Thriller | USA 1996 | 116 Minuten

Regie: Tony Scott

Ein im Berufs- und Privatleben gescheiterter Handelsvertreter gibt sich ganz seiner Verehrung für einen Baseballstar hin. Er ermordet sogar dessen Widersacher und steigert sich so in seine Obsession hinein, daß er schließlich den Sohn seines Idols entführt, um dessen Zuneigung zu bekommen. Die Werbefilm-Ästhetik der Inszenierung verhindert eine stringente Entwicklung der Geschichte und eine glaubhafte Zeichnung der Charaktere. Der aufdringliche Soundtrack zerstört jede Stimmung. Was bleibt, sind ein überaus präsenter Hauptdarsteller und einige die oberflächliche Hochglanzinszenierung durchbrechende licht- und farbdramaturgische Effekte. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE FAN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
1996
Regie
Tony Scott
Buch
Phoef Sutton
Kamera
Dariusz Wolski
Musik
Hans Zimmer
Schnitt
Christian Adam Wagner · Claire Simpson
Darsteller
Robert De Niro (Gil Renard) · Wesley Snipes (Bobby Rayburn) · Ellen Barkin (Jewel Stern) · John Leguizamo (Manny) · Benicio Del Toro (Juan Primo)
Länge
116 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Thriller | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
CinePlus (16:9, 1.78:1, DD5.1 dt.)
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Diskussion
Die Geschichte erinnert fatal an die Wirklichkeit: Als vor einigen Jahren ein harmlos wirkender Mann die Weltranglistenerste im Damentennis, Monica Seles, niederstach, damit die von ihm verehrte Steffi Graf diese Position wieder einnehmen könnte, wurde deutlich, wie eng Bewunderung und Obsession zusammenhängen. Tony Scotts Film handelt auch von einem der in ihren Helden vernarrten Fans, die zugunsten ihres Stars Schicksal spielen.

Für den Handelsvertreter Gil Renard erfüllt sich ein Traum, als er bei der Live-Reportage eines Radiosenders mit seinem Idol, dem schwarzen Baseball-Star Bobby Rayburn, plaudern kann. Als er auch noch erfährt, daß Rayburn zu seinem Lieblingsverein, den San Francisco Giants zurückkehrt, hält er dies für eine göttliche Fügung. Doch mit dem Wechsel verliert der vom Publikum und Medien verhätschelte Rayburn nicht nur seine scheinbar magische Rückennummer "II" an den Mannschaftskameraden Juan Primo, sondern auch seine Form. In dem Maße, wie Rayburns Beliebtheitskurve sinkt, steigt die Popularität Primos. Gil kann den Abstieg seines Stars nicht ertragen und versucht, Primo zu überreden, Rayburn wieder die Nummer 11 zu überlassen. Als Promo sich weigert, ermordet er ihn. Da es offensichtlich kein Motiv für die Tat gibt, kommt ihm die Polizei nicht auf die Spur. Renard sucht weiter die Nähe zu seinem Idol und rettet eines Tages Rayburns Sohn vor dem Ertrinken. Daraufhin wird er von Rayburn eingeladen. Renard gibt sich nicht als Fan zu erkennen, versucht aber, von Rayburn irgendein Zeichen von "Dankbarkeit" für seine (Mord-)Tat zu erhaschen. Als Rayburn ihm diesen Gefallen nicht tut, wandelt sich seine Verehrung in Enttäuschung und Zorn. Er entführt Rayburns Sohn und fordert als Lösegeld einen "homerun" im nächsten Spiel, den Rayburn dann ihm, seinem treuesten Fan, widmen soll. In der ausverkauften Arena kommt es zum für Renard tödlich endenden Showdown.

Die Inszenierung ist ganz auf die Präsens des Hauptdarstellers Robert De Niro ausgerichtet. De Niro, der in "King of Comedy" (fd 23 851) schon einschlägige Erfahrungen sammeln konnte, zeichnet seine im Berufs- wie Privatleben gescheiterte Figur mit soviel realistischer Alltäglichkeit, daß man nicht umhin kann, erst einmal Mitleid mit diesem Menschen zu empfinden: Niemand will mehr seine Messer-Kollektin kaufen, und seine Ex-Frau drangsaliert ihn mit den Besuchtsterminen des gemeinsamen Kindes. Als beide Ebenen am Tage des Saisoneröffnungsspiels der Giants aufeinandertreffen, wird der Riß in Renards Persönlichkeit deutlich: Er hat auf dem Schwarzmarkt zwei teure Karten erstanden, um seinem Sohn eine Freude zu machen. Der aber interessiert sich mehr für Popcorn als für das Geschehen auf dem Spielfeld. Renard ist unendlich genervt, zudem ihm noch ein wichtiger Geschäftstermin im Nacken sitzt. Er läßt seinen Sohn kurz allein im Stadion, um dann von seinem Geschäftspartner zu erfahren, daß der wegen des Giant-Spiels die Verabredung hat platzen lassen. Zurückgekehrt, findet er den Platz seines Sohnes leer. Seine ganze Enttäuschung entlädt sich: er dringt mit Gewalt in das Haus seiner Ex-Frau ein und verbarrikadiert sich im Kinderzimmer seines von Tribünennachbarn "abgegebenen" Sohnes. In dieser Szene spürt man die Verletzlichkeit, aber auch die angestaute Wut eines Menschen, dem das Leben langsam aus den Händen gleitet. Aber dann gleitet die Figur dem Drehbuchautor aus den Händen, läßt sie zum Psychopathen verkommen, der mit allzu hanebüchenen Zufälligkeiten (Saunamord, Badeunfall) bedient wird, um seine Obsessionen zu befriedigen. Leider entwickelt er auf der Gegenseite mit dem Baseball-Star keine gleich starke Figur. Rayburn definiert sich mehr über die Nebenfigur der Radio-Reporterin Jewel Stern und ihrer gemeinsamen Gespräche. Das liegt natürlich auch an den begrenzten schauspielerischen Mitteln von Wesley Snipes. So wundert es nicht, daß sowohl Ellen Barkin als auch John Leguizamo als Agent in ihren Kurzauftritten mehr Profil gewinnen als der Co-Star des Films. Optisch bietet Tony Scott nicht Neues. Nach seinem Hoffnung weckenden Debütfilm "Begierde" 1982 (fd 24 050) hat er sich immer mehr der Ästhetik des Werbefilms verschrieben. Die meist mit langen Brennweiten aufgenommenen Bilder lassen keine Tiefe zu, die vielen Großaufnahmen angeschnittener Köpfe wirken allzu kunstgewerblich und vermittlen ständig den Eindruck, daß man im Grunde nicht im Kino, sondern vor sich bewegenden Reklamewandbildern sitzt, die einem eine Geschichte verkaufen, statt sie stringent zu erzählen. Der Kameramann versucht zwar, mit seiner Licht- und Farbdramaturgie die Glätten etwas auszubügeln, indem er konterkarierend arbeitet: der "böse" Renard erscheint wie verklärt in weichem Licht und pastellartigen Farben, während der "gute" Rayburn hart beleuchtet, in knalligen Farben seine Auftritte hat. Hans Zimmer dagegen wird seinem Ruf gerecht, der am unsensibelsten orchestrierende Filmkomponist Hollywoods zu sein. Immerhin trifft er sich da auf einer Ebene mit Tony Scott, dessen Hochglanzprodukte einem zwar im ersten Moment den Atem nehmen, sich dann aber wie ein laues Lüftchen verflüchtigen.
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