Tragikomödie | USA 1994 | 126 Minuten

Regie: Tim Burton

Ein verspielter Film über Ed Wood, den "schlechtesten Regisseur der Filmgeschichte", in seiner produktivsten Zeit zwischen 1953 und 1956. Entlang der Freundschaft mit dem "Dracula"-Darsteller Bela Lugosi wird die skurrile Arbeit Woods geschildert, der ohne ernstzunehmende Produktionsmittel und umgeben von einer bizarren Crew in den Hinterhöfen Hollywoods seine Spleens und Ideen unbeirrt zu verwirklichen versucht. Die etwas holprige Dramaturgie wird durch viel Liebe zum Detail, bewußte Stilisierungen, spielfreudige Darsteller und visuelle Fantasie mehr als wettgemacht. Eine Tragikomödie, die bei aller Absurdität tiefe Sympathie für ihre Figuren verrät. (Vgl. auch die Filme von Ed Wood: "Glen or Glenda", "Plan 9 aus dem Weltall", "Die Rache des Würgers") - Ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
ED WOOD
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
1994
Produktionsfirma
Touchstone Pictures
Regie
Tim Burton
Buch
Scott Alexander · Larry Karaszewski
Kamera
Stefan Czapsky
Musik
Howard Shore
Schnitt
Chris Lebenzon
Darsteller
Johnny Depp (Ed Wood) · Martin Landau (Bela Lugosi) · Sarah Jessica Parker (Dolores Fuller) · Patricia Arquette (Kathy O'Hara) · Jeffrey Jones (Criswell)
Länge
126 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Tragikomödie
Externe Links
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Diskussion
"Ed Wood" - das ist alles andere als eine typisch amerikanische Erfolgsstory, im Gegenteil. Und Tim Burtons Film ist auch gewiß kein auf Realität versessenes Biopic. Aber gerade deshalb kann man in "Ed Wood" einen ganz eigenen, unverkrampften Beitrag zum Jubiläum des Kinos sehen, zu dessen Geschichte neben den Stars eben auch die Außenseiter zählen. Auf den ersten Blick mag Ed Wood, "schlechtester Regisseur der Filmgeschichte", wenig mit früheren Figuren aus Tim-Burton-Filmen gemeinsam haben. Und doch fügt er sich nahtlos in das Panoptikum Burtonscher Charaktere ein, die sowohl kleine und kleinste Werke wie Burtons Kurzfilmdebüt "Vincent" oder "Edward mit den Scherenhänden" (fd 29 936) als auch Megaproduktionen wie "Batman" (fd 27 905) bevölkern. Darin besteht wohl auch das große Talent des 37jährigen Regisseurs: so wie seine Filme bei aller Verschiedenheit eine ganz individuelle Note besitzen, so einzigartig kurios sind die Protagonisten, denen sie eine Plattform bieten.

Ed Wood, "unabhängiger" Filmemacher im Hollywood der 50er, 60er Jahre, schafft sich abseits des Normalen eine Welt, in der er ganz wie Vincent Malloy oder Batman seine abstrusen Ideen und Spleens verfolgen kann. Wie sein großes Vorbild Orson Welles möchte er Filme machen, sein eigener Regisseur, Produzent und Schauspieler sein. Dabei sind Eifer und Engagement leider um ein Vielfaches größer als sein Talent. Fehlende Produktionsmittel tun ein übriges, damit aus seinen in kürzester Zeit konzipierten Drehbüchern die unsäglichsten Filme werden, neben denen selbst Exploitation-Movies Marke Roger Corman einen Hauch von Glamour auszustrahlen scheinen. Eine wacklige Kulisse, eine lahme Oktopus-Attrappe oder ein sonstwie mißglückter Take: kein Problem für Ed Wood -das gehört zu seinem Stil.

Burtons wunderbar verspielte, in Schwarz-Weiß gedrehte Tragikomödie besticht durch eine Stilisierung, die die 50er Jahre "bigger than life" erscheinen läßt. Maske, Produktionsdesign und Kamera/ Licht funktionieren ausgezeichnet miteinander in dem Film, der alles andere als ein Kunstfilm sein will und doch dem europäischen Kino wesentlich näher steht als dem Hollywoods. Was in dem Nebeneinander von Momenten aus Woods Leben und nachgestellten Dreharbeiten/Filmszenen etwas verloren geht - eigentlich auch ein Kennzeichen anderer Burton-Filme -, ist die geradlinige Erzählung. Womöglich ist es auch die überbordende Zahl skurriler Einfälle und Gestalten, die das wirre Dasein Edward D. Woods nicht minder verwirrend im Film wirken läßt.

Neben Wood selbst - von Johnny Depp liebenswert naiv und charmant gespielt - ist Bela Lugosi die zentrale Figur (Martin Landau erhielt für den Part den "Oscar" für die beste Nebenrolle). Die merkwürdige Freundschaft zwischen dem einmaligen Regisseur und dem gealterten und drogenabhängigen Darsteller des "Dracula" (1931, Regie: Tod Browning) verleiht dem Film eine Art roten Faden, der auch den Einstieg in Woods Leben (kurz vor "Glen or Glenda", 1953) und das Ende (die Erstaufführung von "Plan 9 aus dem Weltall", 1956, kurz nach Lugosis Tod) etwas plausibler macht. Damit bleibt es dem Film dann auch erspart, den tragischen Niedergang Woods beschreiben zu müssen. Denn selbst die im Film frech eingebaute Begegnung mit Orson Welles, der Wood von seinen Problemen bei der Produktion von "Im Zeichen des Bösen" erzählt, konnte seiner Karriere keine positive Wende geben.

Ed Wood: der Außenseiter schlechthin, als Hollywood-Regisseur unvorstellbar. Sein Verhältnis zur Außenwelt war brüchig nicht nur, weil er für seine merkwürdigen Projekte keine Geldgeber fand, sondern weil sein ganzes Wesen - insbesondere sein Faible für Frauenwäsche - kaum mit geltenden Normen in Einklang zu bringen war. Was für Edward die Scherenhände und für Batman Cape und Kampfausrüstung sind, war für ihn die Kamera. Hinter ihr setzte er sich mit dem Leben auseinander. Daß Burton eigentlich in einer ähnlichen Rolle steckt, die er freilich viel erfolgreicher, aber ebenso unkonventionell und geradlinig ausfüllt, sei hier nur am Rande erwähnt. Auch in Burtons Welt der perfekten Kulissen und Special-Effects ist der Illusionscharakter - neben einem Schuß Unernst und Ironie - immer gegenwärtig. Ein schönes Spiegelbild des Regisseurs hat er sich selbst mit der Figur des Erfinders in "Edward mit den Scherenhänden" geschaffen. Die Rolle übernahm kein geringerer als Vincent Price, ein Idol Burtons. Parallelen zur Geschichte Ed Woods (und Bela Lugosis) sind da rein zufällig - oder doch nicht?
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