© Sky Deutschland/Bavaria Fiction GmbH/Stephan Rabold

Serie: Das Boot - Staffel 3

Mittwoch, 25.05.2022

Die neue Staffel einer Kriegs-Dramaserie rund um die Mannschaft eines U-Boots im Zweiten Weltkrieg und Menschen von beiden Seiten der Kriegsfronten, deren Schicksale damit verzahnt sind.

Diskussion

Bei einem seiner legendären Auftritte im Literarischen Quartett hat sich Marcel Reich-Ranicki einmal über die eitle Haltung mancher Kritikerinnen und Kritiker lustig gemacht, indem er ihnen sinngemäß folgendes Zitat unterschob: „Ich habe mich gelangweilt, aber mit Niveau“. Verkehrt man diesen Satz ins Gegenteil, ist die dritte Staffel der Sky-Serie „Das Boot“ eigentlich schon recht treffend beschrieben: sie ist ungemein unterhaltsam, aber mit dem Niveau ist es so eine Sache.

Wobei fairer Weise gesagt werden muss, dass sich diese dritte Staffel niemals so hochgradig spannend und atemberaubend kurzweilig entwickelt hätte, wäre sie nicht zumindest filmhandwerklich auf internationalem Topniveau. Die Dramaturgie und der Schnittrhythmus, die Bild-Ton-Montage, der Wechsel zwischen Nahaufnahmen aus der grauen Enge des U-Boots und Kamerafahrten durch die sonnendurchfluteten Gassen Lissabons, zwischen intimen und brachialen Momenten, zwischen An- und Entspannung, die Mixtur aus Romantik, Action, Erotik, Intrigen, Humor und (zwischen)menschlichem Drama: das alles geht unter der Regie von Hans Steinbichler und Dennis Gansel zehn Folgen lang wunderbar auf. Ist perfekt austariert. Auf den Punkt. Das darstellerische Ensemble um Tom Wlaschiha, Franz Dinda und Luise Wolfram liefert einmal mehr preiswürdige Glanzleistungen.


Tom Wlaschiha (© Sky Deutschland/Bavaria Fiction GmbH/Stephan Rabold)
Tom Wlaschiha (© Sky Deutschland/Bavaria Fiction GmbH/Stephan Rabold)

Eine Vielzahl von Erzählfäden

Dass am Ende dennoch ein zwiespältiges Gefühl aufkommt, hat mehrere Gründe. Einer hat damit zu tun, dass die Serie ja noch immer „Das Boot“ heißt, obwohl das U-Boot, diesmal das U-949, längst nur noch einen von zahlreichen Handlungsorten bildet. Während sich bei Wolfgang Petersen einst das gesamte Geschehen im nur wenige Quadratmeter umfassenden Mikrokosmos des kargen, fensterlosen U-Boot-Bauchs zusammenballte, entfalten Steinbichler und Gansel an wechselnden Schauplätzen ganz unterschiedliche Erzählfäden.

An der Kieler Heimatfront entspinnt sich eine zarte Romanze zwischen Oberleutnant zur See Robert Ehrenberg (Franz Dinda) und der jungen Optikerin Greta Nussmeier (Elisa Schlott), ehe Ehrenberg auf U-949 kommandiert wird und Nussmeier ihren invaliden Ehemann zu sich und ihrer kleinen Tochter nach Hause holen muss. Derweil bemüht sich der Kriegsheld a.D. Wilhelm Hoffmann (Ernst Stötzner) weiterhin darum, herauszufinden, was mit seinem verschollenen Sohn, dem U-Boot-Kommandanten Klaus Hoffmann (Rick Okon), wirklich geschehen ist, während Klaus‘ Schwester Hannie (Luise Wolfram) verzweifelt aus der Ehe mit dem opportunistischen Karrieristen Albrecht Lessing (Florian Panzner) auszubrechen versucht. Im neutralen Lissabon ermittelt der desillusionierte Gestapo-Mann Hagen Forster (Tom Wlaschiha) unter falscher Identität in einer Verschwörung um Geheimagenten, Nazigold und kriegswichtiges Wolfram. Dabei landet er gleich mit mehreren Frauen im Bett. In England findet sich der Marine-Offizier Jack Swinburne (Ray Stevenson) nicht mehr im zivilen Leben zurecht, nachdem sein Sohn im Krieg gefallen ist. Das Einzige, was ihn noch antreibt, ist die Rache an den Deutschen. Und als ihm abermals das Kommando über einen Zerstörer übertragen wird, macht er ausgerechnet Jagd auf U-949.


Ray Stevenson (© Sky Deutschland/Bavaria Fiction GmbH/Stephan Rabold)
Ray Stevenson (© Sky Deutschland/Bavaria Fiction GmbH/Stephan Rabold)

Kommerzielles Recycling

In diesem opulenten epischen Bogen bilden die bedrohlichen Sonargeräusche, die Einschläge der Wasserbomben und die aufplatzenden Rohre allenfalls noch ein paar verschnörkelnde Reminiszenzen. Das Original-„Boot“ ist zur Zitathalde geschrumpft, auf die nur sporadisch und eher pflichtschuldig-mechanisch zugegriffen wird. Eine Hommage, wie noch in der ersten Staffel, ist das längst nicht mehr, bestenfalls kommerzielles Recycling.

Das größere Manko der dritten Staffel ist der problematische Umgang mit dem historischen Kontext, der bisweilen schon Petersen vorgeworfen wurde. Der Start der dritten Staffel war ursprünglich für den 9. April geplant, wurde wegen des Krieges in der Ukraine jedoch auf den 5. Mai 2022 verschoben. Zu diesem Zeitpunkt war der Ukraine-Krieg zwar noch in vollem Gange, das Haltbarkeitsdatum der Rücksichtnahme aber offenbar abgelaufen. Zwar hat Hoffmann-Darsteller Rick Okon Recht, wenn er erklärt, dass die Serie den Krieg nicht verherrliche. Ob es sich deshalb aber umgekehrt gleich um eine Antikriegsserie handelt, wie mehrere Schauspieler behaupten, muss zumindest mit Blick auf die dritte Staffel in Frage gestellt werden.


Das Boot ist ein Schauplatz unter vielen (© Sky Deutschland/Bavaria Fiction GmbH/Stephan Rabold)
Das Boot ist ein Schauplatz unter vielen (© Sky Deutschland/Bavaria Fiction GmbH/Stephan Rabold)

Genredramaturgie überrollt kriegskritische Töne

Weder die moralischen Abgründe sympathischer Figuren, die in der ersten Staffel schonungslos offengelegt wurden, noch die Schatten des Holocaust, die die zweite Staffel auf das Geschehen warf, finden sich in der dritten Staffel wieder. Natürlich gibt es auch hier Hinweise auf Nazigräuel, und auch die Guten verüben böse Taten, wenn sie beispielsweise wehrlose Gefangene erschießen, aber sie bleiben eben doch die Guten. Die moralische Irritation hallt nicht nach, hält die geschmeidige Genredramaturgie nicht auf. „Die sind wie wir“, stellt ein deutscher Soldat mit Blick auf britische Kriegsgefangene erstaunt fest. Tiefgründiger wird es nicht.

Der heiklen und hochaktuellen Frage, ob das so stimmt, ob sich „einfache Soldaten“ unabhängig davon, ob sie im Dienst einer Demokratie oder einer menschenverachtenden Diktatur stehen, in einen großen gemeinsamen Kriegstopf werfen lassen, weicht die Serie in dieser dritten Staffel aus. Der Zweite Weltkrieg dient in den neuen Folgen fast ausschließlich als Kulisse. Das wiegt umso schwerer, da sich die Serie eben nicht wie Petersens Original in die stählerne Parallelwelt eines U-Boots hineingräbt, sondern das große Ganze in Augenschein nimmt. Vielleicht ginge es zu weit, hier gleich auf Adornos „Kulturkritik“ zu rekurrieren, aber es bleibt zumindest das zentrale Handicap dieser spannungsgeladenen, virtuos inszenierten dritten Staffel, dass sie den geschichtlichen Ballast, mit dem sie sich erkennbar wenig belasten möchte, nicht loswird.

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