Está todo bien - Alles ist gut

Dokumentarfilm | Venezuela/Deutschland 2018 | 70 Minuten

Regie: Tuki Jencquel

Eine Apothekerin, ein Unfallchirurg und zwei Krebspatienten kämpfen in Venezuela wie Millionen andere mit dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems und der öffentlichen Versorgung. Der aktivistische Dokumentarfilm führt mitten in die kafkaesken Konsequenzen der Staatskrise, stellt aber nur unterschwellig die Frage, wie ein Land mit dem höchsten Erdölvorkommen der Erde so bettelarm werden konnte. Stattdessen erteilt er den Betroffenen das Wort und lässt sie ihre Erfahrungen auf der Bühne nachspielen, was Mitgefühl erzeugt, aber durch den Mangel an Rahmeninformationen droht, zum bloßen Abbild eines Stillstands zu werden. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ESTÁ TODO BIEN
Produktionsland
Venezuela/Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Tuki Jencquel
Buch
Tuki Jencquel
Kamera
Tuki Jencquel
Musik
Thomas Becka
Schnitt
Omar Guzmán
Länge
70 Minuten
Kinostart
20.06.2019
Fsk
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Aufrüttelnder Dokumentarfilm über Menschen in Venezuela, die an den kafkaesken Folgen der Staatskrise verzweifeln.

Rosalia Zola hat ihr ganzes Leben in die von ihr geführte Apotheke investiert. Doch seit geraumer Zeit kann die zierliche ältere Dame ihren Kunden in der venezolanischen Hauptstadt Caracas nichts mehr bieten, nicht einmal mehr Medikamente, die zur Grundausstattung gehören. Die Anfragen enden trotzdem nicht, denn auch die anderen Apotheken stehen am Abgrund, ebenso die auf Versorgung angewiesenen Kranken.

Das dokumentarische Langfilmdebüt von Tuki Jencquel versetzt unmittelbar in die kafkaesken Konsequenzen einer Staatskrise, die schon vor vielen Jahren mit dem Niedergang der Chavez-Regierung begonnen hat, lange bevor die umstrittene Präsidentschaft von Nicolás Maduro für Schlagzeilen sorgte. Doch Jencquel spart die politische Situierung in „Está todo bien“ bewusst aus, um sich auf die alltäglichen Lebensumstände der Protagonisten zu konzentrieren. Eher im Subtext stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass Venezuela als das Land mit den höchsten Erdölvorkommen der Welt so bettelarm ist, dass mittlerweile fast 90 Prozent der Bevölkerung massiv darben?

In einem knapp bemessenen Zeitraum zwischen den Jahren 2016/17 vermittelt die aktivistische Dokumentation einen ausschnitthaften Eindruck der Situation in Caracas.

Stillstand aller Hilfeleistungen

Der Fokus auf den Zusammenbruch des Gesundheitswesens ist durchaus eine produktive Einschränkung, anhand derer sich die politische Ausweglosigkeit in Venezuela auf eindringliche Weise thematisieren lässt. Andererseits gerät der Film dadurch selbst in Gefahr, lediglich Abbild eines Stillstands zu werden. Angesichts der Dringlichkeit des Themas wirkt dieser Zugriff etwas verschenkt.

Neben der Apothekerin Zola schildern weitere Protagonisten die Lage im Gesundheitssystem. Der Unfallchirurg Efraim hat sich entgegen dem Beispiel vieler Kollegen entschlossen, das Land nicht zu verlassen, sondern trotz katastrophaler Bedingungen seinen Beitrag für die Patienten zu leisten. Rebecca und Mildred sind Patientinnen und vom Krebs betroffen; sie kämpfen dafür, kostspielige Medikamente über illegale Hilfskonvois zu erhalten – oder von den Hinterbliebenen der Verstorbenen.

Ohnmacht trotz Moderne

In den stärksten Momenten nimmt der Film eine schwer zu begreifende Diskrepanz in den Blick: Wie passen die kühlen Bilder einer modernen Großstadt voller Wolkenkratzer zu einem Zustand brutaler Armut, wie man sie sonst nur aus Kriegsgebieten kennt? Wie kann es sein, dass Rebecca täglich Hilfegesuche für Krebsmedikamente auf Facebook postet – und keine globale Entrüstungswelle die sozialen Medien überflutet?

Der Kontrast der ruhigen, im CinemaScope gedrehten Bilder zur akuten Verzweiflung der Menschen zeigt, wie selektiv die mediale Aufmerksamkeit Krisen gewichtet, manche unerträglich hypet, während andere vollkommen aus dem Blick geraten. Ein Besuch im Parlament dokumentiert die rhetorische Eskalation, die längst den Bezug zur sozialen Verbindlichkeit verloren hat und mehr an Reality-TV als an politische Debatten erinnert. Die Abgeordneten beschimpfen sich mit wüstem Geschrei gegenseitig, manche springen auf, anderen ist das Theater nicht einmal einen Blick von ihrem Smartphone wert.

Dass hier keine Antworten mehr zu erwarten sind, macht „Está todo bien“ mehr als deutlich. Stattdessen wird den Protagonisten ausgiebig Platz zum Sprechen eingeräumt. Um ein Talking-Heads-Szenario zu vermeiden, wählt der Regisseur eine Art Reenactment, bei dem die Kranken zusammen mit dem Pflegepersonal ihre eigenen Erfahrungen zur Aufführung bringen.

Raum für Resonanz und Anerkennung

Dabei werden, abgesetzt vom Rest des Films, vor allem ihre Gesichter in den Blick genommen und über ein theatrales Setting zur Disposition gestellt. Als soziale Intervention macht ein solches Verfahren vor allem für die Protagonisten einen Sinn, indem es ihnen einen Raum für Resonanz und Anerkennung verschafft, der ihnen sonst versagt bleibt.

Betroffenen das Wort zu überlassen, ist für sich eine notwendige aktivistische Aufgabe. Für ein Publikum, das mit den politischen Kontexten in Lateinamerika weniger vertraut ist, wäre die Rückbindung an bestimmte Rahmeninformationen allerdings wünschenswerter gewesen, um die Wirkung vom „Está todo bien“ über die Ebene der Betroffenheit hinaus zu verstärken.

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