Drama | Spanien 1992 | 90 Minuten

Regie: Julio Medem

Ein in vier Kapitel unterteilter Film, der über drei Generationen hinweg von 1875 bis 1936 die konfliktreiche Geschichte zweier baskischer Familien erzählt. "Begleitet" werden sie dabei von ebenfalls drei Generationen von Kühen. Ein Drama über Leidenschaft, Ehre, Feigheit, Irrsinn und den Wahnsinn des (Bruder-)Krieges. Durch die Korrespondenz von alltäglichen Gefühlen, surrealen und mystischen Elementen entsteht ein fast hypnotischer Sog, der durch die beeindruckende Kameraarbeit noch verstärkt wird. Einfallsreich inszeniert und ausgezeichnet gespielt. - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
VACAS
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
1992
Produktionsfirma
Sogetel
Regie
Julio Medem
Buch
Michel Gaztombide · Julio Medem
Kamera
Carles Gusi
Musik
Alberto Iglesias
Schnitt
Elena Sainz de Rozas
Darsteller
Emma Suárez (Cristina) · Carmelo Gómez (Peru) · Ana Torrent (Catalina) · Manuel Blasco (Manuel) · Cadido Uranga (Lucas)
Länge
90 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Diskussion
Der Film erzählt, unterteilt in vier Kapitel, über drei Generationen hinweg die konfliktreiche Geschichte zweier baskischer Familien. Im ersten Kapitel "Der feige Aizkolari" treffen sich 1875 die Familienoberhäupter Manuel und Carmelo, beide populäre Aizkolari (ein Held der noch heute im Baskenland ausgeübten Sportart "Baumstammhacken"), in einem Schützengraben. Auf der Seite der nationalistischen Carlisten kämpfend, werden sie von den Liberalen überrannt. Der vor Angst schlotternde Manuel überlebt nur, weil er sich mit dem Blut des tödlich getroffenen Carmelo beschmiert. Als man die Toten abtransportiert, zerschmettert ein Wagenrad Manuels Knie. Trotzdem kann er fliehen, neugierig beäugt von einer Kuh. Das zweite Kapitel ("Die Äxte") spielt 30 Jahre später in jenem kleinen Tal in Guipuzcoan, in dem die beiden Familien, nur getrennt durch einen Hügel und ein Stück Wald, leben. Der verwirrt aus dem Krieg heimgekehrte Manuel sitzt alltäglich vor seiner Staffelei und malt makabre Bilder von seiner Lieblingskuh Txargorri. Sein Sohn Ignacio und Juan, der Sohn des gefallenen Nachbarn, setzen die Tradition der Väter fort und treten zum Wettkampf im "Baumstammhacken" an. Der Sieg Ignacios und seine Erfolge in überregionalen Wettkämpfen vertiefen die Feindschaft der Familien, zumal der verheiratete Ignacio ein Verhältnis mit Juans Schwester Catalina anfängt, das nicht ohne Folgen bleibt. Zehn Jahre später ist Ignacio der größte "Aizkolari" des Baskenlandes. Catalina leidet unter dem Haß und der Gewalt ihres gescheiterten Bruders. Und Manuel zeigt in diesem dritten Kapitel ("Das brennende Loch") seiner Enkeltochter Cristina und Ignacios illegitimen Sohn Peru, die eine enge Freundschaft verbindet, die Geheimnisse des Waldes. Schließlich verläßt Ignacio seine Familie und emigriert mit Catalina und Peru nach Amerika.

Im letzten Kapitel ("Krieg im Walde") kehrt Peru 1936 als amerikanischer Fotoreporter nach Spanien zurück, um über den Bürgerkrieg zu berichten. Als die mit Franco verbündeten Carlisten, denen sich auch Juan angeschlossen hat, sein Heimattal überfallen, flieht er mit Cristina in den Wald. Verborgen im Farn gestehen sie sich ihre "verbotene" Liebe. Als sie entdeckt werden, wird Peru vor ein Erschießungskommando gebracht, aber im letzten Moment durch die Fürsprache Juans gerettet.

Julio Medems Spielfilmdebüt entpuppt sich im nachhinein als jenes "große filmische Versprechen", das er mit seinem zweiten, preisgekrönten Werk "Das rote Eichhörnchen" (fd 31 274) einlöste. "Kühe" ist ein sezierender und gleichzeitig poetischer Blick auf einen Mikrokosmos, unter dessen Oberfläche es ständig gefährlich brodelt: Haß, Liebe, Begierde, Irrsinn scheinen nur auf ein Zeichen zum Ausbruch zu warten. Und die Signale setzt die Natur: der die Ohren geradezu verletzende Ton, wenn die Äxte die Luft zerschneiden. das seltsame Echo, mit dem das "brennende Loch" "antwortet" und die bedrohlich-sphärischen Klänge, die die Protagonisten umfangen, wenn sie den Wald durchstreifen. Medems noch nicht durchstrukturierte, eher assoziativ verwendete Surrealismen stehen dabei in einem manchmal nur erahnbaren Zusammenhang mit den sozialen und politischen Hintergründen der Geschichte. So erlebt man nicht nur drei Generationen von Menschen, sondern auch drei Generationen von Kühen, die das Schicksal der Menschen scheinbar verstehend "beäugen". Ihre Pupillen sind wie die Linse des Fotoapparates, der Ignacio nach seinem letzten Wettkampf ablichtet. Sie halten die Ereignisse fest und spiegeln sie auch wider, wenn man, wie Manuel, in sie hineinblickt. Sie klagen aber auch stumm an, "kommentieren" so die Feigheit von Manuel und später die von Peru, die aber beiden das Leben rettet. Vielleicht malt Manuel ja deshalb mit schon manischer Besessenheit Kühe, weil eine Kuh die erste Kreatur war, der er nach seiner "Auferstehung von den Toten" in die Augen blickte. Und vielleicht hackt er Txargorri die Füße ab, weil sie als einzige sein Geheimnis kennt. Aber die Kühe werten nicht wie die Menschen, die der Liebe mit Eifersucht und der (sportlichen) Niederlage mit gekränkter Eitelkeit und falschem Ehrgefühl entgegentreten.

Ein wenig hat Medem sich die Sichtweise seiner Kühe zu eigen gemacht: er beobachtet die Gefühle seiner Protagonisten, ohne dem Zuschauer eine Identifikationsfigur aufzudrängen. Die Unterteilung in Kapitel, die jedes für sich abgeschlossen sind (und doch zusammenhängen), schafft Distanz zur Geschichte, macht Blick und Gedanken frei für das mystische Zusammenspiel von Natur und Schicksal. Unterstützt von einer mit außergewöhnlichen Perspektiven arbeitenden Kamera und einem überzeugend agierenden Darstellerteam (in dem einige Schauspieler mehrere Rollen spielen) entstand so ein zwischen alltäglichen Gefühlen und geheimnisvoller Atmosphäre angesiedelter Film, der den Zuschauer fast hypnotisch in seinen Sog zieht.
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