Motherland (2023)

Dokumentarfilm | Schweden/Norwegen/Ukraine 2023 | 92 Minuten

Regie: Hanna Badziaka

„Dedowschtschina“ nennt sich die in der Armee postsowjetischer Staaten bis heute gängige Praxis, bei der ältere Soldaten neue Rekruten erniedrigen und sadistisch quälen; auch Todesfälle durch die brutale Behandlung sind nicht selten. Der Dokumentarfilm folgt verschiedenen Männern und Frauen in Belarus, deren Leben sich mit diesem über Generationen weitervererbten System der Gewalt berühren. Mit sparsamen Bildern wirft er einen düsteren Blick auf die militaristische, stark patriarchalische Gesellschaft des Landes, in der nur die Proteste gegen die Wiederwahl des Machthabers Lukaschenko 2020 kurzzeitig Hoffnung auf Veränderung wecken. - Ab 16.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
MOTHERLAND
Produktionsland
Schweden/Norwegen/Ukraine
Produktionsjahr
2023
Produktionsfirma
Folk Film/Sisyfos Film Prod./Voka Films
Regie
Hanna Badziaka · Alexander Mihalkovich
Kamera
Siarhei Kanaplianik
Musik
Thomas Angell Endresen · Yngve Leidulv Sætre
Länge
92 Minuten
Kinostart
31.08.2023
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Externe Links
IMDb | TMDB | JustWatch

Ein Dokumentarfilm über Männer und Frauen aus Belarus, die von der tief in der Gesellschaft verankerten Tradition gewaltsamer Misshandlungen junger Soldaten durch Dienstältere unmittelbar betroffen worden sind.

Diskussion

In der postsowjetischen militaristischen Kultur hat der Begriff „Großvater“ jeden freundlichen Beiklang verloren. Dedowschtschina (russisch „Herrschaft der Großväter“) bezeichnet physische und psychische Quälereien jüngerer wehrpflichtiger Soldaten durch Dienstältere – eine rituelle Praxis, die in den Streitkräften bis heute Bestand hat und bei den Opfern zu schweren Verletzungen führt, manchmal auch zum Tod.

In „Motherland“, einer Dokumentation über die staatlich sanktionierte Kultur der Gewalt in Belarus, geht es um dieses Phänomen nicht im Detail. Von der langen Geschichte, die es von der Zarenzeit bis hin zum Straflagersystem der Sowjetzeit begleitet, erfährt man etwa nichts. Für die beiden Filmemacher – Alexander Mihalkovich ist ein belarussisch-ukrainischer Regisseur, Hanna Badziaka ist Weißrussin und kommt ursprünglich vom Journalismus – steht „Dedowschtschina“ vielmehr für ein tief verankertes patriarchales System, das auf Gewalt und Machtmissbrauch aufgebaut ist und von (vor allem) männlicher Seite als „naturgegeben“ akzeptiert wird.

Die Geschichten gleichen sich

Der Film verbindet verschiedene Erzählstränge und Protagonist:innen, die auf unterschiedliche Weise Leidtragende dieses Systems sind. Svetlana ist die Mutter eines im Wehrdienst gewaltsam zu Tode gekommenen Soldaten, der offiziell Selbstmord beging. Mihalkovich/Badziaka begleiten die tief erschütterte Frau auf ihrer Reise zu anderen Angehörigen von Armee-Opfern. Die Geschichten gleichen sich. Als die Mütter ihre Söhne aus dem Leichenschauhaus abholten, waren ihre Körper mit Hämatomen übersät, Fotos zu machen war ihnen jedoch streng verboten. In Vorbereitung einer Sammelklage protokolliert Svetlana jeden Vorfall.

Nikita, der gerade seinen Einberufungsbefehl erhalten hat, könnte ein ähnliches Schicksal erwarten. Die Tage vor seinem Aufbruch sind von Trauer bestimmt, seine Freunde, mit denen er bei einem Rave abhängt, machen Scherze, er solle auf „verrückt“ machen. Nikitas Großvater dagegen meint, dass all die „widerspenstigen Windungen, die den Geist erschöpften“, beim Militär begradigt werden würden – „Ich persönlich bin sehr dafür.“

„Motherland“ hat auch eine durchgehende Stimme: die eines jungen Rekruten, der im Voiceover Briefe an seine Mutter verliest. Schon am dritten Tag herrscht ein dunkler Ton, niemand sei aus freiem Willen hier, schreibt er, seinen Vorgesetzten, der immer unzufrieden sei, zitiert er mit den Worten: „Alles ist falsch. Jetzt bist du in der Armee.“ Manchmal schweifen die Gedanken vom Kasernenalltag ab und tauchen tief in Bilder der Kindheit ein … der Geschmack von Bananen liegt auf der Zunge. Später ist auch von drastischer Gewalt die Rede, von Schlägen mit Hockern. Der Sohn ist inzwischen Feldwebel und gehört damit selbst zu den „Großvätern“. In dieser Position spürt auch er den Rausch der Überlegenheit und der Macht, nackt lässt er die Neuankömmlinge mit ihren eigenen Unterhosen den Boden wischen.

Erst mit den Protesten kommt Bewegung auf

Die Bilder des Films sind sparsam: Gesichtslose Plattenbauten, Fabrikruinen, Friedhöfe, Plakate, die im öffentlichen Raum für den Armeedienst werben. Eine Atmosphäre von Stillstand und Schwere liegt über allem. Erst mit den Protesten gegen die bevorstehenden Scheinwahlen, in die auch Nikitas Freunde aktiv involviert sind, kommt Bewegung in den Film. Die Menschen strömen auf die Straßen, die Hoffnung auf einen Systemwechsel liegt in der Luft – sie wird mit dem gewaltsamen Vorgehen durch Polizei und Militär zerschlagen.

„Motherland“ ist ein zutiefst düsterer Film. Die männlichen Protagonisten haben inzwischen alle Belarus verlassen, nach ihrer Flucht in die Ukraine mussten sie mit der Invasion Russlands erneut fliehen. Svetlana, die für die Täter, die den Tod ihres Sohnes verschuldet haben, Gefängnisstrafen erwirkt hat, hat nach der Wiederwahl Lukaschenkos ihren Kampf resigniert aufgegeben. Der Abspann schließlich klärt auch die Autorschaft der Briefe, die man Svetlanas Sohn zuordnete. Geschrieben hat sie Alexander Mihalkovich während seines Militärdiensts.

Kommentar verfassen

Kommentieren