Zwielicht (1995)

Literaturverfilmung | USA 1995 | 130 Minuten

Regie: Gregory Hoblit

Ein erfolgshungriger Star-Anwalt übernimmt die Verteidigung eines Ministranten, der angeklagt wird, den Erzbischof von Chicago ermordet zu haben. Wenig konzentrierter, mit spektakulären Wendungen versehener Gerichtsfilm, der in den Hauptrollen fesselnde darstellerische Leistungen, in Handlung und formaler Gestaltung aber nur professionelles Mittelmaß anbietet.

Filmdaten

Originaltitel
PRIMAL FEAR
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
1995
Regie
Gregory Hoblit
Buch
Steve Shagan · Ann Biderman
Kamera
Michael Chapman
Musik
James Newton Howard
Schnitt
David Rosenbloom
Darsteller
Richard Gere (Martin Vail) · Laura Linney (Janet Venable) · Edward Norton (Aaron Stampler) · John Mahoney (John Shaughnessy) · Alfre Woodard (Richterin Shoat)
Länge
130 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16; f
Genre
Literaturverfilmung | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Paramount (16:9, 1.78:1, DD5.1 engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Paramount (16:9, 1.78:1, TrueHD engl., DD5.1 dt.)
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Diskussion
Das Genre des Gerichtsfilms ist so alt wie der Film selbst, aber es ist einer der sprödesten und schwierigsten. Die meisten Klassiker der Gattung - selbst die von Hitchcock und Preminger - sind nur so gut wie ihr Drehbuch. Die Tücken und Tricks des Genres sind vertraut, die Neugier des Publikums ist chronisch und die Hinterlist der meisten Autoren voraussehbar. "Zwielicht" hat einiges für sich, scheitert aber in den Fallstricken der Gattung.

Obwohl Richard Gere hier fast auf der Höhe seines korrupten Polizeidetektivs in Mike Figgis' "Internal Affairs - Trau' ihm, er ist ein Cop" (fd 28 250 ) ist, bleibt sein glatter, erfolgshungriger Star-Verteidiger Martin Vail in den Klischees des Kino-Anwalts stecken. So sehr die Autoren an seinem Image herumbasteln, so wenig überzeugend fällt doch letztlich sein Profil aus. Um so mehr unerwartete Wandlungen stehen für Vails Klienten, einen unbeholfenen und schüchternen Ministranten des Chicagoer Erzbischofs, bereit, der verdächtigt wird, seinen Gönner mit 78 Messerstichen umgebracht zu haben.

Amerikanische Boulevardblätter delektierten sich in den letzten Jahren an genüßlich ausgeschlachteten Geschichten von Sex-Skandalen katholischer Geistlicher. Es überrascht deshalb nicht, daß Hollywood auch dieses Thema für spektakulär genug hält, um es auf die Leinwand zu bringen. Was erstaunt, ist hingegen, daß es in "Zwielicht" als Motiv und Hintergrund gewählt wird, ohne den Details größere Bedeutung beizumessen als jeder beliebigen Ausgangssituation für einen Schlagzeilen-Prozeß. Der Meßdiener Aaron mag Grund genug gehabt haben, den Mord zu begehen, doch selbst Vail, den kaum etwas außer Fassung bringen kann, beginnt daran zu zweifeln.

"Zwielicht" ist die erste Spielfilmregie von Gregory Hoblit, dem das amerikanische Fernsehen die unkonventionellsten Episoden der Serien "Hill Street Blues", "NYPD Blues" und "L.A. Law" zu verdanken hat. Er bringt sogar ein paar der profiliertesten Fernsehschauspieler mit. Doch das längere Format des Kinofilms vermag er nicht so dicht zu organisieren wie eine Serienfolge, und die Darsteller verlieren unter den papierenen Dialogen ihr hartes Profil. So reduziert sich "Primal Fear" alsbald zu einem - mit unnütz vielen Randfiguren angereicherten - Zwei-Personen-Stück. Es sind Gere und der bis dato unbekannte Edward Norton als Aaron, die das Interesse wachhalten. Norton erweist sich dabei als echte Entdeckung. Er schafft jede Nuance des komplizierten Charakters, den er zu spielen hat. Daß die diversen Wendungen, die das Drehbuch einschlägt, seine Figur nicht überzeugender machen, ist alles andere als seine Schuld.

Von der Handlung wird hier nicht mehr berichtet, weil dies einer jener Filme ist, deren Winkelzüge man kaum beschreiben kann, ohne jedes Vergnügen im Kino zu ruinieren. Selbst einem mittelmäßigen Film sollte man das nicht antun. Zu mehr als Mittelmaß reicht es leider bei "Zwielicht" nicht. Das hat viel damit zu tun, daß die Handlung in zu viele Seitenlinien abirrt, die zunächst brisant oder amüsant erscheinen, bald aber jede Bedeutung verlieren. Auch in der Verhandlung hat man schon weitaus aufregendere Duelle zwischen Anklage und Verteidigung erlebt. Und der zynische Unterton, der fast schon zu diesem Genre gehört wie das Stereotyp des schwarzen Richters (diesmal immerhin eine Frau), geht mit der Entwicklung des Falls mehr und mehr in weitaus weniger kurzweiliges Moralisieren über. Schließlich gilt es doch, den arroganten Strafverteidiger sympathisch zu machen. Richard Gere hatte in "Internal Affairs" keine Probleme mit einer zunehmend unsympathischen Rolle. Die Produzenten von "Zwielicht" gehen lieber auf Nummer sicher, was wohl auch der Grund dafür ist, daß sich von Hoblits realistischem Fernsehstil kaum noch etwas wiederfinden läßt.
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