Tuyas Hochzeit

- | VR China 2006 | 96 Minuten

Regie: Quan'an Wang

Eine junge Hirtin in der mongolischen Steppe stemmt sich gegen alle Widrigkeiten, um ihre Herde, ihre Kinder und ihren behinderten Ehemann durchzubringen. Als sie die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen erkennt, sucht sie einen neuen Ernährer für die Familie, macht aber zur Bedingung, dass ihr liebevoller Ehemann in den neuen Haushalt aufgenommen wird. Archaisch anmutender Überlebenskampf und zugleich zärtliche Liebesgeschichte, zeichnet der wunderbar bescheidene Film die Steppe als einen Lebensraum, der das Schicksal seiner Bewohner diktiert. Exzellente Darsteller und formaler Minimalismus vereinen sich in einer distanzierten Inszenierung, die Sitte und Kultur eines Volkes spiegelt. - Sehenswert ab 14.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
TUYA DE HUN SHI
Produktionsland
VR China
Produktionsjahr
2006
Produktionsfirma
Maxyee Culture Industry/Xian Motion Picture Co.
Regie
Quan'an Wang
Buch
Quan'an Wang · Wie Lu
Kamera
Lutz Reitemeier
Schnitt
Quan'an Wang
Darsteller
Yu Nan (Tuya) · Bater (Bater) · Baolier (Baolier) · Zhaya (Zhaya)
Länge
96 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Externe Links
IMDb | TMDB

Heimkino

Verleih DVD
Arthaus (1:1,85/16:9/Deutsch DD 5.1/Chin.)
DVD kaufen

Diskussion
Staubig, karg, im Grunde als Wüste: so präsentiert der chinesische Regisseur Wang Quan’an die Innere Mongolei. Den langen Panoramaeinstellungen mag eine spröde Schönheit innewohnen, prächtige Landschaftsaufnahmen erschaffen sie nicht. Natur steht hier für mehr als eine folkloristisch-pittoreske Kulisse. Als unerbittlicher, störrischer Lebensraum diktiert sie die Bedingungen, unter denen ihre Bewohner ihr Schicksal meistern müssen. Es sind harte Voraussetzungen. Die Hirtin Tuya kämpft um ihr Weideland in der Steppe einen fast aussichtslosen Kampf. Die nahende Wüste lässt nicht locker. Die junge, hübsche Frau stemmt sich gegen alle Widrigkeiten, um ihre Schafsherde durchzubringen und um ihre zwei Kinder und Bater, ihren behinderten Ehemann, zu versorgen. Doch trotz aller Anstrengungen reichen ihre Kräfte nicht aus. Für die kleine Familie besteht nur eine Chance: Tuya muss sich einen neuen Ernährer suchen. Bater ist bereit, sich scheiden zu lassen und zu seiner Schwester zu ziehen. Tuya aber will den zärtlichen Vater und liebevollen Ehemann nicht im Stich lassen und stellt den möglichen Heiratskandidaten eine ungewöhnliche Bedingung: Sie müssen Bater in den gemeinsamen Haushalt mit aufnehmen. An Interessenten für die schöne Tuya mangelt es nicht. Einer nach dem anderen macht ihr mit den Abgesandten seines Clans seine Aufwartung. Bei ausgiebig Schnaps hocken sie in Tuyas Zelt und verhandeln. Die geplante Hochzeit erweist sich als Geschäftsangelegenheit. Von Gefühlen keine Spur, vielmehr herrscht simpler Steppenpragmatismus vor. Geredet wird bei diesen Unterhandlungen kaum etwas. Wenige Worte, vielsagende Blicke fügen sich durch die lakonische Montage Wang Quan’ans zu einem klaren Bild, für das Bater die passende Unterzeile liefert, als er die von den vielen Absagen enttäuschte Tuya tröstet: „Ich bin es, den sie nicht wollen.“ Nicht nur landschaftlich, auch sozial regiert die Einöde. „Tuyas Hochzeit“ gehört zu jenen mit schmalem Budget und ohne pompösen Score erzählten Filmen über entlegene, ärmliche Gegenden, in denen wenig gesprochen, sparsam geschnitten und nur selten geschwenkt wird. Stattdessen stellt Wang Quan’an seine Figuren in weiten Einstellungen in jenen regionalen Bezugsrahmen, der sie prägt: Landschaft, Kultur, Sitte. Die Besuche der Heiratskandidaten filmt er mit zwei Grundeinstellungsgrößen ab. Aus einer alles überblickenden Totalen werden gelegentlich einzelne Figuren oder Figurenpaare halbnah herausgegriffen, dann kehrt die Kamera wieder zur Totalen zurück. Über weite Strecken steht das Aufnahmegerät starr wie ein Fotoapparat auf dem Stativ und zeichnet ungerührt auf, was sich abspielt. Doch trotz eines solchen bühnenähnlichen Arrangements neigen die exzellenten Darsteller nie zu theatralischen Auftritten. Vielmehr bleibt ihr Spiel zurückhaltend, mit nur feinen Nuancen, ihren Charakteren entsprechend. Auch insgesamt gerät der formale Minimalismus nicht zum artifiziellen Selbstzweck oder umgekehrt zum technischen Manko. Die distanzierte, schnörkellose Inszenierung entwächst der Welt, von der sie erzählt. Es ist ein archaisch anmutender Überlebenskampf, dem sich Tuya mit ihrer Familie ausgesetzt sieht. Dennoch findet sie sich nicht etwa mit einem Schicksal ab, das ihr von außen vorgegeben wird. Auch Wang Quan’an und Co-Autor Lu Wie begnügen sich nicht damit, eine erstarrte Situation in starren Bildern möglichst kunstsinnig abzulichten. Stattdessen setzen sie den Rahmenbedingungen, die der Film in seiner Kadrierung widerspiegelt, eine bewegte, vielfältige Handlung entgegen. Der Spielraum, der Tuya zur Verfügung steht, mag eng sein, doch „Tuyas Hochzeit“ lotet ihn ausgiebig aus. Auch in der Wüste bleibt das Leben erfinderisch. Ein kleiner, großartiger Film, der sich den „Goldenen Bären“ der „Berlinale“ vor allem deshalb verdient hat, weil er auf eine ungewöhnliche Weise einen reduzierten, stillen Erzählstil mit einem abenteuerlichen, abwechslungsreichen Plot verbindet. Die kurzweilige Geschichte entwickelt sich überraschend und sprengt vorübergehend sogar den von der Natur vorgegebenen Rahmen oder weitet ihn zumindest. Absurde, komische Momente, in denen selbst im Krankenzimmer noch Schnaps getrunken und geraucht wird, wechseln sich mit tieftraurigen ab, wenn etwa Bater, als er schließlich doch in einem Pflegeheim landet, von seinen Liebsten verlassen wird und sich die Pulsadern aufschneidet. Bis zum Schluss hat der Film immer wieder eine neue, unvorhergesehene und dennoch in sich stimmige Wendung parat. Erst ganz am Ende gerät der dramaturgische Zuschnitt ein wenig unglaubwürdig, zu sehr auf Effekt ausgerichtet. Doch bis dahin ist schon vieles geschehen. Tuya hat einen neuen Ehemann gefunden und ihn wieder verlassen. Sie zog in die Stadt und kehrte in die Steppe zurück. Intrigen wurden gesponnen und vereitelt, und ein lieber Freund, der ein Liebender werden könnte, eröffnet allen gemeinsam eine mögliche Zukunft. „Tuyas Hochzeit“ hat den Stoff für das ganz große Kino und besitzt dabei die seltene Gabe, diesen wunderbar bescheiden, nah am Leben zu präsentieren.
Kommentar verfassen

Kommentieren