Léon - Der Profi

Gangsterfilm | Frankreich 1994 | Kinofassung: 110 Director's Cut: 133 Minuten

Regie: Luc Besson

Ein einsamer Berufskiller gewährt einem 12-jährigen Mädchen Schutz, das ein Massaker an seiner Familie überlebt hat. Das Mädchen bringt dem Killer Schreiben und Lesen bei, während er es im Gebrauch von Waffen unterrichtet, weil sie sich an den Mördern rächen will. Ein furios geschnittener und stimmungsvoll fotografierter Gangsterfilm, dessen atemberaubender Inszenierungsstil eine geradezu soghafte Spannung erzeugt. Charakterzeichnung und Wahrscheinlichkeitsgehalt halten aber nicht mit der technischen Aufbereitung Schritt, weshalb der Film allzu selbstverliebt in einen martialischen Showdown mündet. Der Director's Cut räumt vor allem der „Lehrzeit“, in der die kindliche Killerin ausgebildet wird, einen breiten Raum ein, bei der die mit zynischem Humor vorgetragenen Methoden des Profis eher als inszenatorische Entgleisung wirken. Wo in der Kinoversion manches noch in einer reizvollen Schwebe blieb, ist vieles nun eindeutiger und geheimnisloser. Der „Director's Cut“ gewinnt allenfalls durch einen ausgewogeneren erzählerischen Rhythmus. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LEON
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
1994
Regie
Luc Besson
Buch
Luc Besson
Kamera
Thierry Arbogast
Musik
Eric Serra
Schnitt
Sylvie Landra
Darsteller
Jean Reno (Léon) · Natalie Portman (Mathilda) · Gary Oldman (Stansfield) · Danny Aiello (Tony) · Peter Appel (Malky)
Länge
Kinofassung: 110 Director's Cut: 133 Minuten
Kinostart
05.07.2022
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Gangsterfilm

Heimkino

Die Extras der BD-Editionen und der 4K UHD (plus BD)-Edition enthalten u.a. die drei Featurettes: "Jean Reno - Road to Léon" (12 Min.), "Natalie Portman - Starting Young" (14 Min.) und "Léon - A Ten Years Retrospective" (25 Min.).

Verleih DVD
DC: EuroVideo (1.85:1, DD5.1 dt.) DC: Kinowelt (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt., dts dt.) Kinofassung: Kinowelt (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt., dts dt.)
Verleih Blu-ray
Kinowelt & StudioCanal (16:9, 2.35:1, dts-HDMA7.1 engl./dt.)
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Ein zurückgezogen lebender New Yorker Profikiller beschützt ein zwölfjähriges Mädchen, dessen Eltern ermordet wurden. Während sie ihm Lesen und Schreiben beibringt, unterrichtet er sie im Gebrauch von Waffen, da das frühreife Mädchen sich rächen will.

Diskussion

Ein zurückgezogen lebender New Yorker Profikiller beschützt ein zwölfjähriges Mädchen, dessen Eltern ermordet wurden. Während sie ihm Lesen und Schreiben beibringt, unterrichtet er sie im Gebrauch von Waffen, das das frühreife Mädchen sich rächen will.

In „Nikita“ führte ein sogenannter „Cleaner“, ein Auftragskiller, den von der Titelheldin ohne Blutvergießen geplanten Auftrag leichenreich zu Ende. Diese Nebenfigur hat Regisseur Luc Besson in „Lèon – Der Profi“ jetzt zur Hauptperson gemacht und seinem Lieblingsdarsteller Jean Reno auf den Leib geschrieben.

Léon, ein aus Sizilien stammender Italo-Amerikaner, arbeitet als „Cleaner“ für den Mafia-Boß Tony, der in Brooklyn ein Restaurant betreibt. Der Einzelgänger lebt nach eisernen Regeln unauffällig in einer Mietwohnung: Keinen Kontakt zur Umwelt, jeden Morgen Fitnesstraining, zwei Licht Milch pro Tag, und Frauen und Kinder dürfen nicht auf seiner „Mordliste“ stehen. Tony ist nicht nur sein väterlicher Freund, sondern auch sein „Bank“, die seine Einnahmen verwaltet.

Ein Deal auf Gegenseitigkeit

Eines Tages beobachtet Léon, wie die in Drogengeschäfte verwickelte Nachbarsfamilie von einer Killerbande ermordet wird. Nur die zwölfjährige Mathilda, die gerade vom Einkaufen zurückkehrt und geistesgegenwärtig bei Léon klingt, entgeht dem Massaker. Und Léon hat fortan seine „Unschuld“ verloren, ist verwundbar geworden – denn Mathilda nistet sich bei ihm ein. Das frühreife Mädchen schlägt ihm Lesen und Schreiben bei, er soll ihm den Umgang mit Waffen lehren, denn Mathilda will sich an den Mördern ihrer Eltern und Geschwister rächen.

Auf eigene Faust spürt sie den Drogenboss Stansfield auf, der gleichzeitig der Chef der Rauschgiftpolizei ist und mit seinem ebenso korrupten Untergebenen die Szene kontrolliert. Mathilda schleicht sich als Pizza-Botin in seine Behörde, wird aber von Stansfield entdeckt. Léon schießt sie heraus. Fortna werden beiden von der New Yorker Polizei gejagt. Sie verbarrikadieren sich in ihrer Wohnung, und während Léon die Polizei in Schach hält, kann Mathilda durch einen Luftschacht fliehen. Durch einen Trick gelingt es dem schwerverletzten Léon, das Haus unerkannt zu verlassen. Aber wieder ahnt Stansfield die Gefahr. Es kommt zu einem Duell, das für beide tödlich endet.

Der Film beginnt mit einem Kameraflug über den Fluss, eine Parklandschaft, ihn zu den Wolkenkratzern von New York – bis die Kamera, unterstützt von den sphärischen Computerklängen des stimmungsvollen Soundtracks, in Tonys Restaurant „eintaucht“ wie in eine geheimnisvolle Welt unter Wasser. Es ist die Welt von Léon, den man anfangs nur als „Sonnenbrille“ wahrnimmt; Detailaufnahmen erfassen nur Ausschnitte seiner Figur – bis man ihn bei der Ausführung seiner „Arbeit“ erstmals als ganze Person sieht. Lautlos und geschmeidig bringt er gleich ein halbes Dutzend Aufpasser zur Strecke, um ihrem Boss dann  auszurichten, was sein Auftraggeber von ihm erwartet.

Vorliebe für Pflanzen und Gene-Kelly-Musicals

Hat er seinen Job erledigt, verwandelt er sich mit seinem weiten schwarzen Mantel, unter dem sich ein ganzes Waffenarsenal verbirgt, und seinen zu kurzen Hosen eher in einen „Ritter von der traurigen Gestalt“, der etwas tapsig durchs Leben läuft, verklärt im Kino Gene-Kelly-Musicals genießt und zu Hause liebevoll seine Pflanze pflegt. Ein Killer zwischen Bestie und Biedermann, ein „eiskalter Engel“ des modernen Action-Kinos.

Statt in diesen Charakter einzutauchen, versucht Besson, ihn durch die Einführung von Mathilda aufzubrechen, ihm scheinbar verschüttete Gefühle zu entlocken. Das gelingt aber nicht sehr überzeugend, weil die zwischen frühreifer Lolita und exzentrischer Madonna angelegte Figur allzu künstlich wirkt. Man glaubt dieser zwölfjährigen Göre weder die coole Killerin noch die männermordende Femme fatale. Vor allem glaubt man Léon nicht sein Festhalten an dieser für ihn höchst bedrohlichen Beziehung, obwohl die Szenen, in denen sie den Analphabeten unterrichtet, etwas rührend Väterliches haben.

An der schauspielerischen Potenz von Jean Reno und der Neuentdeckung Natalie Portman liegt es nicht, dass man der Geschichte nicht so richtig folgen mag, eher an der Naivität des Drehbuchs, das weismachen will, dass ein hoher Polizeibeamter solange ungestraft sein Doppelspiel treiben kann, obwohl ständig (Kinder-)Leichen seinen Weg säumen und die Opfer regelrecht hingerichtet werden. Auch das Verhalten der Polizei, die mit modernster Waffentechnik die Wohnung des Killers stürmt, obwohl sie weiß, dass er das Mädchen bei sich hat, geht an der Realität vorbei.

Ein Meister der Spannung

Letztlich dient diese furios inszenierte und geschnittene Schlusssequenz nur einer allzu martialischen Huldigung des Action-Kinos. Hier erweist sich Luc Besson allerdings als Meister der Spannung und wohldosierter Überraschungseffekte. Erstaunlich auch, wie gerade europäische Regisseure und ihre Kameraleute es immer wieder verstehen, New York noch neue Reize abzugewinnen. Das Sahnehäubchen auf diesem trotz aller inhaltlichen Zwiespältigkeit atemberaubenden Gangsterfilm ist die schauspielerische Leistung von Gary Oldman. Er spielt den Drogenboss Stansfield, der sich mit klassischer Musik aus dem Walkman vor dem Töten stimuliert, als durchgeknallten Psychopathen. Oldman erweist sich einmal mehr als der vielleicht facettenreichste Darsteller des gegenwärtigen Kinos: ein Schauspieler, der voll in seinen Rollen aufgeht. Sein Spiel ist ganz auf sich konzentriert, den Bedürfnissen der Figur angepasst: beklemmend exzessiv, wenn er allein die Szene beherrschen soll, zurückgenommen, aber nicht weniger eindringlich, wenn er Gegenspieler hat. Eine darstellerische Augenweide - wenn auch (wie so oft bei Oldman) eine zum Fürchten.

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Nachtrag zur Veröffentlichung von „Léon – Der Profi – Director’s Cut“ (1995/13):

Mit der Präsentation sogenannter „Director's Cuts“ hat sich die Verleihbranche in letzter Zeit eine neue Einnahmequelle erschlossen. Mit dem Versprechen, nun endlich die authentische Fassung des vorher (von wem auch immer) verstümmelten Films zu sehen, kassiert man beim selben Publikum zweimal ab. Bei der restaurierten Passung von „Lawrence von Arabien“ ergab dies noch Sinn, offenbarten die seinerseits herausgeschnittenen Szenen nun deutlich die homosexuellen Neigungen der Titelfigur. Bei der noch in Sekunden zu zählenden „Verlängerung“ von „Blade Runner“ wurde die Methode allerdings schon fragwürdig: auch der nun knapp 25-minütige „Nachschlag“ zu „Léon“ bringt keine neuen Erkenntnisse über ursprünglich einmal anders gedachte Absichten des Regisseurs.

Neben einigen für die Geschichte und das Verständnis eher unerheblichen „Füllszenen“ beschert die „Director’s Cut“-Fassung eine lange Sequenz, in der Léon seine kindliche Partnerin zur Killerin ausbildet. Diese „Lehrzeit“ war in der ursprünglichen Version nur angedeutet worden, wohl auch, um in Frankreich die Jugendfreigabe zu ermöglichen. Zur Vertiefung der Charaktere der beiden Hauptpersonen und ihrer Beziehung trägt diese Erweiterung allerdings nicht bei. Im Gegenteil, sie nimmt der Geschichte letztlich das „Geheimnis“. War man ursprünglich noch im Zweifel, ob zwischen dem ungleichen Paar nicht doch eine verbotene sexuelle Beziehung bestand, was dem Film neben seiner Action-Ebene eine innere Spannung verliehe, so wird man jetzt mit der eher nüchternen „beruflichen“ Sicht konfrontiert, die zudem etwas äußerst Fragwürdiges hat. Kinder zu Killern auszubilden und die Methoden auch noch genüsslich (und mit zynischem Humor) vorzuführen, ist eine inszenatorische Entgleisung, deren Entfernung den Film „verbessert“ hatte. Wenn man nun für die „schlechtere“ Version nochmals zur Kasse gebeten wird, dann kann man dies eigentlich nur als Beutelschneiderei bezeichnen.

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