Mein Liebhaber, der Esel & Ich

Komödie | Frankreich 2020 | 97 Minuten

Regie: Caroline Vignal

Eine Grundschullehrerin reist ihrem verheirateten Liebhaber hinterher, der mit seiner Familie eine Wandertour mit einem Esel im französischen Zentralmassiv macht. Vor Ort ist sie jedoch auf sich gestellt und zudem anfangs mit dem Begleittier völlig überfordert, bis sie dessen gelassenes Wesen angesichts ihres eigenen angespannten Nervenkostüms zu schätzen lernt. Eine ebenso muntere wie sorgfältig inszenierte Komödie, die eine große Leichtigkeit besitzt, ohne dabei je trivial zu wirken. Neben den Naturschauwerten und einer ausgezeichneten Hauptdarstellerin zeichnet sich der Film über eine Selbstfindung auch durch die detailgenaue Erfassung der besonderen Sphäre des Wandertourismus aus. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ANTOINETTE DANS LES CÉVENNES
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2020
Regie
Caroline Vignal
Buch
Caroline Vignal
Kamera
Simon Beaufils
Musik
Matei Bratescot
Schnitt
Annette Dutertre
Darsteller
Laure Calamy (Antoinette Lapouge) · Benjamin Lavernhe (Vladimir Loubier) · Olivia Côte (Eléonore Loubier) · Marc Fraize (Michel) · Jean-Pierre Martins (Shériff)
Länge
97 Minuten
Kinostart
22.10.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Komödie

Französische Komödie um eine Lehrerin, die ihrem Liebhaber in den Urlaub nachreist und sich allein auf einen Wandertrip mit einem Esel durch die Cevennen wiederfindet.

Diskussion

Esel sind eindeutig romantischer als Rucksäcke. In der abendlichen Tischrunde ist Antoinette jedoch die Einzige, die sich für die Esel-Option entschieden hat; der Rest der Anwesenden hat weitaus mehr Wandererfahrung und deshalb den Stevenson-Weg ohne Tierbegleitung gebucht. Einige deuten gar an, auch der junge Robert Louis Stevenson wäre womöglich 1878 schon lieber mit einem Rucksack als mit einer Eselin durch das südliche Zentralmassiv gewandert, hätte er die Wahl gehabt – dass Stevenson, wie er in seinem Bericht „Reise mit einem Esel durch die Cevennen“ schrieb, in seiner grauen Gefährtin enormen Trost fand, um eine Phase des Liebeskummers zu überwinden, klammern die Wander-Pragmatiker geflissentlich aus.

Antoinette kann allerdings nicht widersprechen, entspringt der Entschluss der Grundschullehrerin, in den Sommerferien mit einem Esel auf Bergwanderung zu gehen, doch keiner persönlichen Neigung, sondern einem spontanen Einfall. Erst am Tag zuvor hat ihr Liebhaber, der verheiratete Vater einer ihrer Schülerinnen, Antoinette einen Strich durch sämtliche Sommerträume gemacht: Statt den Freund wie erhofft für sich zu haben, steht für diesen erst einmal Familienurlaub mit Frau, Tochter und eben mit Esel an. Die enttäuschte Antoinette ist ihm schlicht hinterhergereist, trifft nun vor Ort aber ihren Geliebten nicht an und hat obendrein die Aussicht auf anstrengende, einsame Tage vor sich. Das Mitleid der Tischrunde hält sich freilich in Grenzen, als sie offenherzig den Grund ihrer Reise preisgibt, schließlich kann man ihr ehezerstörerische Absichten unterstellen. Allerdings erhält Antoinette doch auch etwas Ermunterung. Die um einiges ältere Claire zeigt Verständnis für die impulsive und unstete Lehrerin und rät, das Schicksal entscheiden zu lassen: „Vielleicht begegnen Sie ihm ja.“

Éric Rohmers „Das grüne Leuchten“ lässt grüßen

Indem die französische Regisseurin Caroline Vignal die Rolle dieser hilfsbereiten Wanderin mit der Schauspielerin Marie Rivière besetzt hat, lädt sie zwangsläufig zur Assoziation mit Éric Rohmers Das grüne Leuchten ein. Darin spielte Rivière 1986 eine junge Frau, die ebenfalls durch große Rastlosigkeit auffiel, sich in einer ähnlich diffusen Gefühlslage wie Antoinette befand und im Reisen nach einem Ausweg suchte.

Damit hat sich Vignal für ihren zweiten Spielfilm „Mein Liebhaber, der Esel & Ich“ ein ehrgeiziges Referenzwerk gesetzt, dem sie allerdings mit erstaunlichem Erfolg nacheifert: Zwar nicht mit Rohmers breit ausgespielten, philosophisch unterfütterten Dialogen, aber in einer bemerkenswerten Wiederbeschwörung seiner Kunst, eine leicht, doch niemals trivial wirkende Stimmung zu erzeugen. Der Stevenson-Verweis wird dabei ernst genommen, ohne die Parallelen überzustrapazieren. Denn Antoinette und ihr Esel sind niemals nur Abziehbilder ihrer Vorgänger, sondern gewinnen rasch Eigenständigkeit, nachdem sie sich auf ihren gemeinsamen Weg gemacht haben.

Ein stures Grautier als Liebeskummer-Tröster

Weite Strecken konzentriert sich der Film auf dieses zentrale Paar und den holprigen Einstieg in die Wanderung: Der männliche Esel namens Patrick macht dem Ruf seiner Gattung alle Ehre und folgt seinen eigenen Vorstellungen von Tempo; immer wieder bleibt er auch einfach stehen und lässt sich von der zusehends entnervten Antoinette auch mit kräftigem Zerren und Schieben, Drohungen, Beschimpfungen oder flehentlichen Bitten nicht zum Weitergehen animieren. Bei anderer Gelegenheit wiederum legt er los und reißt seine Weggefährtin hinter sich her. Auch wenn der Film damit durchaus erwartbaren Humor aus dem sprichwörtlichen Eigensinn des Esels bezieht, gleitet er nie in Klamauk ab. Lediglich die fröhliche Musik von Matei Bratescot deutet an, dass Caroline Vignal die alltäglichen Erfahrungen mit Eseln etwas zugespitzt hat.

Zudem dient der Esel nie als bloßer Anlass für Lachnummern, sondern wird oft sogar mit viel Sensibilität von der Kamera in den Blick genommen, insbesondere nachdem Antoinette eine Lösung gefunden hat, um Patrick wenn schon nicht zu zügigem Schritt, doch immerhin zum permanenten Laufen zu bringen: Erzählungen über ihr wechselhaftes und bis dahin wenig erfolgreiches Liebesleben, bis hin zur vagen Hoffnung, dass ihr derzeitiger Freund endlich der Richtige sein könnte.

Die raue Schönheit der Cevennen

„Mein Liebhaber, der Esel & Ich“ lebt von der rauen Schönheit der Cevennen, von der speziellen, detailgenau erfassten Sphäre des Wandertourismus und von kleinen poetischen Momenten. Vor allem jedoch ist der Film ein wunderbares Geschenk für die Schauspielerin Laure Calamy und ihre überschäumende Spielfreude. Mit der Gabe, mühelos von strahlender Offenheit zu tiefer Verletzlichkeit wechseln zu können, aber auch in überdrehten Augenblicken nie unglaubhaft zu wirken, hat die 1975 geborene Französin bereits in ihren Nebenrollen in der Serie Call My Agent! und in Filmen wie Ava immer wieder Eindruck gemacht. In ihrer ersten Spielfilm-Hauptrolle findet sie nun eine glänzende Gelegenheit, ihre emotionale Bandbreite auszuspielen, sei es als bangende Liebende, in der Überforderung mit dem Wandertrip oder im Zusammenspiel mit dem Esel, der bald vom schwer beherrschbaren Anhängsel zum geduldigen Adressaten ihres Bedürfnisses nach Aussprache und zum treuen Begleiter wird. Das eigentliche männliche Ziel von Antoinettes Begierde rückt dabei fast in den Hintergrund, bevor es doch noch zu dem von ihr angestrebten Treffen kommt – wenn auch nicht mit der erwünschten Wirkung auf ihren Geliebten.

Als Pilgerpfad zur Selbsterkenntnis bietet sich der Stevenson-Weg naturgemäß an, sodass auch dieser Aspekt sich ohne forciertes Zutun des Drehbuchs in den Film einspeist. Der Lernprozess ist in jedem Fall auf das entschleunigte Tempo des wandernden Paares abgestimmt und wird weder als schrankenloser Gewinn noch als realitätsfernes Glücksversprechen verkauft. Dafür ruht der Film zu sehr in einer selten so souverän bedienten Spielart des Kinos: Sich als aufmerksamer Entdecker in eine fremde Welt zu begeben und diese in schönen wie unschönen Elementen einfach wirken zu lassen.

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