© 2021 Nippon Connection

Nippon Connection Filmfestival 2021: Familiär wie nie

Donnerstag, 27.05.2021

Das Frankfurter Filmfestival bringt auch dieses Jahr wieder japanische Filmkultur auf die heimischen Bildschirme

Diskussion

Anfang des Jahres hoffte das Team des renommierten Filmfestivals „Nippon Connection“ noch, seine 21. Ausgabe den Besuchern zumindest als Hybridveranstaltung in Frankfurt am Main anbieten zu können. Da die Umstände jedoch auch bis in den Mai hinein alles anders als planungssicher waren, präsentiert sich das japanische Filmfestival dieses Jahr erneut im reinen Online-Gewand – mit Bewährtem wie Neuem in petto. Nachdem sich der Themenschwerpunkt im Vorjahr dem modernen Frauenbild in Japan gewidmet hatte, werfen die Organisatoren nun ein Schlaglicht auf alte wie neue Familienentwürfe unter dem Motto „Family Matters – Die japanische Familie zwischen Tradition und Moderne“. Hierfür haben sie zahlreiche Werke von japanischen Filmschaffenden ins Programm aufgenommen, die sich mit verschiedensten Herangehensweisen dem Thema Familie widmen.

Familie ist…

In der Programmauswahl stellen zahlreiche Werke die Frage „Was ist eigentlich Familie?“ und fahren sowohl bekannte wie zunächst befremdliche Familienbilder auf. Im Sozialdrama „A Girl Missing“ erzählt Regisseur Koji Fukada die Geschichte der Krankenschwester Ichiko, die sich während ihrer Arbeit für eine Familie eng mit dieser anfreundet. Doch diese Nähe schlägt bald um in Existenzangst, als eine der Töchter verschwindet und Ichiko als Mitwisserin in den medialen Brennpunkt rückt.

Nachwuchsregisseurin Yukiko Sode hingegen nimmt sich in „Aristocrats“ des Schicksals zweier junger Frauen an, die aus unterschiedlichen Gesellschaftsklassen stammen und sich dennoch beide in den Sohn einer einflussreichen Politikerfamilie verliebt haben. Filmemacher Hideyuki Hirayama wiederum sucht im sterilen Raum der Psychiatrie nach familiärem Zusammenhalt. In „Family of Strangers“ schickt er drei grundverschiedene Psychiatriepatienten (ein verurteilter Mörder im Rollstuhl, ein ehemaliger Büroangestellter mit Psychosen und eine 18-Jährige mit Selbstmordgedanken) auf eine scheinbar aussichtslose Odyssee, um ihren Platz in der Gesellschaft (wieder) zu finden.

"Family of Strangers vermittelt ein gänzlich ungewohntes Familienbild. © 2021 Nippon Connection
"Family of Strangers" vermittelt ein gänzlich ungewohntes Familienbild. © 2021 Nippon Connection

Spielwiese für Eindringliches, Unkonventionelles und Verrücktes

Das Frankfurter Filmfestival bietet sich aber auch in seinem 21. Jahr wieder als Spielwiese für fordernde, unkonventionelle oder schlichtweg verrückte Filmideen an. So zeigt Dokumentarfilmer Thomas Ash in „Ushiku“ eindringliche Bilder der menschenfeindlichen Zustände im „Immigration Center“ im Umland Tokios auf, in dem verfolgte wie geflüchtete Immigranten auf Zuflucht in Japan hoffen. Provokant-chaotisch wirkt auch Filmemacher Sion Sono mit „Red Post on Escher Street“, in dem er die branchenroutinierte Situation eines Filmcastings völlig aus dem Ruder laufen lässt und so einen hintergründig-grotesken Unterhaltungsfilm über die japanische Filmindustrie abliefert.

Unterhaltsam angelegt ist auch das neueste Werk von Shinichiro Ueda, bekannt geworden durch seine Meta-Zombiekomödie „One Cut of the Dead“. „Special Actors“ ist ebenso wie sein Durchbruchswerk in einem Schauspiel-Workshop entstanden: Der junge Kazuto will Schauspieler werden, das Lampenfieber lässt ihn jedoch regelmäßig in Ohnmacht fallen. Als er schon vermeintlich mit seinem Traumberuf abgeschlossen hat, knüpft er über seinen Bruder Kontakte zu einer speziellen Statisten-Agentur, die ihre Mitarbeiter mal als trauernde Gäste für Beerdigungen, mal als klatschende Theaterbesucher vermittelt. Doch als Kazuto einen Auftrag annimmt, bei dem eine junge Frau vor einer fanatischen Sekte gerettet werden soll, droht die Eskalation.

Bot die Nippon Connection 2020 noch lediglich einen „Nippon Online Award“ als Wettbewerb an, präsentiert das Filmfestival dieses Jahr wieder die gewohnten vier Wettbewerbe „Nippon Cinema Award“, „Nippon Docs Award“, „Nippon Visions Jury Award“ und „Nippon Visions Audience Award“ und gibt routinierten Festivalfreunden so einige schmerzlich vermisste Bestandteile zurück.

Skurril-witzige Momente gibt es in "Special Actors" zuhauf. © 2021 Nippon Connection
Skurril-witzige Momente gibt es in "Special Actors" zuhauf. © 2021 Nippon Connection


Von Anime bis Zazen

Die Festival-Organisatoren bieten den digitalen Besuchern neben dem Filmprogramm auch wieder einen vielfältigen kulturellen Veranstaltungsrahmen. Neben Gesprächen mit Filmschaffenden und filmorientierten Workshops können auch zahlreiche Online-Angebote etwa rund um die japanische Essenskultur, Sprache oder traditionelles Feinhandwerk wie Origami für einen kleinen Obulus besucht werden. Aber auch vergnügliche Angebote wie ein digitaler Karaoke-Abend oder ein kommentierter Heimkino-Abend mit Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger und Filmemacher Jörg Buttgereit stehen zur Auswahl. Auch für Kinder wird wieder ein attraktives Programm aufgefahren, um ihnen die Nippon-Kultur spielerisch näherzubringen.

Doch der Mousonturm in Frankfurt bleibt nicht gänzlich ungenutzt: Neben Live-Streams von Vorträgen und Panels wird es auch einen Nippon Click & Collect Kiosk geben, bei dem vorbestellte japanische Snacks, Getränke und Merchandise-Artikel direkt vor Ort abgeholt werden können.

Auch Online-Kochkurse findet man im Rahmenprogramm. © 2021 Nippon Connection
Auch Online-Kochkurse findet man im Rahmenprogramm. © 2021 Nippon Connection

Die Workshops finden als Zoom-Webinar statt, Tickets können wie bereits im letzten Jahr über die Homepage gelöst werden. Verändert hat sich hingegen die Abrufmöglichkeit des Filmprogramms: Anstatt über das Videoportal Vimeo spielt die Nippon Connection dieses Jahr ihre Filme über die Online-Festivalplattform von Festival Scope und Shift 72 aus, die über watch.nipponconnection.com abgerufen werden kann. Nach dem Erstellen eines Benutzerkontos können hier fast 80 Lang- und Kurzfilme als Einzelabruf für 6 Euro oder als kuratierte Pakete für den Festivalzeitraum ausgeliehen werden.

Alle Informationen zur Nippon Connection 2021 finden Sie auch auf der Festival-Homepage.

Kommentar verfassen

Kommentieren