Drama | Deutschland 2000 | 97 Minuten

Regie: Achim von Borries

Ein durch Tschernobyl vom Tod gezeichneter junger Ukrainer strandet auf der Suche nach seinem Freund in Berlin, wo er vorübergehend seinen Traum, einmal die Küste Englands zu sehen, aus den Augen verliert. Ein poetisch-einfühlsamer, nuanciert inszenierter Film, dem stilsicher der Spagat zwischen realistischem Stimmungsbild und philosophischer "Weltbeschreibung" gelingt, wobei er mit großer Zärtlichkeit die Nähe zu seinen entwurzelten Protagonisten findet und ihrer Weltverlorenheit, aber auch ihrem Lebensmut Konturen verleiht. Eine fragile, vom Zerfall bedrohte, aber von Lebensfreude und -würde geprägte Reisebeschreibung, fern von Hysterie und aufgesetzter Aufgeregtheit. (Teils O.m.d.U.; Kinotipp der katholischen Filmkritik) - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2000
Produktionsfirma
Tossell Pictures/ZDF (Kleines Fernsehspiel)/Studio Babelsberg/Independents/DFFB
Regie
Achim von Borries
Buch
Achim von Borries · Karin Aström · Maria von Heland
Kamera
Jutta Pohlmann
Musik
Daler Nazarov · Ingo Ludwig Frenzel
Schnitt
Gergana Voigt
Darsteller
Ivan Shvedoff (Valeri) · Merab Ninidze (Pavel) · Denis Burgazliev (Victor) · Anna Geislerová (Maria) · Chulpan Khamatova (Jelena)
Länge
97 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama
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Diskussion
Valeri hat Nasenbluten. In einem Krankenhaus in Kiew wird er untersucht, die Ärztin weiß, dass der junge Mann aus der Ukraine im April 1986 als Freiwilliger der Roten Armee an den „Aufräumarbeiten“ in Tschernobyl beteiligt war. Sie scheut eine vorschnelle Diagnose, fragt Valeri, was er erwarten würde. „Was habe ich denn zu erwarten?“, fragt er zurück und antwortet optimistisch: „Die Vögel singen, die Sonne scheint, das Leben ist wunderschön. Was soll ich da noch erwarten?“ Das Untersuchungsergebnis wartet Valeri jedenfalls nicht ab. Er will selbst bestimmen, wie es mit ihm weitergeht, und er hat einen Traum, den er verwirklichen möchte: Damals, in Tschernobyl, versprachen sich er und sein bester Freund Victor, dass sie nach England ans Meer reisen würden. Inzwischen ist Victor in Berlin, und so reist auch Valeri (illegal) in die deutsche Hauptstadt. Statt Victor trifft er dessen einstigen Wohngenossen Pavel, einen stillen, introvertierten Maler aus Georgien, der die Kunst der Ikonenmalerei in seinem Schaffen aufgreift und von einem Erfolg im westlichen Kunst- und Galeriebetrieb träumt. Dass Victor tot ist, weiß Pavel nicht; Valeri erfährt es von der hübschen Maria, die mit Mann, Kind und vielen „Angestellten“ eines Restaurants in einer Art russischen Enklave lebt, von der man nie genau erfährt, wo die Grenze zur Illegalität und zu mafiösen Geschäften liegt. Victor litt ebenfalls an der tödlichen Strahlenkrankheit und brachte sich um. Valeris Welt droht zusammenzubrechen. Zutiefst betroffen, ringt der bislang so optimistische, dem Leben zugewandte Glückritter um Fassung und Würde, um letzte seelische wie auch körperliche Kraft im Kampf gegen Tod und Untergang. Auf seiner Odyssee durch Berlin wird er zunehmend verbitterter und verschlossener, und nur der schon verloren geglaubten Freundschaft zu Pavel ist es zu verdanken, dass der sterbenskranke Victor sein Ziel und seinen Traum nicht ganz aus den Augen verliert. „England!“ ist Achim von Borries Abschlussfilm an der Berliner Filmhochschule: eine poetisch-einfühlsame, hochsensible Reflexion über Gefühlswelten und Stimmungen, nie larmoyant oder gar selbstverliebt, vielmehr beherrscht und souverän im Einsatz der filmischen und dramaturgischen Mittel – eine fragile, vom Zerfall bedrohte, dennoch aber von Lebensfreude und -würde geprägte Reisebeschreibung. Stilsicher gelingt von Borries der Spagat zwischen realistischem Stimmungsbild und philosophischer „Weltbeschreibung“, wobei er mit großer Zärtlichkeit die Nähe zu seinen entwurzelten Protagonisten findet, an die er, oft mit dem Teleobjektiv, dicht heranrückt, um ihrer Weltverlorenheit, ihren Träumen und ihrer Verzweiflung, aber auch ihrem Lebensmut Konturen zu verleihen. Vor dem Hintergrund der nur halbwegs realistisch konturierten Geschichte des todkranken Valeri entfaltet sich ein filmischer Reigen der Begegnungen, Gespräche und Kontakte, wobei die allmählich aufkeimende Freundschaft zwischen Valeri und Pavel als zentraler Motor dient. Die jeweiligen Episoden werden oftmals abgeblendet und durch einige Sekunden Schwarzfilm „verlängert“, in denen sich gleichsam als Nachhall die jeweilige Wirkung vertieft. Nicht minder beredt ist dabei der stille, aber aufmerksame Blick auf das urbane (Nacht-)Leben in Berlin als „melting pot“ gestrandeter Menschen, Katalysator ihrer Hoffnungen wie Enttäuschungen und Ängste. „Ich habe Angst, dass da nichts ist; dass man stirbt, und dann kommt nichts mehr“, gesteht Valeri, dem Pavel unaufgeregt widerspricht: „Ich glaube nicht, dass es so ist.“ Er ist es, der, ruhig und beherrscht, Valeri aus der städtischen „Enge“ herauszuführen vermag und ihn – aufgelöst in einem schönen Sinnbild – quasi „übers Wasser“ in eine andere Welt geleitet, wobei mythologische Anklänge ebenso unübersehbar sind wie die Nähe zum Schlussbild aus Theo Angelopoulos’ „Die Reise nach Kythera“ (fd 24 754). Dass von Borries den Mut und die Kraft aufgebracht hat, eine kleine Gegenwartsgeschichte konsequent und anrührend zugleich mit philosophischen Fragen nach Identität und Glück zu verknüpfen, ohne sie zu „belasten“ oder überzustrapazieren, hebt ihn weit über das gängige Angebot im deutschen Film hinaus.
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