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Ich bin dein Vater!

Vivat dem König der Space-Operette: George Lucas zum 80. Geburtstag

Veröffentlicht am
14. Mai 2024
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Am 14. Mai 1944 wurde der vielleicht einflussreichste Producer-Director der Filmgeschichte im kalifornischen Modesto geboren; 2024 feiert er 80. Geburtstag und wird beim Filmfestival in Cannes mit einer Goldenen Palme für sein Lebenswerk geehrt. Porträt eines Filmemachers, der zu den großen Regie-Hoffnungen des „New Hollywood“ zählte, mit „Star Wars“ das Blockbuster-Kino mit Hyperantrieb aufrüstete und in einer weit weit entfernten Galaxis seine künstlerischen Ambitionen verlor.


Glückspilze, wie George sie schuf: X-Wing-Fighter-Pilot Luke Skywalker wirft eine Sprengladung ab und entkommt in letzter Sekunde dem Labyrinth des Todessterns, bevor der Kunstmond im Finale des ersten „Star Wars“-Films von 1977 (weiland als „Krieg der Sterne“ in die deutschen Kinos gekommen) nach Rebellenplan funkensprühend zerplatzt. Drei Jahre später in „Das Imperium schlägt zurück“ überlebt der Lucky Guy die Bruchlandung auf einem Sumpfplaneten des Dagobah-Systems, während sein Freund Han Solo den schnittigen „Millennium Falcon“ gegen jede Wahrscheinlichkeitsrechnung des oberschlauen Droiden C3PO durch einen Asteroidengürtel manövriert. Logisch, dass die imperialen Jäger an den durchs All trudelnden Brocken zerschellen.

Es kommt noch aberwitziger, in der Prequel-Trilogie, in der „Star Wars“-Schöpfer George Lucas seine Saga nach anderthalb Jahrzehnten Ende der 1990er-Jahre wiederaufnimmt und auf die vorherige Sternenkriegsgeneration zurückblickt. Da gewinnt der neunjährige (!) Annakin – Lukes späterer Erzeuger – in „Episode I – Die dunkle Bedrohung“ ein sogenanntes Podrennen, dessen Teilnehmer ihre Flugmaschinen in der Wüste von Tatooine durch felsige Nadelöhre ins Ziel bringen müssen und sich gegenseitig rücksichtslos dabei behindern dürfen. Am Ende zerstört der Knabe sogar die Raumstation der zwielichtigen Handelsföderation – in einem Kampfjäger sitzend, ohne Pilotenschein und ohne einen Kratzer davonzutragen.


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Das ist höchst unplausibel, keine Frage, und kam im Premierenjahr 1999 auch nicht gut an. Lucas hatte den Bogen mächtig überspannt, das mussten sogar eingefleischte „Star Wars“-Fans zugeben. Dennoch haben die Flugkünste der genannten Kämpfer (erst in der Nach-Lucas-Ära dürfen sich dann auch Heldinnen sozusagen im Schleudersitz bewähren) und ihre Unverwundbarkeit einen wahren Kern.

Ikoische Helden: Han, Chewie, Luke und Obi-Wan im Anflug auf den Todesstern in "Krieg der Sterne" (©Lucasfilm/Disney)
Ikonische Helden: Han, Chewie, Luke und Obi-Wan im Anflug auf den Todesstern in "Krieg der Sterne" (© Lucasfilm/Disney)

Podrennen im Film als Autorennen in der Realität

Am 12. Juni 1962 wurde der 18-jährige George Walton Lucas Jr. in seiner kalifornischen Heimatstadt Modesto in einen schweren Autounfall verwickelt, den er nur durch ein Wunder überlebte. Der Autonarr und Bastler hatte das Dach seines Autobianchi Bianchina entfernt und den Zweipunkt- durch einen bei Rennfahrern üblichen Beckengurt ersetzt. Bei der Kollision mit dem Wagen eines Freundes, der ihn mit hoher Geschwindigkeit zu überholen versucht hatte, riss der Gurt und Lucas wurde aus dem Wagen geschleudert. Zum Glück, denn sonst wäre er im Auto zerquetscht worden, das gegen einen Walnussbaum flog. Die Verletzungen waren immerhin schwer. Nach zwei Tagen im Koma und wochenlangem Aufenthalt in der Intensivstation beschloss der Teenager, der mit einer Karriere als Rennfahrer geliebäugelt hatte, sein Leben zu ändern.

Er wäre irgendwann auf der Rennstrecke umgekommen, dämmerte Lucas im Nachhinein. Nun wird er 80 Jahre alt – und genießt den Ruf, einer der berühmtesten Filmemacher (im umfassenden Wortsinn) der Welt zu sein. Außerdem ist der publikumsscheue Produzent mit seinem 5,5-Milliarden-Vermögen der reichste aller „Celebrities“ laut aktuellem Ranking des Wirtschaftsmagazins „Forbes“ (das zwischen Promis und Milliardären mit weniger schillernden Namen unterscheidet). Der Verkauf seiner Produktionsfirma Lucasfilm an den Disney-Konzern, der seit 2012 über die „Star Wars“-Rechte verfügt, hat sich ausgezahlt. 

George Lucas hat sich aufs Filmemachen statt aufs Profi-Rennfahren verlegt, liebäugelte aber durchaus weiterhin mit schnellen Autos. Hier 2007 beim Toyota Pro/Celebrity Race (© IMAGO/ZUMA Press)
George Lucas hat sich aufs Filmemachen statt aufs Profi-Rennfahren verlegt, liebäugelte aber durchaus weiterhin mit schnellen Autos. Hier 2007 beim Toyota Pro/Celebrity Race (© IMAGO/ZUMA Press)

Und Lucas lässt sich nicht lumpen. Er zählt zu den wichtigsten Unterstützern Joe Bidens – in dessen Kabinett Lucas’ heutige Ehefrau Mellody Hobson beinahe als Finanzministerin gelandet wäre – und investiert große Summen in öffentliche Projekte. 2025 soll – nach diversen Verzögerungen – das von ihm und Hobson gemeinsam gegründete Lucas Museum of Narrative Art in Los Angeles eröffnet werden: 25000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in einem Bau des chinesischen Architekten Ma Yansong. Die edle Hülle erinnert nicht von ungefähr an eine Raumstation.


Frühe Lust am Experiment

Die allbekannten Flugobjekte aus „Star Wars“ wirken vergleichsweise unauffällig. Das gilt auch für viele Sets. Lucas wollte immer vermeiden, dass der Wow-Faktor von der Handlung ablenkt und die Spannung mindert. Das Raumschiffdesign orientiert sich an der realen Welt. Die imperialen Schlachtschiffe sind hässliche Riesentanker, bei den Flugobjekten der Rebellen kommt immer wieder Lucas’ Faszination für Rennautos zum Vorschein. Han Solos „Falke“ ist der Sonderfall eines ständig reparaturbedürftigen Fluggeräts, was auf den Motorenbastler aus Modesto zurückverweist: Er stelle sich das Raumschiff als Mischung aus einem Hamburger und einem Schweinekotelett vor, soll Lucas 1975 in der Designabteilung verkündet haben.

Autoliebe rostet nicht – nur wurde sie vom Crash im Juni 1962 an für Lucas gewissermaßen platonisch. Von nun an trat er kaum noch aufs Gaspedal, dafür begann er, die Autos und den Motorsport leidenschaftlich zu fotografieren und zu filmen. Mit dokumentarischen Kurzfilmen wie „Herbie“ (1966) – bei dem sich der nächtliche Straßenverkehr im Karosserielack eines Autos spiegelt – und einem Porträt des Rennfahrers Pete Brock („1:42.08“) erregte Lucas als Student an der UCLA-Filmhochschule in Los Angeles Aufsehen. Seine Frühwerke belegen die Lust am Experiment und zeigen außergewöhnliche formale Qualitäten. In Kurzfilmen wie „Freiheit“ (der deutschsprachige Titel verweist auf das behandelte Thema der Flucht aus der DDR) und „Electronic Labyrinth: THX 1138 4EB“ verbinden sich abstrahierende Bild-Ton-Gestaltung und Lucas’ Interesse an politischen Themen. Die experimentelle Vorstudie zu seinem Spielfilmdebüt „THX 1138“ (1971) ist von George Orwells dystopischem „1984“-Roman inspiriert. In der Langfilmversion flüchtet sich der von Robert Duvall gespielte Titelheld aus einer totalitären Leistungsgesellschaft, deren durchnummerierte Mitglieder mit Psychopharmaka gezähmt werden und qua Gesetz keinen Sex haben dürfen.


Polit-Kulisse

Bei genauer Betrachtung ist „THX 1138“ Lucas’ einziges Science-Fiction-Werk geblieben. Der Pop-Mythos „Star Wars“ neigt viel eher der Fantasy zu. Im postmodernen, aus dem Arsenal der US-Filmgeschichte gespeisten Genre-Feuerwerk verglüht auch jedweder politische Ansatz, der Lucas bis in die frühen 1970er-Jahre noch motiviert haben mag. Doch falls die muntere Unbedarftheit der ersten Space-Operetten ein Fehler gewesen sein sollte, machte der Autor und Regisseur der späteren Prequel-Trilogie das im Verlauf der 2000er-Jahre keineswegs wett. Arg oberflächlich spielt Lucas da mit Anklängen an die Geschichte des 20. Jahrhunderts, etwa das Scheitern der Weimarer Republik mit der Machtübernahme Hitlers – verkörpert in einem Blitze schleudernden Usurpator alias Kanzler Palpatine. Und auf die öden Gremiensitzungen der Jedi-Meister oder das alberne Giga-Parlament der ihrem Ende entgegendämmernden Republik mochte schon das Premierenpublikum gerne verzichten. Das sind Polit-Kulissen, die keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte erkennen lassen.

Der Untergang der galaktischen Republik bahnt sich an, aber "Die dunkle Bedrohung" schöpft das erzählerische Potenzial, das in dem Thema steckt, nicht aus (© Lucasfilm/Disney)
Der Untergang der galaktischen Republik bahnt sich an, aber "Die dunkle Bedrohung" schöpft das erzählerische Potenzial, das in dem Thema steckt, nicht aus (© Lucasfilm/Disney)

Bei weitem nicht alles an der mittleren Trilogie ist misslungen, aber in der Retrospektive hat Lucas doch gut daran getan, seine Firmengruppe 2012 an die Walt Disney Company zu verkaufen. Er machte damit den Weg frei für die Regisseure und an den jeweiligen Filmen auch als Autoren beteiligten J.J. Abrams und Rian Johnson, die der Serie neuen Schwung gaben und Lucas als Action-Regisseure und Geschichtenerzähler ohnehin übertreffen.


Industrie-Magie

Was Lucas ohne „Star Wars“ im Regiefach hätte leisten können, ist schwer einzuschätzen. Einerseits zählt er zu den prägenden Figuren des „New Hollywood“, andererseits hat er auch, im Verein mit seinem Freund Steven Spielberg, die – mit böser Zunge gesprochen – Blockbuster-Schwundstufe dieser Ära eingeleitet. Sabine Horst spricht im Begleitkatalog zur „New Hollywood“-Retrospektive der Berlinale 2004 von einer „technokratischen Wende“, für die Lucas im zeitgenössischen Kino stehe.

In diesem Kontext muss das von Lucas zwecks Realisierung des „Star Wars“-Projekts gegründete Special-Effects-Unternehmen Industrial Light & Magic (ILM) erwähnt werden, das die bahnbrechenden Filmtricks für die Skywalker-Saga, für „Indiana Jones“ oder das „Zurück in die Zukunft“-Franchise lieferte. Mit ILM bekam der zuvor ausgelaugte Begriff der „Traumfabrik“ eine neue Schärfe. Als Lucas 70 wurde, schrieb Dietmar Dath in der FAZ, „dass der Ausdruck ‚Kulturindustrie‘, den Adorno und Horkheimer auf das Studiosystem von Hollywood gemünzt hatten, erst mit Lucas von der Unheilsprophetie zur Wahrheit wurde. Denn nach Marx beginnt die moderne Industrie im entfalteten Stadium erst, wenn Produktionswerkzeuge andere Produktionswerkzeuge herstellen – bei Lucas aber erreichte das die Ästhetik: Reale Maschinen (Rechner) stellen uns fiktive Maschinen (Roboter, Raumschiffe) in die Fantasie wie unbeherrschbare Möbel in die innere Wohnung.“

Digitales Phantasma: Eine Space-Schlacht-Szenario aus "Die letzten Jedi" (© Lucasfilm/Disney)
Digitales Phantasma: Ein Space-Schlacht-Szenario aus "Die letzten Jedi" (© Lucasfilm/Disney)

Stichwort Unbeherrschbarkeit: Für Lucas selbst, der ein halbes Jahrzehnt lang mit dem Stoff gerungen hatte, dürfte der „Star Wars“-Erfolg Segen und Fluch zugleich gewesen sein. Zunächst wurde er vom Hype um seinen „Star Wars“-Erstling geradezu überrumpelt. Als „Krieg der Sterne“ im Mai 1977 anlief, war sein Regisseur von der vier Jahre andauernden Material- und Drehschlacht und vom Ringen mit den bis zuletzt desinteressierten Studiobossen von 20th Century Fox so demoralisiert, dass er die ersten Nachrichten vom Sensationserfolg kaum glauben konnte. Dann konnte sich Lucas auch deshalb freuen, weil er den Fox-Verantwortlichen, die sich plötzlich auf ertragreiche Sequels freuten, seine Bedingungen diktieren konnte. Besonders das Merchandising behielt er im Auge – und handelte im Planungsstadium von „Das Imperium schlägt zurück“ gegenüber der Fox für seine Lucasfilm 100 Prozent der Spielzeuge und anderer Artikel heraus. Bereits für den ersten Film hatte er sich 50 Prozent der Merchandising-Einnahmen gesichert, in Erinnerung an seinen Vater, der in der kalifornischen Kleinstadt Modesto ein Schreibwarengeschäft führte. Die Idee von Lucas senior, in einer Ecke des Ladens auch Spielwaren anzubieten, entwickelte sich zur größten Umsatzquelle, was dem Sohn eine Lehre war.


Aus Kino wird Waren-Fluss

Aus einem Film wird eine Trilogie, aus der Reihe entwickelt sich ein Franchise, das immer größer wird, das einen unerschöpflichen Warenfluss von Spielzeug, Fernsehserien, Videospielen, Romanen, Comics und Freizeitpark-Attraktionen generiert: Das ist George Lucas’ Kino-Revolution. Aber wo bleibt das Kino?

Wenn er es je sein wollte: Alleinherrscher über das von ihm gegründete, weit verzweigte Imperium konnte Lucas nicht bleiben. Ganz loslassen konnte er auch nach dem Disney-Deal nicht, was sich an Lucas’ Kritik an Abrams’ „Episode VII“ ablesen ließ, die sich für seinen Geschmack zu einfallsarm an Motivik und Dramaturgie des 1977er-Films anlehnte. Rian Johnsons „Star Wars: Die letzten Jedi“ lobte er, über seine Ansichten zur bisher letzten Kino-Folge – „Der Aufstieg Skywalkers“ wurde wieder von J. J. Abrams betreut – ist nichts bekannt. Lucas’ Umgang mit der Original-Trilogie, die er mehrmals „ausbesserte“ und um digital eingeschleuste Sets, Figuren und Gadgets ergänzte, brachte Teile der Fangemeinde ebenso in Rage wie seine Ausgestaltung der Vorgeschichte in den Prequel-Episoden.

Es war nie unbelastet, das Verhältnis des um Kontrolle seiner Schöpfung bemühten Produzenten zu seinem Publikum, das sich die Saga und ihre Figuren aneignet, die Erzählfäden weiterspinnt und dezidierte Ansichten über Revisionen und Neuerfindungen vertritt. Und vice versa: Darüber machte Alexandre O. Philippe 2010 einen witzigen, durchaus unparteiischen Dokumentarfilm, „The People vs. George Lucas. Neben vielem anderen geht es da um ein „Nooooo“, das der Produzent Darth Vader in einer renovierten Szene aus „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ in den Cyborgmund legte. Oder um den vielgeschmähten Jar Jar Binks in „Die dunkle Bedrohung“, den Lucas nach Protesten aus den Folge-Episoden II und III weitgehend wieder herausschrieb.


Der Rebell ist auf der Strecke geblieben

Er ist kein beratungsresistenter Starrkopf. Und übrigens auch keiner, der (wie Alfred Hitchcock es oftmals tat) die Leistungen seiner Mitstreiterinnen und Kombattanten unterschlug oder unzureichend belohnte. George Lucas hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass die Kreativkräfte der Schauspielenden, seines Hauskomponisten John Williams, des Sounddesigners Ben Burtt oder des Spezialeffekt-Zauberers John Dykstra untrennbar mit der Erfolgsformel „Star Wars“ verbunden sind.

Lucas’ Problem liegt ganz woanders – und verbindet sich mit dem Fluch des von ihm quasi mit Hyperantrieb aufgerüsteten Blockbuster-Kinos. Paradoxerweise war der junge UCLA-Absolvent angetreten, die Hollywood-Studios das Fürchten zu lehren, das Filmemachen zu flexibilisieren und Geschichten mit einer persönlichen Handschrift zu erzählen. Mit und neben „Star Wars“ entwickelte sich indes ein neues, gewiss effizientes System, das aber nach derselben kapitalistischen Logik funktionierte wie das alte Hollywood. Künstlerisch war es kein Fortschritt. Und Lucas wurde nun selbst zum Großfabrikanten, der sein jüngeres Alter Ego, den ehrgeizigen, kämpferischen und experimentierfreudigen Filmemacher womöglich sogar kaltgestellt hat. So ungefähr sieht es sein früherer Mentor Francis Ford Coppola, der bis heute von Lucas’ nie ausgeschöpften künstlerischen Möglichkeiten überzeugt ist: „Wir wurden der Filme beraubt, die er machen wollte und hätte machen können“, klagte Coppola vor zehn Jahren in einem Fernsehinterview, und fügte nüchtern hinzu: „Stattdessen haben wir einen enormen industriellen Marketingkomplex.“

Vier Größen des New Hollywood, deren Karrieren sie in sehr unterschiedliche Richtungen geführt haben, gemeinsam abgelichtet anlässlich der "Oscar"-Verleihung 2007: George Lucas (ganz rechts) mit Francis Ford Coppola, Martin Scorsese und Steven Spielberg (V.L.n.r.) (© IMAGO / UPI Photo)
Vier Größen des New Hollywood, deren Karrieren sie in sehr unterschiedliche Richtungen geführt haben, gemeinsam abgelichtet anlässlich der "Oscar"-Verleihung 2007: George Lucas (ganz rechts) mit Francis Ford Coppola, Martin Scorsese und Steven Spielberg (V.L.n.r.) (© IMAGO / UPI Photo)

Das zeichnete sich 1969 noch nicht ab, als Coppola und der fünf Jahre jüngere Lucas gemeinsam das unabhängige Studio American Zoetrope gründeten. Nach Coppolas „The Rain People“ war „THX 1138“ die zweite Produktion der Firma. Weil dem spröden Science-Fiction-Drama kein Erfolg beschieden war, versuchte Lucas es mit einem gefälligeren Thema: Tatsächlich entpuppte sich American Graffiti“ (1973) als eine der profitabelsten Produktionen der 1970er-Jahre, woran die ungewöhnliche Filmmusik – mehr als 40 lizensierte Rock-’n’-Roll-Titel – einen maßgeblichen Anteil hatte. Mit viel Gefühl und einem kräftigen Schuss Nostalgie erzählt Lucas von seiner eigenen Jugendzeit im kalifornischen Modesto Anfang der 1960er-Jahre. Der musikalische Bogen und die Stimme des Radiomoderators Wolfman Jack (der am Schluss einen an „The Wizard of Oz“ erinnernden Cameo-Auftritt hat) verbinden die locker gereihten Episoden. So gibt „Graffiti“ Anlass zur Spekulation, dass Lucas auch die ambitioniertere Richtung eines Robert Altman hätte einschlagen können, bevor es nach „Star Wars“ kein Zurück aus dem Mainstream mehr gab.

Im Mittelpunkt von „American Graffiti“ stehen vier Jungs, die sich eines Abends vor der Burgerbude Mel’s Drive-In treffen, bevor Curt (Richard Dreyfuss) und Steve (Ron Howard) am nächsten Tag zur Ostküste aufbrechen werden, um ihre College-Laufbahn zu beginnen. Noch eine Nacht, um im Auto durch die Gegend zu cruisen, das andere Geschlecht auf sich aufmerksam zu machen, um Abschied zu feiern von der Jugendzeit. Leicht eingetrübt wird die Kleinstadtskizze vom Vietnamkrieg, doch das können die Protagonisten noch nicht ahnen. Am Schluss, in biografischen Notizen, lesen wir von ihrem weiteren Schicksal – und dass einer von ihnen aus dem Dschungelkampf nicht wiederkehren wird.

Sein einschneidendes Erlebnis vom Juni 1962 behandelt Lucas bereits in „American Graffiti“. Und wie später in einer anderen Galaxie taucht er einen Unfall in mildes Licht. Der Morgen dämmert, John (Paul Le Mat) und der Motorsport-erfahrene Bob Falfa liefern sich ein Rennen, das kurz ist, weil Falfa ein Reifen platzt. Sein schwarzer Chevy kommt von der Straße ab, überschlägt sich, fängt an zu brennen, explodiert. Davor sind der Unglücksfahrer und seine Begleiterin in letzter Sekunde aus dem Wrack gekrochen. Bob Falfa, nur eine Nebenrolle, wurde von einem gewissen Harrison Ford gespielt – später ein Glücksritter von Lucas’ Gnaden. Seine Catchphrase als Han Solo: „Never tell me the odds!“ Sag mir nie, wie meine Chancen stehen. Augen zu und durch. Happy Birthday, George Lucas.



Lesetipp:

Eine Graphic Novel über George Lucas: „Der lange Weg zu Star Wars“

George Lucas als Graphic-Novel-Figur (© Splitter Verlag)
George Lucas als Graphic-Novel-Figur (© Splitter Verlag)

August, 1976: „Wir stecken in der Scheiße… bis zum Hals.“ Ein bisschen Han-Solo-Lakonie schwingt mit im ersten Panel eines neuen Comics von Laurent Hopman (Story) und Renaud Roche (Zeichnungen) über den steinigen Weg, den „Star Wars“-Vater George Lucas zurücklegte, bevor er 1977 mit „Krieg der Sterne“ das moderne Blockbusterkino mitbegründete. In Schwarz-weiß-Bildern, die immer wieder mit knalligen farbigen Akzenten arbeiten, rollen die beiden Comickünstler ihren Stoff als Mischung aus privater Biografie und Kino-Kulturgeschichte auf, deren Dramaturgie merklich vom Film beeinflusst ist. Gestartet wird mit einem typischen „Cold Open“, der die Leser:innen mitten hinein ins Geschehen wirft: Lucas, gerade mal Anfang 30 und am Beginn seiner Karriere, scheint schon am Ende zu sein; bei der Produktion von dem, was sich später als der Nukleus eines Erfolgs-Franchises entpuppen wird, geht schief, was nur schiefgehen kann. Wegen Herzproblemen geht es erstmal in die Notaufnahme. Von dort aus schaffen die Autoren mittels Rückblenden Hintergrund und Kontext: Wer ist dieser George Lucas, welche Erfahrungen haben ihn geprägt? Wie sahen seine ersten Schritte in der Filmbranche aus? Es entfaltet sich eine wilde „Heldenreise“ durch die aufregende Umbruchsphase des „New Hollywood“, mündend in die Konzeption und Realisierung von „Star Wars“, die allen Hindernissen zum Trotz schließlich doch zu einem fertigen Film führen. Womit der Comic zum akribisch recherchierten „Making-of“ wird, das sich lustvoll in die handwerkliche und erzählerische Genese des Sternenmärchens stürzt und nicht zuletzt immer „character driven“ bleibt – neben George Lucas selbst wird auch seinen diversen Mitarbeiter:innen liebevoll Referenz gezollt. Wozu passt, das ganz am Ende des schönen Bandes, der im Erfolg von „Krieg der Sterne“ gipfelt, noch ein Portfolio angehängt ist, das wiederum Einblicke gibt in Renaud Roches Herangehensweise an seinen Stoff, wobei es primär um die Konzeption der im Comic auftretenden Figuren geht.

Beim Dreh des Kultfilms (© Splitter Verlag)
Beim Dreh des Kultfilms (© Splitter Verlag)

George Lucas – Der lange Weg zu Star Wars“ von Laurent Hopman und Renaud Roche ist erschienen im Splitter Verlag. 208 Seiten, 29,80 EUR. Verfügbar im Buchhandel oder hier.

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