Drama | USA 2020 | 358 (7 Folgen) Minuten

Regie: Ryan Murphy

Nach dem Zweiten Weltkrieg versucht eine Gruppe aufstrebender Schauspielerinnen, Schauspieler und Filmemacher, in der Traumfabrik Karriere zu machen. Die Mini-Serie gibt Einblicke ins Hollywood der „Goldenen Ära“, spürt Machtstrukturen in den Studios und Diskriminierungen aufgrund von Rasse, Herkunft und Geschlecht nach und entwirft zugleich die Vision eines anderen Hollywoods. Dabei mischt die Serie reale Figuren und Fakten aus der Geschichte Hollywoods mit Fiktionen, erinnert an persönliche Schicksale und richtet sich mit ihrem Appell für „Diversity“ und Chancengleichheit nicht zuletzt an die Gegenwart. - Sehenswert ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
HOLLYWOOD
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Produktionsfirma
Ryan Murphy Productions
Regie
Ryan Murphy
Buch
Ian Brennan · Ryan Murphy
Kamera
Simon Dennis · Blake McClure
Schnitt
Suzanne Spangler
Darsteller
Darren Criss (Raymond) · Jim Parsons (Henry Willson) · Dylan McDermott (Ernie) · Patti LuPone (Avis) · Jake Picking (Rock Hudson)
Länge
358 (7 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Historienfilm | Serie

Nach dem Zweiten Weltkrieg versucht eine Gruppe aufstrebender Schauspielerinnen, Schauspieler und Filmemacher, in der Traumfabrik Karriere zu machen. Die Mini-Serie spürt den Machtstrukturen und Diskriminierungen im Studiosystem der „Goldenen Ära“ nach und entwirft zugleich die Vision eines anderen Hollywood.

Diskussion

Hollywood ist die ultimative Projektionsfläche, eine ideale Parallelwelt für eskapistische Träumer. Ursprünglich hieß der Stadtteil in Los Angeles Hollywoodland, bis 1949 die eine Hälfte der Beschilderung, also das „Land“, mitsamt der Beleuchtung entfernt wurde. Da war aus dem Viertel schon eine Traumfabrik, eine Marke und ein Image geworden und der Schriftzug in den Hügeln ein überlebensgroßer Mythos, aus dessen Schatten es viele Stars ins Rampenlicht geschafft hatten.

Die Gescheiterten, den den Sprung nach ganz oben nicht gelungen ist, blieben meist im Verborgenen; als Leidtragende und Versager wurden sie von diesem schnelllebigen System wieder ausgespuckt. Nur selten erinnern sich spätere Generationen an sie. Nur die Schauspielerin Peg Entwistle ist auch heute noch ein Name. Die damals 24-jährige Darstellerin stürzte sich 1932 vom „H“ des Hollywood-Schriftzugs in den Tod, weil sie fast ganz aus ihrem ersten Film „Thirteen Women“ von David O. Selznick herausgeschnitten worden war. Ihr Traum von einer Karriere beim Film schien geplatzt zu sein, und so nahm sie sich an dem Ort, der dafür verantwortlich schien, das Leben

„Tinseltown“: Glitzerwelt & schmutziges Geschäft

Ihr Geist schwebt als Andenken und Mahnung über der Miniserie „Hollywood“ des Showrunners Ryan Murphy und seines langjährigen Partners Ian Brennan. Das Kippbild aus der oberflächlichen Glitzerwelt von „Tinseltown“ und dem schmutzigen Geschäft, das dieses Image aufrechterhält, ist nichts Neues. Doch selten schlägt es auf dem Bildschirm so geschmeidig hin und her wie hier. Etwa in der Figur des alternden Schauspielers Ernie, herrlich schmierig-sympathisch gespielt von Dylan McDermott mit Clark-Gable-Anmutung, der seine Tankstelle als eine Art Nobel-Bordell für Stars betreibt. Seine Figur basiert lose auf den Memoiren von Scotty Bowers, die teilweise belegbar sind, aber weiterhin als hinter der Hand getuschelte Legende gehandelt werden.

Die Stadt scheint Ende der 1940er-Jahren zu knistern vor unbegrenzten Möglichkeiten. Das ist bei Murphy alles so technicolorfarben wie in einem Film aus den 1940er-Jahren und überdies bevölkert mit Regisseuren wie George Cukor und Stars wie Lana Turner und Vivien Leigh – und doch ist etwas anders. Denn Murphy nutzt die „Goldene Ära“ nur als Kulisse und etabliert eine Art Paralleluniversum zu diesem Paralleluniversum, ein „Was wäre wenn“-Szenario: Was wäre, wenn bereits in der Nachkriegs-Ära schwarze Drehbuchautoren zum Zuge gekommen wären, wenn homosexuelle Schauspieler keine Scheinehen hätten eingehen müssen und es auch Frauen bis an die Spitze der Studios geschafft hätten?

Weiße Männer beherrschen die Gesellschaft

„Hollywood“ spielt in den Jahren 1947 und 1948, kurz nach dem Krieg. Das straffe Studiosystem ist noch in vollem Gange. Produktion, Verleih und Kinos sind in der Hand von fünf Produktionsfirmen: Paramount, 20th Century Fox, MGM, Warner und RKO. Erst Ende 1948 wird Paramount verklagt und dazu gezwungen werden, die hauseigene Kinokette aufzugeben. Weiße Männer beherrschen Gesellschaft wie Geschäft.

Rassismus, Sexismus und Homophobie sind fest im System verankert – der Verweis auf heute ist bewusst gesetzt. Der Spielraum für Außenseiter ist gering, das macht Murphy an realen Beispielen fest. So kommt der junge Rock Hudson (gespielt von Jake Picking) in die Stadt und landet einen Deal mit dem berühmt-berüchtigten Agenten Henry Willson (Jim Parsons), der ihn erst sexuell nötigt und ihm dann mitteilt, dass seine Homosexualität nie ans Licht kommen dürfe, sonst wäre es vorbei mit der Schauspielkarriere.

Die alte Diva Anna May Wong (Michelle Krusiec) scheint bereits ausgemustert – zu lange hat sie als asiatisch-exotische Schönheit herhalten müssen. Der Schmerz sitzt tief, dass Luise Rainer an ihrer Stelle eine Hauptrolle ergatterte und als asiatische Figur einen „Oscar“ gewann – heute würde man wohl von Whitewashing sprechen. Ähnlich geht es Hattie McDaniel (gespielt von Queen Latifah), die 1940 als erste Afroamerikanerin einen „Oscar“ gewann – für ihre Rolle als Dienerin in „Vom Winde verweht“. Hollywood klopfte sich damals für seine Toleranz auf die Schulter und übersah die rassistische Ironie, der Enkelin von Sklaven einen Preis für die Darstellung einer Sklavin zu geben.

Der Traum von einem anderen Hollywood

Murphy spielt mit Hollywood-Geschichte und den Mythen der Zeit und verwebt fiktive mit realen Elementen: Das Studio ACE dreht einen Film über Peg Entwistles Schicksal – unter Führung einer jüdischen Studiopräsidentin, geschrieben von einem afroamerikanischen und zugleich schwulen Drehbuchautor, der nebenher für Ernie anschaffen geht, inszeniert von einem halb-philippinischen Regisseur und mit einer afroamerikanischen Schauspielerin in der Hauptrolle.

Zugegeben, die Dichte an revisionistischen Neuerungen, die Murphy hier einsetzt, wirkt auf den ersten Blick wie ein Witz und ein effektheischender Mitleidsmechanismus, der im besten Falle zu einem kitschigen Triumph der Moral mit anschwellendem Geigensoundtrack stilisiert werden kann. Doch sieht man genauer hin, ist eigentlich nur die an Hollywoodfilmen der Zeit orientierte Romanzen-Dramaturgie übertrieben – und zeigt, wie eng die einzelnen Diskriminierungsdiskurse miteinander verwoben sind. Beeindruckend ist die Leichtigkeit, mit der Murphy diesen Problemkomplex verdichtet, ohne ihn zu vereinfachen, auch wenn „Hollywood“ mehr einem revisionistischen Traum gleicht, als dass die Serie Vorschläge für das heutige Hollywood machen würde.

Filme zeigen, wie die Welt sein kann

Die sieben Folgen haben nicht der Anspruch, alle diese Probleme zu lösen, und Ryan Murphy ist ja auch nicht der erste, der auf diese Missstände hinweist – Bewegungen wie #metoo und #oscarssowhite zeigen, wie wenig divers und inklusiv Hollywood auch heute noch ist. Murphy geht es nicht darum, als Lehrmeister Antworten zu bieten oder Hollywood in seiner Gänze zu demontieren – er müsste sich ja in Teilen selbst abschaffen, denn die Traumfabrik hat zu viel Unvergessliches hervorgebracht, das auch für ihn persönlich wie beruflich maßgeblich war: In „Glee“ ließ er den eskapistischen Zauber der Musicals wiederaufleben, in „Scream Queens“ feierte er die titelgebende Figur, einen der wichtigsten, weil selbstbewusst und eigenständig handelnden Frauentypen im Horrorfilm, und mit „Pose“ verschafft er der Transgender-Community eine der ersten Mainstreamplattformen im Fernsehen.

Denn genau das sind Murphys Filme und Serien: Mainstream. Das kehrt „Hollywood“ selbstbewusst nach außen, und Murphy schreibt aktiv an der Neuausrichtung der Filmindustrie mit, sowohl auf und vor der Leinwand. So lässt er eine der Figuren einmal sagen: „Filme zeigen uns nicht, wie die Welt ist, sondern wie die Welt sein kann.“ Die Frage, ob man als Außenseiter nach den Regeln des Systems spielen soll oder seine eigenen Regeln aufstellen kann und muss, beschäftigt seine Figuren und lässt sie in „Hollywood“ bis an die Grenze des Kitsches über sich hinauswachsen.

Änderungen von innen heraus anstoßen

Ryan Murphy bleibt damit seiner Linie treu, denn er hat sich in seinen bisherigen Produktionen für in Hollywood wie in der Gesellschaft gleichermaßen marginalisierte Bevölkerungsgruppen starkgemacht. Zugleich hat er sich nie von den künstlerischen Errungenschaften Hollywoods abgewandt und das bestehende System für sich genutzt. Sicher, ein rein altruistisches Projekt ist das nicht, Murphy hat daran gut verdient. Doch seine tiefe Liebe zu klassischen Hollywoodfilmen und dem Glamour der Anfangszeit ist immer spürbar. Diese beiden Themen sind in seinen Arbeiten durchgängig präsent, denn Murphy geht es um Teilhabe und Repräsentation. Er schafft es wie kaum ein anderer, eine Vielzahl an -ismen auf einmal zu verhandeln und leichthändig deren Absurdität und Überkommenheit vor Augen zu führen. Zudem hat er seinen eigenen Erfolg als queerer Filmemacher auch hinter der Kamera genutzt: Mit seiner 2016 gegründeten „Half Foundation“ fördert er Gleichberechtigung im Filmbusiness und hält sich auch selbst an die von ihm aufgestellten Regeln: Mindestens die Hälfte seiner Produktionen werden von Regisseurinnen inszeniert.

Dieses Ursache-Wirkungs-Prinzip zwischen Lebens- und Traumwelt bringt in „Hollywood“ erstaunlicherweise die damals gerade abgetretene First Lady Eleanor Roosevelt auf den Punkt, wenn sie sagt, dass sie nicht mehr an die weltverändernde Wirkung von Regierungen glaube, aber daran, dass Filme die Welt verändern könnten. Ja, „Hollywood“ ist eine schnulzige Romanze, vermeintlich überfrachtet mit Außenseitern, die ihren Traum wahr werden lassen wollen und das in dick aufgetragenen Ausrufen kundtun. Aber wer, wenn nicht Hollywood selbst, kann diese Geschichte schreiben?

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