Ein Chanson für dich

Drama | Belgien/Luxemburg/Frankreich 2016 | 90 Minuten

Regie: Bavo Defurne

Rund drei Jahrzehnte nach ihrem Karriereende hat sich eine ehemalige Schlagersängerin mit ihrem bescheidenen Dasein abgefunden, bis ein junger Verehrer sie noch einmal zu einem Auftritt überredet. Als ihr neuer Manager will er sie zum Erfolg zurückführen, der sich aber erst einstellt, als die Sängerin auf ihre eigenen alten Kontakte zurückgreift. Romantisches Drama, das eine dünne Comeback-Geschichte in einem wirklichkeitsfern gezeichneten Show-Milieu erzählt. Die liebevolle und detailfreudige Inszenierung unterhält gleichwohl ebenso sympathisch wie die souveräne Darsteller-Riege. - Ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
SOUVENIR
Produktionsland
Belgien/Luxemburg/Frankreich
Produktionsjahr
2016
Produktionsfirma
Souvenir Films/Frakas Prod./Deal Prod./Avenue B Prod.
Regie
Bavo Defurne
Buch
Bavo Defurne · Yves Verbraeken · Jacques Boon
Kamera
Philippe Guilbert
Musik
Pink Martini
Schnitt
Sophie Vercruysse
Darsteller
Isabelle Huppert (Liliane Cheverny) · Kévin Azaïs (Jean Leloup) · Johan Leysen (Tony Jones) · Jan Hammenecker (Eddy Leloup) · Anne Brionne (Martine Leloup)
Länge
90 Minuten
Kinostart
06.07.2017
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Liebesfilm
Externe Links
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Heimkino

Verleih DVD
Alamode (16:9, 2.35:1, DD5.1 frz./dt.)
Verleih Blu-ray
Alamode (16:9, 2.35:1, dts-HDMA frz./dt.)
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Dünne, aber charmant gefilmte Comeback-Geschichte aus dem Showbusiness

Diskussion
Schmachtend stimmen die Geigen das Lied an, ziehen sich zurück und überlassen es Bass und Klavier, den Gesang der Frau im goldenen Kostüm zu umschmeicheln. Verwaschene Bilder von einem Auftritt aus einer anderen Zeit, dargeboten als Teil einer Fernsehquiz-Sendung, in der die Kandidaten an der Frage nach dem Künstlernamen der Sängerin scheitern. 30 Jahre zuvor hätte Liliane Cheverny alias Laura fast den „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ gewonnen, doch der Titel ihres Hits „Souvenir“ hat nicht gehalten, was er versprach. Liliane hat dem Showgeschäft schon lange den Rücken gekehrt und nimmt es scheinbar gleichmütig hin, dass ihr Name aus dem musikalischen Gedächtnis verschwunden ist. Überhaupt zeigt die fast 60-Jährige nach außen hin wenige Gefühle. Wortlos verziert sie Tag für Tag in einer Pastetenfabrik die Fleischportionen mit kleinen Blättern und getrockneten Früchten. Von ihren Kollegen hält sie sich fern, nach der Arbeit fährt sie mit dem Bus nach Hause und verbringt ihre Abende mit dem Schnapsglas vor dem Fernseher. Mit diesem Leben in der Anonymität ist es vorbei, als der 21-jährige Jean als Hilfsarbeiter in der Fabrik anfängt. Der junge Mann erkennt in Liliane nicht nur jene Laura, die in der väterlichen Plattensammlung prominent vertreten ist, sondern sucht – knapp vor der Stalker-Grenze – Kontakt zu ihr. Liliane findet das lästig, doch die Hartnäckigkeit des Bürschchens spricht sie an. Sie wird sogar ihrem Gelöbnis untreu, nie wieder aufzutreten: Bei einer Feier von Jeans Boxclub singt sie „Souvenir“, genießt den freundlichen Applaus und will es dabei belassen. Doch Jean glaubt, seine wahre Berufung gefunden zu haben. Statt Profi-Boxer zu werden, will er Liliane zum Comeback verhelfen. Der Anfang gerät nicht eben vielversprechend: In Altersheimen und auf Vereinsfesten hält sich die Begeisterung über die verstaubten Lieder in Grenzen, und an bessere Bühnen ist gar nicht zu denken. So nimmt es Liliane selbst in die Hand, ihren Weg zurück zum Ruhm zu organisieren – ohne Jean einzuweihen, dem sie den Glauben an seine Managerfähigkeiten nicht nehmen mag. Die Geschichte, die der Belgier Bavo Defurne in seinem zweiten Spielfilm erzählt, hat selbst viel von einem Schlager: Was an Problemen und Rückschlägen auftritt, ist primär dafür da, um leichthin beiseite gewischt zu werden und Platz für Erfolgserlebnisse, Freude und Glück zu machen. Die triumphale Rückkehr der gealterten Sängerin ist so absehbar wie umfassend. Auch die amouröse Beziehung zwischen Liliane und Jean präsentiert der Film mit größter Gelassenheit, als gäbe es trotz des Altersunterschieds nichts Selbstverständlicheres als die Romanze zwischen dem verhärmten Ex-Schlagersternchen und dem tätowierten Jungspund. Glaubhaft oder gar realistisch, insbesondere in der Zeichnung der Show-Welt, ist hier nichts – was Defurne ganz offensichtlich aber genau so beabsichtigt hat. Darauf deutet vor allem die stilisierte Ausstattung hin, die ähnlich liebevoll zusammengestellt wirkt wie in einem Werk von Pedro Almodóvar oder François Ozon. Hinzu kommen die Suche nach ungewöhnlichen Kameraperspektiven, die kunstvolle Ausleuchtung der Innenräume in Pastellfarben sowie die eigens für den Film komponierten Lieder der US-Band Pink Martini, die eine gute Mitte zwischen seicht und einprägsam finden. Vor allem aber ist es die Präzision der Schauspieler: Isabelle Hupperts souveräne Leistung verrät zu keiner Zeit, dass sie mit den schroffen wie den aufblühenden Seiten ihrer Figur nicht gerade darstellerisches Neuland betritt, und an ihrer Seite präsentiert sich Kévin Azaïs nach „Liebe auf den ersten Schlag“ (fd 43 171) erneut als vielversprechendes Talent. All das macht den Film zur sympathisch-kurzweiligen Stilprobe, die Defurne nach seinem poetischen „Coming of Age“-Drama „Noordzee, Texas“ (fd 41 056) als originellen Regisseur etabliert. Ob er nicht auf lange Sicht aber gut beraten wäre, auch seine Plots mit etwas mehr Originalität zu gestalten, steht auf einem anderen Blatt.

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