One Day in Europe

- | Deutschland/Spanien 2005 | 100 Minuten

Regie: Hannes Stöhr

In Moskau, Istanbul, Santiago de Compostela und Berlin-Marzahn angesiedelte Episoden über Ereignisse am Tag eines fiktiven Champions-League-Finales, deren Protagonisten die jeweilige Landessprache nicht beherrschen und nach echten oder fingierten Raubüberfällen Probleme mit der Polizei bekommen. Ein humorvoller Blick auf die Gegenwart bzw. Zukunft des vereinten Europas, dessen Spiel mit Klischees und Vorurteilen wirkliche oder vermeintliche Mentalitäten karikieren will. (Teils O.m.d.U.) - Ab 14.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland/Spanien
Produktionsjahr
2005
Produktionsfirma
Moneypenny Filmprod./Filmanova/workshop/ZDF (Das kleine Fernsehspiel)/ARTE/Televisión de Galicia
Regie
Hannes Stöhr
Buch
Hannes Stöhr
Kamera
Florian Hoffmeister
Musik
Florian Appl
Schnitt
Anne Fabini
Darsteller
Megan Gay (Kate) · Ludmilla Zwetkowa · Florian Lukas (Rocco) · Erdal Yildiz (Celal) · Péter Scherer (Gabor)
Länge
100 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Externe Links
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Heimkino

Verleih DVD
good!movies (1:2.35/16:9/Dolby Digital 5.1)
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Diskussion
Eine Engländerin in einem Moskauer Hinterhof, ein Deutscher in einem Istanbuler Fußgängertunnel, ein Ungar vor der Kathedrale in Santiago de Compostela, ein französisches Pärchen in Berlin-Marzahn: „One Day in Europe“ ist eine Reise in vier Episoden zu den Peripherien der europäischen Gemeinschaft. Vier Einzelhandlungen, die ihre Gemeinsamkeit im Fußballfieber finden – denn die Geschichten spielen an jenem Sommertag, an dem in Moskau im (fiktiven) Champions-League-Finale die Mannschaften von Galatasaray Istanbul und Deportivo La Coruña aufeinander treffen. Über das Fußballfieber werden die Episoden immer wieder kurzgeschlossen. Kate, eine junge Engländerin, fährt im Taxi zu ihrem Hotel, und allen gängigen bösen Erwartungen entsprechend, arbeitet der Fahrer mit Dieben zusammen, die die Reisende am helllichten Tag ausrauben. Kate spricht kein Wort Russisch, aber die rüstige Rentnerin Elena, die alle Babuschka-Klischees erfüllt und kein Wort Englisch spricht, hilft ihr, den Vorfall bei der unwilligen Polizei anzuzeigen; die aber ist mehr darauf erpicht, die Übertragung des Fußballspiel im Fernsehen anschauen, und muss außerdem die aufgeputschten Fußballfans unter Kontrolle halten. „One Day in Europe“ lebt vom augenzwinkernden Umgang mit dick aufgetragenen Klischees. Schon in der ersten Episode zeigt sich ein roter Faden, der die einzelnen Teile durchzieht: die Unfähigkeit, sich sprachlich zu verständigen, und die daraus resultierende, durchaus komische Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren. Als weiteres Bindeglied fungiert das Fußballspiel. Alle vier Episoden handeln aber auch von der Polizei und von vermeintlicher Sicherheit, denn alle Reisenden haben eine Versicherung – Europa definiert sich hier immer noch über seine sozialen Netze, auch wenn es nur die Reisegepäckversicherung ist. Doch auch damit kann man Geld verdienen. So inszeniert Rokko, ein deutscher Student, in einem übel beleumundeten Vorort Istanbuls seine Beraubung, hat aber nicht mit dem türkischen Taxifahrer gerechnet, der, perfekt schwäbelnd, seinen Plan fast zunichte macht. Der Film gleicht einer Zwiebel: Verschiedene Schichten von Humor liegen eng übereinander – ganz oben die platten Klischees, die jeder kennt und über die lachen kann, der will, dann folgt ein feinerer Humor und schließlich eine subtile Inszenierung, die auch die Körpersprache zwischen einer türkischen Polizistin und ihrem Vorgesetzten berücksichtigt. Die dritte Episode spielt in Santiago de Compostela, dem Wallfahrtsort, der bis heute vom Mythos des „Maurentöters“ in Gestalt des heiligen Jakobs seine touristische Attraktivität bezieht. Zu seinem Grab pilgert Gabor, ein ungarischer Geschichtslehrer. An der heiligen Tür angekommen, bittet er einen Passanten, ein Foto zu machen – krönender Abschluss des in Hunderten von Fotografien dokumentierten Pilgerweges. Aber der freundlich Passant rennt mit der Kamera weg, weshalb sich der Pilger aufgeregt an die Polizei wendet. Doch die versteht ihn nur schlecht und hat andere Dinge zu tun – zwischen Mittagessen und Siesta gibt es auch noch die hübschen Touristinnen und das Endspiel. Die letzte Station ist Berlin: Unter den Säulen des Lustgartens geben Claude und Rachida ihre besten Pantomime-Nummern, erhalten Beifall, aber nur wenig Geld. Deshalb beschließt Claude, als letzten Trumpf die Reisegepäckversicherung einzusetzen. Aber wo sind in Berlin die gefährlichen Viertel? In den dunklen Vororten, den Trabantensiedlungen am Rande der Stadt oder in den Ausländervierteln? Claude und Rachida versuchen, in Marzahn und Kreuzberg den Raub zu inszenieren, doch die Verhältnisse sind komplizierter als sie dachten. Während sich das Pärchen noch radebrechend mit einer gutwilligen, aber ungläubigen Streifenpolizistin verständigt, beginnt in Moskau das Elfmeterschießen. Der Titel ist doppeldeutig, denn „One Day in Europe“ kann die Gegenwart wie auch eine Zukunftsvision meinen: Europa, wie es heute ist, und wie es vielleicht in naher oder ferner Zukunft – eines Tages einmal – sein könnte. Da es schon schwierig genug ist, im eigenen Land die nationale Identität zu definieren, wie schwer muss es dann sein, sich eine europäische vorzustellen? Was weiß man als Europäer schon von den anderen europäischen Nachbarländern? Stöhrs Film ist ein elegantes Spiel mit Klischees, ein Jonglieren mit bekannten Vorurteilen – eine Art „commedia dell' arte“, ein Spiel mit wirklichen und vermeintlichen Mentalitäten, bei dem es nicht um subtile Psychologisierung, sondern um die Relativierung von Stereotypen durch Humor geht.
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