Unter der Laterne

Gerhard Lamprecht als Chronist seiner Zeit zu bezeichnen, greift nicht weit genug. Sicher, besonders seine Berlin-Filme, die er im Geist Zilles verfasste und als Milieuzeichnung mit viel Sinn für Naturalismus verstanden wissen wollte, geben das Bild einer Klasse, für die auch Sommertage nur Tristesse bedeuten, nachvollziehbar und plausibel wider. Aber »Unter der Laterne«

ist mehr als »nur« ein mahnender sozialer Appell in einer Welt ohne Perspektive. Der Regisseur offenbart sich als versierter Meister, der es versteht, mit den Mitteln des frühen Kinos nuanciert auf der Klaviatur der Emotionen zu spielen.

Ein anständiges Mädchen wird Opfer der miserablen Umstände, in denen es aufwächst. Als Dienstmagd wird Elsa Riedel von ihrem despotischen Vater missbraucht und auf die Straße gesetzt, als sie es wagt, mit ihrem netten Freund Hans auszugehen. Ein dummes Missverständnis trennt die beiden fast Verheirateten und treibt die junge Frau in die Arme eines miesen, scheinbar wohlhabenden Varieté-Agenten und Hochstaplers; die Liaison endet im Selbstmord des Kriminellen und in der völligen Verarmung Elsas. Auf der einen Seite ist »Unter der Laterne« eine Chronologie eines Abstiegs, auf der anderen die einer ewigen Suche. Denn Hans, von Gewissensbissen geplagt, macht zwar Karriere samt Frau und Kindern, kann aber die alte Liebe nicht vergessen, der er einst vielleicht Unrecht getan hat. »Unter der Laterne« ist also ein Sittenbild, aber auch ein handfestes Melodram. Und diesem Genre wird Lamprecht nicht nur durch die visuelle Umsetzung der Tragik der Geschehnisse gerecht, sondern auch über den subtilen Einsatz eines einzigen, unscheinbaren Liedes. Ungewöhnlich für einen Stummfilm von 1928, dessen musikalische Wirkung doch ganz in der Hand derer liegt, die am Klavier oder innerhalb eines Orchesters im jeweiligen Kinosaal den Ton angeben. Stummfilmpianist Donald Sosin hat das auditive Konzept Lamprechts verinnerlicht, das dieser im Untertitel des Films, »Trink, Trink, Brüderlein, Trink!«, festgeschrieben hat: Der feucht-fröhliche Unterhaltungsschlager, der während des gesamten Films via Drehorgel, Tanzkapelle oder Grammophon in der Eckkneipe allgegenwärtig ist und von etlichen Protagonisten gesummt und gesungen wird – »… lass doch die Sorgen zuhaus’ …« – konterkariert das Geschehen: Was zunächst als amüsante Beiläufigkeit anklingt, gerät zunehmend zu bellendem Hohn in diesem Porträt einer Alleingelassenen, die zwischen Suff und Verdrängung dahinvegetiert. Meisterhaft baut Sosin die Melodie in seine Klaviermusik ein; meisterhaft auch, dass die DVD-Edition mit einer zweiten Tonspur des Avantgarde-Ensemble shortfilmlivemusic einen atonal-fragmentarischen Score und damit einen völlig anderen Film bietet. Welcher der bessere ist, muss jeder Zuschauer/Zuhörer für sich entscheiden. Der Reiz des Werks bleibt in beiden Fällen ungebrochen.

Jörg Gerle, FILMDIENST 16/2014