Die Ökumenische Jury der Berlinale 2019: Ein Interview mit Anna Grebe

Freitag, 15.02.2019

Diskussion

Ein Interview mit der Medienwissenschaftlerin, die 2019 der Ökumenischen Jury der „Berlinale“ vorsitzt: Wie sieht der 69. Festivaljahrgang aus der Perspektive der kirchlichen Jury aus? Welche Filme, welche Themen sind relevant?


Die Ära Kosslick geht zu Ende. Was werden Sie vermissen?

Anna Grebe: Wie Dieter Kosslick auf dem roten Teppich steht und mit seiner unverwechselbaren Herzlichkeit die Gäste begrüßt. Er macht keine Unterschiede zwischen großen Stars und Newcomern.


Wie spiegelt sich sein Abschied im Programm?

Grebe: Es haben sich noch einmal alle versammelt, die Dieter Kosslick in den vergangenen Jahren begleitet haben. Angela Schanelec, Fatih Akin, da sind große Namen, die für das deutsche Kino, die für die „Berlinale“ stehen.


Kindheit, Familie, Gendergerechtigkeit und unsere Ernährungsweise sind vier zentrale Themen im aktuellen Jahrgang. Inwieweit sehen Sie da Schnittpunkte zu Ihrer Juryarbeit?

Grebe: Es ist eine Stärke des Festivals, dass es nah dran ist an den für uns wichtigen Themen. Sehr schade, dass wir dabei nicht die Reihe „Generation“, meine Lieblingssektion, berücksichtigen können.


Warum?

Grebe: Man hat sich in der langen Geschichte der Ökumenischen Jury irgendwann darauf geeinigt, dass man alle Wettbewerbsfilme einbezieht, plus eine Auswahl von jeweils zehn bis elf Filmen aus den Sektionen „Panorama“ und „Forum“. Das ist schon ein sehr dichtes Programm.


Wer hat die Filme für Ihre Jury ausgewählt, welche Kriterien waren maßgeblich?

Grebe: Die jeweiligen Sektionsleitungen; dabei orientieren sie sich an dem, was sich die Ökumenische Jury auf ihre Fahnen geschrieben hat: auf die feinen Töne zu hören, eher randständige Themen zu betrachten, die sich mit Familie, Kindern, Werten und Aufwachsen beschäftigen. Meistens suchen sie sich auch Filme aus, in denen die Kirche kritisiert wird.


Was meinen Sie mit feinen Tönen?

Grebe: Ich will das an dem Eröffnungsfilm, „The Kindness of Strangers“ deutlich machen. Das Feelgood-Movie ist sehr stringent und linear erzählt, ohne besondere Kniffe oder auffällige Kameraeinstellungen. Schon der Titel trägt die menschlichen Werte zur Schau. Wir fragten uns, ob diese Freundlichkeit in all ihren Vor- und Nachteilen dargestellt wird. Diskutiert ein Film ausgewogen seine Themen, in all ihrer Widerständigkeit? Oder hält er bisweilen nicht nur platte Plädoyers?


Welche Kriterien legen Sie an preiswürdige Filme an?

Grebe: Uns wird immer wieder vorgeworfen, dass wir die Filme nur nach karitativen oder pastoralen Themen auswählen würden. Aber: Nur weil ein Film diese Themen behandelt, heißt das noch lange nicht, dass er auch gut erzählt ist. Die formale Ästhetik muss zu den Inhalten passen. Überdies fragen wir uns: Kann so ein Film in der kirchlichen Film- und Bildungsarbeit eingesetzt werden? Können Menschen darüber ins Gespräch kommen? Oder werden sie von dessen Themen abgestoßen?


Kommen in dem kirchenkritischen Film „Grâce à Dieu“ von François Ozon Inhalt und artistisches Raffinement zusammen?

Grebe: Wenn ich jetzt in die Tiefe ginge, würde das eine Jurydiskussion wiedergeben, darum kann ich hier nur für mich persönlich sprechen. Natürlich dürfen wir uns als Kirchen diesem sozial absolut relevanten Thema unter gar keinen Umständen verschließen. Im Gegenteil. Aber Ozon nutzt dafür ein bekanntes Erzählformat. Der Episodenfilm erzählt anhand von drei besonderen Charakteren, wie sich eine Selbsthilfegruppe bildet.


"Grace à dieu"
"Grace à dieu"


Finden Sie Ozons Kritik ausgewogen?

Grebe: Erst relativ zum Schluss fragt der Sohn seinen Vater, der nach wie vor Kirchgänger ist und sich mit der Institution in Beziehung setzt, ob er noch an Gott glaube. Das ist aber eine Frage, die sich mir als Mitglied der Kirche schon früher stellt. Wie können wir noch glauben, wenn wir das Vertrauen in eine Institution verloren haben oder es langsam verlieren?


Inwieweit spielen theologische Erwägungen in Ihre Entscheidung hinein?

Grebe: Wir sind nicht alle Theologen. Für uns spielen Themen des Evangeliums und die persönliche Beziehung zum Wort Gottes eine Rolle, da unterscheiden wir auch nicht nach den verschiedenen Ansätzen beider Kirchen.


Man hört immer wieder von der Wiederkehr der Religion: Spiegelt sich das im „Berlinale“-Programm wider?

Grebe: Ich würde nicht von einer Wiederkehr der Religionen sprechen. Ich würde gerne die Sinnsuche in den Vordergrund stellen, die in allen Wettbewerbsfilmen eine Rolle spielt. Wie können wir in einer vernetzten Welt mit ihren großen sozialen Herausforderungen unser eigenes Leben mit Sinn aufladen?


Ozon sieht die Rolle der Kirche dabei schon kritischer?

Grebe: Beim Missbrauchsskandal haben Selbstverwaltung und Machterhalt erst ermöglicht, dass schlimme Dinge vertuscht worden sind. Da hilft die Öffnung der Institution gegenüber rechtsstaatlichen Mitteln, um das Unrecht zumindest juristisch aufzuklären. Aber wir haben auch ein Marketingproblem bei der Vermittlung unserer Angebote; unsere Institutionen sind schwerfällig in ihrer Entwicklung. Doch Sinnsuche heißt nicht, sich an eine Institution zu ketten, sondern Spiritualität und Gefühlen Raum zu geben. Menschsein heißt, Fehler einzugestehen und sich damit verletzlich zu machen. Das erst macht uns authentisch. Und da haben wir noch Entwicklungspotenzial.


Im Wettbewerb gab es noch weitere Filme mit religiösen Themen. Wie hat Ihnen „Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija“ von Teona Strugar gefallen?

Grebe: „Petrunija“ ist ein grandioser Film. Eine starke Regisseurin und eine starke Hauptdarstellerin. Außerdem ist Mazedonien, jetzt Nord-Mazedonien, eine Region, die bisher noch nicht in unserem Blick war. Der Film hat vielen Menschen gefallen, ich gehe davon aus, dass er aufgrund seiner starken Charaktere bei der Auswahl der Preisträger auf jeden Fall berücksichtigt werden wird.


"Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija"
"Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija"


Was halten Sie von „A dog barking at the moon“ in der Sektion „Panorama“?

Grebe: „A dog barking at the moon“ ist mir sehr nahe gegangen. Sein junges Team hat sich große Gedanken gemacht, wie es den Generationskonflikt zwischen Mutter und Tochter formal-ästhetisch umsetzen soll und ihn zugleich mit der Frage nach sexueller Identität verbinden kann. Das ist schön erzählt, das ist in schöne Bilder gekleidet. Die Schauspielerin, die die Mutter darstellt, ist wahnsinnig intensiv. Als Tochter einer starken Mutter kann man die Dialoge gut nachvollziehen, gerade auch, was die Erwartungen an verschiedene Geschlechter- und Rollenbilder angeht. Zudem spielt auch das Thema Kirche eine Rolle. Die Mutter schließt sich einer Gruppierung des Buddhismus an, die sehr stark an evangelikale Strukturen erinnert. Zu der Struktur dieser Sekte jedoch hätte ich mir noch mehr Infos gewünscht.


Die sechs Jurymitglieder entstammen verschiedenen Kulturen. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Grebe: Wir nehmen uns viel Zeit, um Dinge aus unserer kulturellen Perspektive heraus zu erklären, das macht sehr viel Spaß, weil man auch sehr viel lernt. Unsere Jurysitzungen sind für alle eine große Bereicherung. Unsere Diskussion zu Denis Côtés „Répertoire des villes disparues“ war sehr spannend. Eines unserer beiden kanadischen Mitglieder erklärte uns, dass der Rückzug der Institution Kirche in diesen Teilen Kanadas ein Sinndefizit hinterlassen habe. Man versuche, es auf alternativen Wegen wieder zu füllen, sei es durch Pfingstkirchen, sei es durch die Thematisierung des sozialen Werteverlustes.


Wie könnte man die zurückgekehrten Toten deuten?

Grebe: Wir haben darüber gesprochen, was die Präsenz von Toten in verschiedenen Kontexten bedeutet. Und wir haben vermisst, dass im Film nicht noch weiter darauf eingegangen wird. Die Toten sprechen ja nicht, aber sie sind auf eine ganz unangenehme Art präsent, sie okkupieren Platz. Wenn in verschiedenen Kulturen Tote so viel Platz im Alltag einnehmen, bleibt nur noch die Möglichkeit, sich ihnen zu entziehen und in eine große Stadt zu ziehen. Doch warum passiert das nur auf dem Land? Kann man sich tatsächlich nur durch einen geografischen Sprung der Auseinandersetzung mit den Toten entziehen?


Gibt es biografische Urszenen für Ihr Engagement?

Grebe: Ich habe Medienwissenschaften studiert in Konstanz am Bodensee. Bei Andreas Schreitmüller, einem der wichtigen Produzenten in der deutschen und französischen Filmlandschaft, habe ich über Fatih Akins „Gegen die Wand“ meine erste Seminararbeit geschrieben. Dadurch habe ich überhaupt erst Zugang zum deutschen Kino gefunden.


Was fanden Sie so außergewöhnlich?

Grebe: Seine formal-ästhetische Wucht. Dass er das zu der Zeit noch gar nicht so große Thema der Integration aus der Perspektive eines deutsch-türkischen Regisseurs schildert. Und Sibel Kekilli ist einfach eine phänomenale Schauspielerin.


Und wo engagieren Sie sich heute?

Grebe: Ich bin ehrenamtlich in der Jugendverbandsarbeit tätig und habe zusammen mit Kolleginnen und Kollegen des Bundes der deutschen katholischen Jugend einen Blog über digitale Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen gegründet. Nach wie vor bin ich in der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien aktiv und will mich da auch noch mehr engagieren. Kinder haben nicht nur das Recht auf Bildung und Teilhabe, sondern auch auf Schutz. Da gibt es große Herausforderungen in der vernetzten Welt, an denen ich dranbleiben und sie mitgestalten möchte.


Welches sind die großen Herausforderungen?

Grebe: Junge Leute könnten noch häufiger ins Kino gehen. In den ländlichen Regionen müssen sie aber dafür in die nächstgrößere Stadt, in die Cineplex-Kinos gehen. Und diese großen Kinos sind teuer. Dort kriegt man auch nur einen gewissen Kanon zu sehen. Es gibt wenig kommunale Kinos oder Möglichkeiten, Indie-Filme zu zeigen. Allerdings ist es nicht hilfreich, Streamingdienste gegen die große Leinwand auszuspielen. Über Netflix konnte ein künstlerisch anspruchsvoller Film wie Alfonso Cuaróns „Roma“ ein großes Publikum erreichen. Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass der Markt immer diverser wird und immer personalisiertere Angebote bereitstellt. Da sehe ich wiederum Chancen für neue Formate. Junge Menschen wollen nicht unbedingt einen 90-minütigen Film sehen.


Sondern?

Grebe: Die JIM-Studie zur Mediennutzung Jugendlicher untersucht, was sich diese mit welchen Mitteln im Internet anschauen. Noch ist es sehr teuer, mobil ins Internet zu gehen. Junge Leute versuchen Datenvolumen zu sparen, indem sie sich nur sehr kurze Sachen ansehen. Und 90 Minuten mobiles Datenvolumen abzugreifen, das kommt in deren sehr eng getaktetem Alltag nicht mehr infrage.


Wie verändert sich dadurch die kirchliche Bildungsarbeit?

Grebe: Die Digitalisierung hat uns in den Kirchen kalt erwischt. Dadurch besteht jetzt auch ein gewisser Druck, sich dieser Themen anzunehmen, und dabei gerät die klassische Bildungsarbeit ein bisschen aus dem Blick. Diese Fokusverlagerung hat auch etwas mit der Umstrukturierung und Ökonomisierung von Alltag zu tun. Welche Pfarrei hat aufgrund von Zusammenlegungen beispielsweise noch die Zeit dafür? Wo gibt es die Leute, die neben ihren beruflichen und familiären Verpflichtungen noch regelmäßig Filmgespräche in der Pfarrei organisieren wollen? Ich sehe das an meiner Mutter, sie hat inzwischen sechs Ehrenämter inne. Wo bleibt also noch die Zeit, wo sind die Freiräume, über Film zu sprechen?


Fotos: oben: Porträt von Anna Grebe, © André Beckersjürgen. Andere Bilder: © Jean-Claude Moireau ("Grace à dieu") / sistersandbrothermitevski ("Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija")

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