verfasser auftun: Er ist wehleidig, manipulativ und unterschwellig drohend zugleich. Ein Mann wurde abserviert und will die Trennung nicht akzeptieren. Geschrieben wurde der Brief in blumigen Worten von einem über 50-Jährigen an eine Teenagerin. Sie ist in den ersten Einstellungen von „Die Einwilligung“ zu sehen, während der Brief im Off vorgelesen wird. Danach rollt der Film auf, wie diese Beziehung zustande gekommen ist.
Im Jahr 1985 nimmt die 13-jährige Vanessa (Kim Higelin) mit ihrer Mutter (Laetitia Casta), die in einem Verlag arbeitet, an einem Abendessen mit dem berühmten Autor Gabriel Matzneff (Jean-Paul Rouve) teil. Der charismatische, aber eitle Mann produziert sich vor der Dinnergesellschaft, lässt sich bewundern. Bald hat er ein Auge auf das Mädchen geworfen. Auf dem Rückweg im Taxi begrabscht er Vanessa bereits; aber so, dass es niemand außer ihr bemerkt. Im Anschluss wird er das Mädchen mit Briefen geradezu überfluten. Er nennt sie „meine süße Prinzessin“ und will sie treffen.
Die ungleichen Machtverhältnisse sind schnell klar
Vanessa, die für ihr Alter sehr belesen ist, Tagebuch schreibt und schriftstellerische Ambitionen hegt, fühlt sich geschmeichelt. Bei einem Treffen in seinem Schreibatelier lässt Matzneff allerdings keine Zweifel aufkommen, wie er sich die Beziehung vorstellt. Er will Sex mit ihr, und er ist äußerst dominant. Auch wenn Vanessa seine körperlichen Avancen nicht ablehnt, werden die ungleichen Machtverhältnisse der Beziehung schnell klar. Mit vierzehn lässt sie sich schließlich auf sexuelle Handlungen mit Matzneff ein. Doch als die Jugendschutzbehörde bei Matzneff auftaucht, verlegt der Autor die Treffen in ein Hotelzimmer.
Regisseurin Vanessa Filho erzählt ihr Drama aus der Perspektive der jungen Hauptfigur. Der Film basiert auf dem autobiografischen Roman von Vanessa Springora, der beschreibt, wie sie durch Matzneffs Psychoterror in eine folgenschwere emotionale Abhängigkeit geriet. Matzneff brüstete sich mit seinen „Eroberungen“ junger Mädchen, aber auch ganz explizit mit seinen pädophilen Exzessen mit philippinischen Jungen in seinen Büchern der 1970er- und 1980er-Jahre. Trotzdem wurde er in literarischen Kreisen hofiert, erhielt zahlreiche Auszeichnungen.
Erst Jahrzehnte später fand Springora die Kraft, über die Ereignisse selber zu schreiben. Da hatte Matzneff sie in seinen Schriften bereits mehrfach als literarische Figur ausgeschlachtet und intime Details über sie verraten. Nun dreht sie den Spieß um, in der Absicht, die Deutungshoheit über die Ereignisse zurückerlangen. Sie will den Schriftsteller ebenfalls „in ein Buch einsperren“. Das Buch entfachte im Frankreich des Jahres 2020 eine gesellschaftliche Debatte, die bereits durch „#MeToo“ angestoßen war. Allmählich wurde der Mythos des genialen „Auteurs“, sei es in Literatur, Theater oder Film, hinterfragt und damit auch die künstlerisch-moralische Immunität, die bis dahin in Frankreich für mächtige Männer im Kulturbetrieb gegolten hatte.
Ein Versuchskaninchen von vielen
So entlarvt auch der Film sehr konkret das Konzept der „Muse“, das Matzneff dazu dient, junge Mädchen und Frauen zu manipulieren und auszunutzen. Vanessa ist für ihn ein Versuchskaninchen von vielen. Er trennt nicht zwischen Leben und Literatur, überträgt sein Sexualleben quasi eins zu eins in seine Schriften – auf Kosten der Frauen und jungen Mädchen. Dabei macht er sich seine Erfahrung zunutze, behandelt Vanessa wie eine Schülerin. Zunächst umgarnt und lobt er sie. Die Schmeicheleien dienen jedoch nur als Mittel zum Zweck. Er will sein dominantes Wesen ausleben, überschreitet Grenzen und nutzt die emotionale Abhängigkeit Vanessas aus.
Denn dass diese sich nach einer Vaterfigur sehnt, findet der clevere und manipulative Autor schnell heraus. Dabei sät er auch Zwietracht zwischen Vanessa und ihrer Mutter. Dieser fällt im Film eine besonders ambivalente Rolle zu, die auch nicht immer klar wird. Zum einen will sie ihre Tochter beschützen. Doch andererseits fühlt sie sich durch die Aufmerksamkeit Matzneffs für ihre Tochter selber aufgewertet. Dabei weiß sie selbst am besten, was es bedeutet, von Männern ausgenutzt zu werden. Sie unterhält eine unerfüllte Beziehung zu einem verheirateten Mann und verfällt aus Frustration immer mehr dem Alkohol.
Schlupflöcher für Machtmissbrauch
Zuweilen fällt es schwer, die intensiv, aber nicht voyeuristisch dargestellten intimen Szenen zwischen Matzneff und Vanessa im Hotelzimmer anzusehen. Es ist eine von digitalen Medien noch nicht beherrschte Zeit, in der die Presse zwar noch große Macht hat, die aber auch Schlupflöcher für Machtmissbrauch bietet. Der Film beschreibt diese französische Gesellschaft der 1980er-Jahre auf mehrerlei Ebenen: Zum einen beleuchtet er die zerrütteten Familienverhältnisse Vanessas. Zum anderen seziert er aber auch treffend ein Milieu, das missbräuchliche Beziehungen eher schützt als moralisch verurteilt.
Denn der Imageverlust widerfährt nicht Matzneff. Er kann in geselligen Zusammenkünften in Bistros und bei Diners von seinen Taten berichten und wird dabei nur wohlwollend als Schürzenjäger und gleichzeitig genialer Autor angesehen, dessen Werk von seinem Leben gespeist wird. Es ist die psychisch bereits sehr mitgenommene Vanessa, die von Matzneffs Bekannten, aber auch von ihren Mitschülern und Lehrern geächtet wird. Dass sie das Ruder etliche Jahre später herumreißen und eine Rehabilitierung erfahren wird, ist das Tröstliche an diesem packenden und verstörenden Film.