Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern

Dokumentarfilm | Schweiz 2013 | 98 (24 B./sec) Minuten

Regie: Peter Liechti

Der Schweizer Filmkünstler Peter Liechti porträtiert seine betagten Eltern und fragt nach ihrer Beziehung, ihren Träumen und Ansichten, aber auch nach der gemeinsamen Familiengeschichte. Ihre schweizerdeutschen Ausführungen werden auf einer weiteren Erzählebene mittels zweier Handpuppen ins Hochdeutsche übertragen, was dem Geschehen etwas Exemplarisches verleiht. Der narrativ meisterhafte „Eltern-Dokumentarfilm“ erzählt spannend und aufschlussreich von der Schweizer Gesellschaft und der zwiespältigen Dynamik einer lebenslangen Ehe. (O.m.d.U.) - Sehenswert ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
VATERS GARTEN - DIE LIEBE MEINER ELTERN
Produktionsland
Schweiz
Produktionsjahr
2013
Produktionsfirma
Liechti Filmprod./SRF
Regie
Peter Liechti
Buch
Peter Liechti
Kamera
Peter Liechti
Musik
Dominik Blum
Schnitt
Tania Stöcklin
Länge
98 (24 B.
sec) Minuten
Kinostart
21.11.2013
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
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Heimkino

Verleih DVD
Salzgeber
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Diskussion
„Vor einigen Jahren“, hört man eine ausgesprochen angenehme Stimme aus dem Off, „entdeckte ich meinen eigenen Vater auf der Straße. Wir waren beide verlegen. Warum konnten wir uns nicht richtig umarmen bei diesem Wiedersehen? Warum fühlten wir uns wie Ertappte?“ Während dieses Prologs sieht man den Neumond, im Hintergrund tönt eine Hammond-Orgel. Dann treten zwei Hasenpuppen vor einen blauschwarzen Bühnenvorhang, offensichtlich Vater und Mutter, und erinnern sich in nachdenklichen Sätzen an das spannungsvolle Verhältnis zu ihrem Sohn, der so gar nicht in ihre geordnete Welt passen wollte, bis dann auch Max und Hedi Liechti, die betagten Eltern des auch schon 62-jährigen Schweizer Filmkünstlers Peter Liechti, in Natura zu sehen sind, bei Alltagsverrichtungen, in der Wohnung, beim Friseur oder dem titelgebenden Garten. Mit diesem magisch-konzentrierten, programmatisch vielschichtigen Intro beginnt „Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern“, für den Liechti ein Jahr lang seine Eltern mit der Kamera befragte: nach ihrer Ehe, ihren Träumen und Sehnsüchten, Ansichten und Reflexionen, aber auch nach der gemeinsamen Familiengeschichte mit ihm und seiner Schwester Ursi. Was dabei ans Tageslicht kommt, ist spannend, bedrängend und aufschlussreich, weil es tiefe Blicke ins restaurative Denken der Schweizer Gesellschaft erlaubt, in der alles seinen Platz hat und Männer noch immer frag- und klaglos als Oberhaupt der Familie akzeptiert werden. So wie Max die Beete in seinem Schrebergarten mit einer fast zen-haften Akkuratesse hegt und auch sonst stets penibel darauf bedacht ist, dass Haare, Kleidung, überhaupt alles „tipptopp“ ist, ordnet er seinen Kosmos in „normal“ und „nicht normal“, weshalb er sich beispielsweise kategorisch weigert, einen Haltegriff über der Badewanne anzubringen, obwohl Hedi deshalb schon zweimal gestürzt ist: In seinem Alter, wo das „Himmelsgewölbe“ quasi jeden Tag sichtbarer wird, braucht es das nicht mehr. Es geht Liechti allerdings schon lang nicht mehr um Agitation; die heftigen Konflikte der rebellischen 1970er-Jahre sind einer selbstkritischen, von Liebe und Zuneigung getragenen Neugier gewichen, die eine fast intime Zwiesprache erlaubt und darüber geradezu spektakuläre Einsichten ermöglicht. So kommt selbst der Vater an den Punkt, seinen „Aktivdienst“ als Schweizer Grenzsoldat 1944/45 zu hinterfragen: „Man war einfach ein anderer Mensch in der Uniform“, weniger feinfühlig, geradezu kalt. Den weitaus gewichtigeren Teil zur familiären Reflexion trägt allerdings die Mutter bei, die im Schatten des geselligen, nach außen orientierten Ehemanns einen schweren Stand hatte, in Einsamkeit und Depressionen versank, ehe sie im Glauben an Jesus einen Halt fand. Auch wenn sie Max immer noch „wahnsinnig gern“ hat und daran festhält, im Leben „so ein Glück gehabt zu haben“, wundert sie sich doch an jedem ihrer bislang 62 Hochzeitstage aufs Neue, dass sie noch zusammen sind. Aus ihren Erzählungen erwächst ein bedrängendes Zeit- und Persönlichkeitsbild, in dem generationenübergreifend unheilsame Kräfte und Dynamiken am Werke sind, die in Hedis Reflexionen erstmals sichtbar werden: psychische Dispositionen, „Aufträge“ und destruktive Muster. Das Verhältnis der Geschlechter ist dabei nur einer von vielen Faktoren. Das Großartige dieses dokumentarischen „Eltern“-Films ist über seinen Inhalt hinaus aber vor allem seine narrative Meisterschaft, die es durch den genialen Kunstgriff einer zweiten Erzählebene erlaubt, das individuelle Schicksal auf eine allgemeinere Ebene zu heben. Das Schwiizerdütsch und die auf höchst kreative Weise montierten Aufnahmen mit den Protagonisten werden mittels der Hasenpuppen sprachlich ins Hochdeutsche und durch die Bühnensituation überdies in eine exemplarische Dimension transferiert, ohne dass die Geschichte von Liechtis Eltern dadurch ihre authentische Verwurzelung einbüßen würde. Das ist nicht nur höchst kinoaffin, sondern ein bemerkenswerter Schritt in dokumentarisches Neuland. Josef Lederle Der Schweizer Filmkünstler Peter Liechti porträtiert seine betagten Eltern und fragt nach ihre Ehe, ihren Träumen und Ansichten, aber auch nach der gemeinsamen Familiengeschichte. Ihre schwiizerdütschen Ausführungen werden auf einer weiteren Erzählebene mittels zweier Handpuppen ins Hochdeutsche übertragen, was dem Geschehen etwas Exemplarisches verleiht. Ein großartige, narrativ meisterhafter dokumentarische „Eltern“-Film, der spannend und aufschlussreich von der Schweizer Gesellschaft und den Dynamiken einer lebenslangen Ehe erzählt.
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