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Serie: The Umbrella Academy - Staffel 2

Dienstag, 28.07.2020

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Was für ein grandioses Scheitern! Am Ende von Staffel 1 stand die Zerstörung des Planeten Erde durch einen Meteoriten-Hagel. Die Serie hatte sich kurzerhand von der guten, alten Genre-Regel verabschiedet, dass die Superhelden am Ende den Tag retten, und stattdessen mit der griechischen Tragödie geflirtet: Die Hargreeves-Sprösslinge – eine Familie außergewöhnlich begabter, aber psychisch ziemlich angeschlagener Individuen, die einst von einem exzentrischen Millionär adoptiert und zur „Umbrella Academy“ ausgebildet wurden – ebnete letztlich der Katastrophe gerade durch die Versuche, sie zu verhindern, den Weg: Die Bestrebungen, das „schwarze Schaf“ der Familie, Vanya (Ellen Page), unter Kontrolle zu halten, waren der Grund für einen aus der Verzweiflung geborenen, explosiven Ausbruch von deren Super-Kräften, die in einem spektakulären Finale wortwörtlich den Mond vom Himmel holten.

Allerdings weiß man seit „Terminator“, dass es ein probates Mittel gibt, um selbst Apokalypsen nochmal ein Schnippchen zu schlagen: Zeitreisen! Dass Vanya und ihre Sippschaft nun noch eine zweite Staffel bestreiten können, haben sie den Zeitsprung-Talenten von „Nummer Fünf“ (Aidan Gallagher) zu verdanken: Der eigentlich erwachsene, aber im Körper eines präpubertären Knirpses gefangene Held beförderte sich und seine Adoptivgeschwister, wie die Exposition der neuen Staffel nun zeigt, zurück in die frühen 1960er-Jahre.

Präsident Kennedy und das Schreckgespenst eines Atomkriegs

Womit die Serienmacher interessanten neuen Stoff gewinnen. Band 2 der Comicreihe von Gerard Way und Gabriel Bá, die der Serie zugrunde liegt, heißt „Dallas“ – das deutet an, dass das Ereignis eine Rolle spielt, das am 22. November 1963 in der texanischen Großstadt stattfand: die Ermordung John F. Kennedys. Sie hält als eine Art Fixpunkt her, auf den sich die Handlung ausrichtet. Nachdem die Hargreeves-Geschwister beim Sprung durch die Zeit versprengt wurden und an unterschiedlichen zeitlichen Stellen der frühen 1960er-Jahre gelandet sind, sieht Nummer Fünf sogleich ein neues Weltende nahen, diesmal verursacht durch einen Nuklearkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion.

An diesem Krieg müssen wohl einmal mehr sie selbst schuld sein; ihr Auftauchen in den 1960ern muss irgendwie ins Zeitkontinuum hineinpfuschen und Änderungen bewirken, die den Kalten Krieg eskalieren lassen. Und die Person von Präsident Kennedy, sein Sterben oder Überleben, muss dabei eine entscheidende Rolle spielen. Also macht sich Fünf auf, um nach und nach seine Geschwister dort einzusammeln, wo es sie hin verschlagen hat, um mit ihnen einmal mehr zu versuchen, das Unheil zu verhindern. Nach dem grandiosen GAU am Finale der ersten Staffel scheint außer ihm allerdings kaum einer Ambitionen zu haben, sich erneut am Weltretten zu versuchen.

Reibungen am Zeitgeist der 1960er

Die Serienschöpfer gehen, wie schon in Staffel 1, sehr frei mit der Comic-Vorlage um und verwenden nur einzelne Motive, um damit eine eigenständige Serienhandlung zu kreieren. Diese baut wieder stark auf die familiären An- und Abstoßungskräfte, die Verletzungen und Missverständnisse, die Sehnsüchte nach Nähe und Anerkennung, die zwischen den „Umbrella Academy“-Mitgliedern schwelen – wobei auch der in Staffel 1 verstorbene Familienpatriarch Reginald Hargreeves (Colm Feore), der in den frühen 1960ern noch in Saft und Kraft steht, einmal mehr eine Rolle spielt. Diese familiären Konfliktlinien werden ergänzt durch Reibungen der aus der Gegenwart stammenden Helden mit der Lebenswelt der 1960er-Jahre: Während Klaus (Robert Sheehan) zugedröhnt auf dem Zeitgeist surft, indem er die New-Age-Welle reitet, kollidiert die farbige Allison (Emmy Raver-Lampman) frontal mit einem Jahrzehnt, in dem Rassentrennung noch an der Tagesordnung ist. Vanya wiederum hat wegen einer Amnesie keinerlei Erinnerungen daran, wer sie ist, und beginnt ausgerechnet auf einer Farm irgendwo in der stockkonservativen Provinz zarte lesbische Bande zu einer blonden Farmersfrau zu knüpfen. Und Self-Made-Rebell Diego (David Castaneda) landet prompt in der Irrenanstalt.

Und da einmal mehr das Zeitkontinuum auf dem Spiel steht, kommt als weitere entscheidende Front natürlich auch die „Kommission“ wieder ins Spiel, eine Mischung aus monströsem Beamtenapparat und Tarantino-mäßigem Killertrupp, in dem die extravagante, herrlich biestige „Leiterin“ (Kate Walsh), die der Umbrella Academy schon in Staffel 1 die Hölle heißmachte, nun einen veritablen Coup d’État plant und ein ums andere Mal dafür sorgt, dass sowohl die Spannungs-Schraube angezogen als auch das Level kafkaesker Absurdität gesteigert wird, mit dem es die „Umbrella Academy“ zu tun bekommt.

Clevere Winkelzüge rund um Zeit-Paradoxien und die angebliche Macht des Fatums

Dem Drehbuch gelingt es, diese unterschiedlichen Handlungsstränge elegant zu verbinden und nach und nach immer enger zusammenzuführen. Der Rückgriff auf die amerikanische Geschichte bleibt dabei nicht viel mehr als ein Spiel – anders etwa als in der Serienfortschreibung von „Watchmen“, die mit Rückblenden in reale und alternative US-Geschichte ganz ernsthaft über die identitätsstiftende Macht der Historie (und der Bilder, die davon gemacht werden) reflektiert. Aber es ist ein rundum amüsantes Spiel voll cleverer Winkelzüge rund um Zeit-Paradoxien und die Macht des angeblich unverrückbaren Fatums, der schließlich doch keiner der gebeutelten Helden sich kampflos beugen will. Dabei unterhält die Serie erneut nicht nur durch ihre feine Balance zwischen Fantasy-Action, makabrer Komödie und Drama, sondern auch durch ihre stylische Inszenierung, die sich immer wieder in einzelnen Sequenzen von einem exquisiten Soundtrack zu tänzerisch-energetischen Höhenflügen pushen lässt.

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