Chris O'Dowd: Ein Porträt

Ein Porträt des irischen Schauspielers

Diskussion

Die Rolle des tolpatschigen Nerds oder Kumpel-Typs mit Dreitagebart hat der irische Schauspieler Chris O’Dowd in den letzten zehn Jahren zu seinem Markenzeichen gemacht. Während er immer mal wieder aus dem Rollen-Stereotyp ausbrechen konnte, glänzt er aktuell in „Juliet, Naked“ als Vollblut-Fan mit Tunnelblick auf seinen Spleen, einen seit langem abgetauchten Rocksänger. Ein Porträt.


„Have you tried turning it off and on again?“, blafft Roy in den Kellertiefen der IT-Abteilung von Reynholm Industries in den Telefonhörer – genervt vom Technikunverständnis von „denen da oben“ und immer darauf bedacht, die eigene Nerd-Identität durch seine T-Shirt-Aufdrucke zu unterstreichen. Mit seinem pedantischen Kollegen Moss und der Vorgesetzten Jen bildet der junge Mann mit den eng beieinander stehenden Augen, den gegelten Löckchen auf dem Kopf und der hochgewachsenen, aber untrainierten Statur „The IT Crowd“. Dass sich mit solchen Prämissen in der Damenwelt auch im britischen TV-Jahr 2006 wenig Staat machen lässt, versteht sich von selbst. Dafür aber ließ sich aus der zwischen Chaos und Neurose pendelnden Truppe komödiantisches Kapital schlagen: Drei Staffeln sollten der rabenschwarzen Sitcom-Serie noch folgen. Für den 1979 geborenen irischen Schauspieler Chris O’Dowd führte die Rolle des „Ur-Nerds“ schon in Runde Eins zum Durchbruch: Die Serie wie auch o’Dowds Figur trafen offensichtlich einen Zeitgeist-Nerv, den kurz danach auch die Technik-Geeks in der US-Sitcom „The Big Bang Theory“ und parallel Judd Apatows Komödien um unreife Männerfiguren ansprachen.

Der Durchbruch mit der Sitcom "The IT Crowd"
Chris O'Dowds Durchbruch mit der Sitcom "The IT Crowd"

Warum also an der Erfolgsmasche der „dreitagebärtigen“ Slacker-Figur, der nicht die Damenwelt, dafür aber die Fettnäpfchen zu Füßen liegen, zunächst etwas ändern? Umso mehr, als sich damit der bürgerlichen Gegenwart so schön entfliehen lässt: So sprang O’Dowd bereits kurz darauf als Science-Fiction-Fan Ray, ein filmisches Derivat seines Seriencharakters Roy, in der Komödie „Frequently Asked Questions about Time Travel“ (2009) in die Zukunft. In Sonja Heiss’ jede westliche Sinnsuche entmystifizierendem Kinofilm „Hotel Very Welcome“ zieht es O’Dowds Dude-Figur 2007 wiederum nach Indien. Hier sucht Liam beim Kamel-Wüstentrip und dem Holi-Farbenfest nach einem drogeninduzierten Erweckungserlebnis, während die Realität zu Hause in Irland schon einen kräftigen Weckruf abgesetzt hat: Ein betrunkener One-Night-Stand resultierte in einer Schwangerschaft, die Liam das Weite suchen und am anderen Ende der Welt eine neue Liebe finden lässt.

     Weitere Filme mit Chris O‘Dowd:


Es sind solche Fluchtbewegungen aus lästigen Verpflichtungen, die auch die jetzt startende Nick-Hornby-Verfilmung „Juliet, Naked“ von Jesse Peretz bestimmen. Nur dass sich Chris O’Dowds Figur in diesem Film, der Hochschuldozent Duncan, nach 15 Jahren Beziehung in einem verschnarchten südenglischen Küstenörtchen längst in die innere Emigration zurückgezogen hat. Sein „Herren-Zimmer“ ist mit Zeitungsschnipseln und Fotos des US-Rockstars Tucker Crowe gepflastert. Im Hintergrund laufen unablässig dessen Singer-Songwriter-Schmonzetten aus den 1990er-Jahren, die dann genüsslich-obsessiv auf Duncans Community-Seite mit anderen Männern mittleren Alters durchdiskutiert werden. Sex, Kinder oder auch nur ein romantisches Dinner mit Dauerfreundin Annie (Rose Byrne) hat Duncan schon ad acta gelegt, bevor er sie mit einer Kollegin betrügt. Dabei ist sein Idol Crowe (Ethan Hawke) selbst auf dem Höhepunkt seiner Karriere untergetaucht und windet sich seit mehr als 20 Jahren aus der Verantwortung für seine mit unterschiedlichen Frauen gezeugten Kinder. Wo sich andere Männerfiguren mit zunehmendem Alter der Familiengründung widmen, haben sich die Spleens der O’Dowd-Figuren schlicht verlagert: Vom IT-Kosmos in den Orkus der Musikgeschichte.

Chris O'Dowd in "Juliet, Naked"
Chris O'Dowd in "Juliet, Naked"

Einsatz mit Leib und Seele

„I am a soul man!“, erklärt Chris O’Dowds eigene Musiker-Figur mit dem ihn einführenden Soundtrack-Song von Sam & Dave denn auch in „The Sapphires“ (2012). Der buchstäblich aus dem Koffer(raum) lebende Mann mit dem sprechenden Namen Dave Lovelace entdeckt 1968 in der australischen Provinz drei stimmgewaltige Aborigines-Schwestern und schwingt sich vom abgehalfterten Alleinunterhalter mit Alkoholproblem zum Band-Manager mit Verantwortungsgefühl auf. Beim Gesangswettbewerb sind Dave und ein kleiner Junge die Einzigen, die ohne rassistische Vorurteile mit Herz und Ohr hinzuhören bereit sind. Komplettiert wird das Gesangs-Quartett von einer Cousine, die bereits als Kind ob ihrer weißen Hautfarbe der Familie entrissen und in Melbourne als Weiße erzogen wurde. Zur Unterstützung der schwarzen US-Soldaten gelangt die Gruppe nach Vietnam, wo sich Dave als stellenweise unzuverlässiger, aber glühender Verehrer der Band und ihrer Leadsängerin herausstellt, die er selbst zum Wohle des Klangs in den Background verschiebt. Wenn es der Sache dient, kennen O’Dowds Figuren kein Pardon.

„Ohh mercy. Can I have some mercy now!“, röhrt Dave denn auch am Klavier, um den Schwestern die kraftvolle, positive Seite des Soul zu demonstrieren. Man glaubt es sofort, dass dieser Mann mit seinen Leidenschaften eigentlich himmlischen Beistand bräuchte, um nicht von ihnen verbrannt zu werden. Wenn Chris O’Dowds Schwerenöter-Figuren nämlich einmal für etwas Feuer fangen, dann mit Haut und Haaren. Wobei es keine Rolle spielt, ob das die Computer, die Musik, die Frauen oder aber ein Mann ist, dessen unmoralisches Tun das, was man liebt, trübt. In Stephen Frears’ „The Program“ spielt Chris O’Dowd den „Sunday Times“-Journalisten David Walsh, der 2001 als erster dem ausgetüftelten Drogenprogramm von Radrennprofi Lance Armstrong auf die Schliche kam. Er habe an den Sport geglaubt, den Armstrong hier zerstöre, erklärt er einmal seinen Kollegen, als die ihn, überfordert von der allseitigen Gegenwehr, ebenfalls im Stich lassen. In „Mascots“ wiederum, einer Netflix-Komödie von Christopher Guest über einen Wettkampf der Internationalen Maskottchen Vereinigung, gibt ausgerechnet O’Dowd den Rowdy unter den Glücksbringern auf zwei Beinen: „Die Faust“ legt sich in einem handförmigen Ganzkörperkostüm am liebsten mit den Spielern und Maskottchen der gegnerischen Mannschaft an, wenn sie nicht gerade in scherzhafter Begattungs-Pose die Frau von deren Trainer anfällt.


Vom Rachegott zu Thors Nebenbuhler

O’Dowds oftmals tollpatschige bis naive Figuren mögen sich noch so sehr an den Ansprüchen ihres näheren Umfelds oder der Gesellschaft abarbeiten. Fast immer halten sie Werte wie Ehrlichkeit und Integrität hoch und behalten das Herz am rechten Fleck. Bezeichnenderweise lässt sich das ausgerechnet von einer Figur nicht sagen, die während des gesamten, seine düstere Prophezeiung bereits im Titel tragenden Films als unsichtbare Bedrohung agiert: „Am Sonntag bist du tot“ verheißt O’Dowds ehemaliges Opfer eines Missbrauchs durch einen Priester einem von dessen unschuldigen Kollegen (Brendan Gleeson) im Beichtstuhl eines irischen Küstendörfchens. Für den Zuschauer bleibt der Drohende bis zur finalen Konfrontation unerkannt, anders als für den Pater, der der Gefahr zum Trotz unerschütterlich weiter seiner Arbeit in der maroden Gemeinde nachgeht. Beeindruckend legt O’Dowd all die Verletzungen, die ihn zu seiner Wahnsinnstat treiben, in diese letzte Szene, die seinem bisherigen Rollenspektrum krass entgegenläuft.

Beim Date in "Thor - The Dark Kingdom"
Als weltlicher Nebenbuhler des Donnergotts in "Thor - The Dark Kingdom"

Welch ein Kontrast ist dieses sich zum Rachegott aufschwingende Missbrauchsopfer zu den Partner-Figuren, die O’Dowd in den letzten Jahren verkörpert hat. Eher Stütze als Täter gab der Ire einen Prince Charming der gesetzteren Art in „Friends with Kids“ oder einen Polizisten, der auch als Freund und Helfer beim „Brautalarm“ gefragt ist. Wortgewandt und witzig ist sein Liebhaber für „The Incredible Jessica James“ oder überaus verständnisvoll beim glattrasierten Kurzauftritt im Marvel-Blockbuster „Thor – The Dark Kingdom“. Hier wird O’Dowd zum weltlichen Nebenbuhler des Donnergotts Thor (Chris Hemsworth), mit dem er beim Lunch um das Herz der schönen Jane Foster (Natalie Portman) konkurriert, in höflicher Manier aber schnell aufgibt. Höhenflüge ins Blockbuster-Kino unternimmt auch sein Weltraum-Techniker Mundy im Monster-Sequel „The Cloverfield Paradox“. Die Karriereleiter aus den Kellertiefen einer IT-Abteilung scheint Chris O’Dowd hier schon ziemlich weit erklommen zu haben. Im kurzlebigen Olymp des Mainstream-Universums wird er sich aber wohl dennoch nicht festkrallen. Zu schlecht ist das Verhältnis von Screen-Time und darstellerischem Können, zu verlockend sind neue Hauptrollen wie der seiner kriminellen Vergangenheit entfliehende Filmproduzent in der Serie „Get Shorty“ oder eben als größter Tucker-Crowe-Fan in „Juliet, Naked“: Besser der Verehrer eines gescheiterten Rock-Phantoms als der scheiternde Konkurrent eines Gottes.


Fotos: "Juliet, Naked" © Prokino

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