© imago/Future Image (William Hurt im Jahr 2014)

Ein Meister der Verwandlung: William Hurt

Dienstag, 15.03.2022

Nachruf auf den US-amerikanischen Schauspieler William Hurt (20.3.1950-13.3.2022), der kurz vor seinem 72. Geburtstag in Portland, Oregon, verstorben ist

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Der US-amerikanische Schauspieler William Hurt war mit seiner smarten Physiognomie und dem kantigen Kinn in den 1980er-Jahren der Mann der Stunde: sein kometenhafter Aufstieg als sanfter Egghead beförderte ihn an die Spitze Hollywoods. Dort hielt er sich aber nicht lange, auch weil widersprüchliche Energien in ihm schlummerten. Dem Kino bescherte er als eigenwilliger Charakterdarsteller damit aber unvergessene Figuren, bei deren meist tragischem Schicksal man immer mitfiebern konnte.


Er wollte Priester werden, landete dann aber beim Beruf des Schauspielers und prägte mit seiner außergewöhnlichen Wandlungsfähigkeit und Sensibilität über Jahrzehnte die Filmgeschichte. William Hurt (20.3.1950-13.3.2022) spielte unter der Regie von Ken Russell und Woody Allen, Robert de Niro und Sean Penn, David Cronenberg und Steven Spielberg, Chantal Akerman und Wayne Wang.

Wenn man Hurts Filmografie durchgeht, ist man überrascht, in wie vielen Produktionen er mitspielte. Unwillkürlich erinnert man sich an berührende Momente und komödiantische Dialoge, die durch Hurts Interpretation einzigartig wurden. Etwa die Eröffnungssequenz aus „Smoke“, wo er die Geschichte von Sir Walter Raleigh und dem Gewicht von Rauch erzählt. Oder den tragischen Tod seiner Figur in „Kuß der Spinnenfrau“ und die herrliche Inkompetenz an der Seite von Keanu Reeves als bekiffte Möchtegern-Killer in „Ich liebe Dich zu Tode“.


Vom (Off-)Broadway nach Hollywood

William Hurt, geboren 1950 in Washington D.C., war der Sohn eines Regierungsangestellten und trat schon in der High School in Theateraufführungen auf. Anfang der 1970er-Jahre wurde er an der renommierten New Yorker Juilliard School unter John Houseman als Schauspielstudent angenommen. Sein Können stellte er zunächst am Off-Broadway und später am Broadway unter Beweis; er gewann einen „Obie“-Award für seine Debütrolle und einen „Theatre World Award“ und erregte damit die Aufmerksamkeit Hollywoods. Groß, blond, sensibel, intelligent: Hurt war der perfekte Leading Man für die anbrechenden 1980er-Jahre, die er wie kaum ein anderer Schauspieler dominierte.

William Hurt in "Der Höllentrip" (imago images)
William Hurt in "Der Höllentrip" (© imago images)

Die Kinoleinwand betrat er gleich mit einer Hauptrolle: in Ken Russels umstrittenem Science-Fiction-Film „Der Höllentrip“ (1980). Ein Jahr später gelang ihm unter der Regie von Lawrence Kasdan der Durchbruch in Body Heat an der Seite von Kathleen Turner, einem erotischen Neo-Noir-Thriller. Danach ging es Schlag auf Schlag. Unter der Regie von Michael Apted spielte er den sowjetischen Polizeioffizier Arkadi Renko in „Gorky Park“, der gegen den eigenen Sicherheitsapparat antritt. Es folgte „Der große Frust“ (1983), ein außergewöhnlicher Ensemble-Film, bis in die kleinste Rolle glänzend besetzt, ein brillanter, elegischer Film über die US-Babyboomer-Generation, der schönste Film in der langen Karriere des Schauspielers. „Der große Frust“ ist heute vielleicht etwas in Vergessenheit geraten, auch, weil die sich anschließende Charakterdarstellung des schwulen Luis Molina in „Kuß der Spinnenfrau“ (1985) von Cannes bis zu den „Oscars“ mit Preisen und Auszeichnungen geradezu überschüttet wurde.


Ein Meister der Wandelbarkeit

Die Würde, Freundlichkeit und Integrität, mit der William Hurt diese Figur zum Leben erweckte, ist atemberaubend – und unendlich traurig. Denn es war kaum vorstellbar, dass derselbe Schauspieler ein Jahr später, im Komödienfach, den sympathischen, aber auch ziemlich tumben Nachrichtensprecher in „Nachrichtenfieber – Broadcast News“ mimte, dessen Gesicht ideal zum Verlesen der Nachrichten taugt, deren Inhalt er selbst nicht unbedingt immer versteht. Das Timing und die Chemie dieser bösartig-intelligenten Cyrano-de-Bergerac-Variation wurde von Kritik und Publikum gleicherweise gefeiert.

William Hurt und Solveig Dommartin in "Bis ans Ende der Welt" (Wim Wenders Stiftung)
William Hurt und Solveig Dommartin in "Bis ans Ende der Welt" (© Wim Wenders Stiftung)

Hurts außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit half ihm in den Folgejahren beim Wechsel vom Leading Man zum Supporting Actor, von der Rolle des potenziellen Liebhabers hin zum Charakterschauspieler, zum väterlichen Mentor oder zum abgrundtief Bösen. Hurt suchte sich spezielle Projekte abseits des US-Mainstreams, etwa Wim Wenders’ „Bis zum Ende der Welt“ oder eben „Smoke“ von Wayne Wang & Paul Auster. Dabei blieb der eine oder andere Flop nicht aus, doch interessant waren diese Filme immer. Und wie böse und wie gemein er sein konnte, sieht man in „Mr. Brooks“ als die fürchterliche Seite des von Kevin Costner gespielten Serienmörders oder in A History of Violence“, wo er in nur acht Minuten Leinwandzeit Ed Harris und Viggo Mortensen an die Wand und sich selbst eine vierte „Oscar“-Nominierung (er-)spielte.


Er schuf echte, greifbare Menschen

Der aktuellen Generation von Kino- und Streaming-Zuschauern wird er als General Thaddeus „Thunderbolt“ Ross fehlen, den er in vier Marvel-Filmen von „Hulk“ bis „Endgame“ mit der gleichen Echtheit und Ernsthaftigkeit verkörperte, die alle seine Rollen auszeichnete. William Hurt war einer jener Schauspieler, bei denen man erst nach einer geraumen Weile merkt, dass man ein großer Fan von ihnen geworden ist. Denn anders als Clint Eastwood oder John Wayne, die immer wieder dieselbe Figur in anderen Kontexten variieren, wandelte sich William Hurt von Rolle zu Rolle chamäleonhaft und erschuf echte, greifbare Menschen, die sich zu bewähren versuchten und an deren Schicksal man als Zuschauer mitfieberte und Anteil nahm.

William McChord Hurt starb am 13. März 2022 nach langer, schwerer Krankheit eine Woche vor seinem 72. Geburtstag. Er wird dem Kino fehlen!

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