Personen des internationalen Films

Cool & voller Selbstironie

Wenige britische Schauspieler haben einen so ikonischen Status wie Michael Caine. Seit seinem Durchbruch in den 1960er-Jahren hat der aus der Arbeiterklasse stammende Darsteller zahllose Rollen verkörpert, vom Normalo-Spion Harry Palmer über unmoralische Casanovas und grimmige Gangster bis zu leisen Altersauftritten. Seine Markenzeichen sind eine ureigene Coolness und Ironie, die ihn auch im Leben neben der Leinwand auszeichnen. Eine Würdigung zum 90. Geburtstag.

Von Michael Ranze

Meister der Kontraste - Julien Duvivier

Der 1896 geborene französische Filmemacher Julien Duvivier, der seine Karriere in der Stummfilm-Ära begann und bis in die 1960er-Jahre hinein rund 70 Filme drehte, wurde von der Nouvelle Vague als Vertreter von „Papas Kino“ geschmäht. Sein Werk, das sich quer durch die Genres bewegt und Erfolgsfilme wie „Pepe le Moko“ und „Don Camillo und Peppone“ umfasst, lohnt indes die Wiederentdeckung. Das Kino Arsenal widmet ihm im März 2023 eine Retro.

Von Jörg Taszman

Asif Kapadia

Heutige Berühmtheiten sind allesamt digitale Charaktere. Sie schauen dauernd auf sich selbst und machen permanent Selfies. Wir alle sind davon besessen, ein perfektes Bild zu hinterlassen und alles zu zerstören, was nicht perfekt ist. Dabei ist gerade das das Faszinierende.

Eine Reise durch die Zeit - Steven Spielberg

Die Berlinale ehrt mit dem Goldenen Ehrenbären für Steven Spielberg einen der ganzen großen Regisseure, der in „The Fabelmans“ einmal mehr den autobiografischen Background seines Schaffens aufdeckt. Ein Blick aufs Gesamtwerk zeigt jedoch, dass Spielberg in allen seinen Filmen interessante Zeitreisen unternimmt, in denen er die Conditio humana zu ergründen versucht.

Von Thomas Klein

Wir müssen reden - Sarah Polley

Die 1979 geborene Kanadierin Sarah Polley hat sich von ihrem Regiedebüt „An ihrer Seite“ (2007) an als ambitionierte Filmemacherin hervorgetan. Ihre seit der Kindheit erfolgreiche Schauspielkarriere ließ sie 2010 auslaufen. Ihre Arbeiten als Regisseurin vereinen ihre aktivistischen Anstrengungen mit einem Blick für die Zerbrechlichkeit von Beziehungen und Systemen. Im Kern geht es stets um die Erinnerung und wie in „Die Aussprache“ (jetzt im Kino) um eine Form der Selbstermächtigung, die auf dem Versuch gründet, Worte für Trauma und Schmerz zu finden.

Von Karsten Munt

Die Kunst des geduldigen Blicks - Jörg Adolph

In seinem aktuellen Film „Vogelperspektiven“ (ab 16.2. im Kino) begleitet der Dokumentarist Jörg Adolph zwei Ornithologen beim Kampf um den Lebensraum für gefiederte Lebewesen. In dem Film lässt sich exemplarisch Adolphs Kunst studieren, den Protagonisten und ihren Leidenschaften nahe zu sein, ohne sich mit ihnen gemein zu machen.

Von Arne Koltermann

Nur nicht stehenbleiben! - Carlos Saura

Der spanische Filmemacher Carlos Saura wurde als politischer Regisseur, aber auch als Autor großartiger Musikfilme bekannt. 1981 gewann er mit „Los, Tempo!“ einen „Goldenen Bären“; Jahre zuvor war er zweimal mit einen „Silbernen Bären“ ausgezeichnet worden, für „Die Jagd“ (1965) und „Peppermint frappé“ (1967). Einen Tag, bevor er in Sevilla mit einem Ehren-„Goya“ für sein Lebenswerk geehrt werden sollte, ist er in seinem Haus in Madrid gestorben.

Von Wolfgang Hamdorf

Zwischen Ohnmacht und Hoffnung - Samir Nasr

Der 1968 geborene deutsch-ägyptische Regisseur Samir Nasr arbeitete mehr als zwei Jahrzehnte daran, den Roman „Sharaf“ zu verfilmen. Sein Drama (seit 26.1. in den Kinos) erzählt von einem jungen Ägypter, der im Gefängnis landet und immer mehr von den diktatorischen Strukturen hinter Gittern verschlungen wird. Ein Gespräch über eine bleibend aktuelle Gesellschaftsparabel, Drehen auf gefährlichem Terrain, die wunden Punkte von Despoten, Ohnmacht und Hoffnung.

Von Wolfgang Hamdorf

Mystische Coolness - Jim Jarmusch

Die Filme des 1953 geborenen US-Filmemachers, der in den 1980er-Jahren zur Ikone des Independent-Kinos wurde, erlangten früh Kultstatus; schon sein Filmhochschul-Abschlussfilm „Permanent Vacation“ machte ihn international bekannt. Von „Down by Law“ bis „Only Lovers Left Alive“ hat er einen filmischen Kosmos voller schräger Figuren und Anleihen bei Popkultur und Philosophie erschaffen. Am 22. Januar wird Jarmusch 70 Jahre alt – und wir können es mehr denn je brauchen, von ihm daran erinnert zu werden, was es heißt, cool zu sein.

Von Patrick Holzapfel

Ins Wort fallen - Jean-Marie Straub

Am 20. November 2022 starb der französische Regisseur Jean-Marie Straub, der zusammen mit seiner Partnerin Danièle Huillet ein einzigartiges Œuvre erschaffen hat. Das als Huillet-Straub bekannte Duo arbeitete sich an politischen Fragen, Literaturvorlagen und Musik auf eine Weise ab, die zwischen heftiger Ablehnung und trotziger Verteidigung wenig Zwischentöne erfuhr. Dieser Umgang mit ihrem Werk wurde dem Ansinnen der beiden aber kaum gerecht, da für sie die Auseinandersetzung und konkrete Einwände die wichtigsten Impulse waren.

Von Rembert Hüser

Das Uhrwerk in uns - Cyril Schäublin zu „Unruh"

Der Schweizer Filmemacher Cyril Schäublin entwirft Gesellschaftsporträts der ungewöhnlichen Art: Menschen erscheinen bei ihm oft nur an den Rändern der Einstellungen, während Architektur und Landschaft den Fokus einnehmen. Nach seinem Zürich-Film „Dene wos guet geit“ (2017) ist sein zweiter Spielfilm „Unruh“ (ab 5.1. im Kino) ein Historiendrama über ein Uhrmacherstädtchen um 1870, in dem Arbeiter, Unternehmer und Anarchisten aufeinandertreffen. Ein Gespräch über Nebenschauplätze, Geister vor Fabriktoren und kapitalisierte Liebe.

Von Karsten Munt