Neue Helden braucht das Universum! Weil das Menschenmaterial auf der Erde, insbesondere in einer kleinen Stadt in Japan, in dieser Hinsicht stark zu wünschen übriglässt, macht das Universum sich eben seine eigenen. Dem Kosmos ist dabei ein gewisser Sinn für Humor nicht abzusprechen: Nur männliche Jungfrauen kommen in Frage, die zum Zeitpunkt des kosmischen Eingriffs sexuell erregt sind. Teenager-Jungs, deren Fantasien von Regisseur Sion Sono, einem der bedeutendsten Drastiker des japanischen Gegenwartskinos, lustvoll visualisiert werden: satte Dekolletés, kurze Kleider und reizvoll hervorblitzende Schlüpfer schieben sich in die Bilder, die aber nur scheinbar den inneren Blick der dauererregten Schüler kopieren. Denn selbstverständlich bleibt optisch alles in den engen Grenzen der gesetzlichen Darstellbarkeit im Entstehungsland. Kein Schamhaar, kein Nippel blitzt auf, alle Erektionen sind, so gigantomanisch sie sich auch erstrecken mögen, nur als Ausbeulungen von Hosen sichtbar. Die ästhetischen Traditionen von Niedlichkeit und dem modisch-erotischen Umgang mit Schuluniformen scheinen auf und werden gleichzeitig dekonstruiert. Im neukreierten Superhelden-Team, das bald einen Mentor von der Universität Tokio bekommt, dominieren die sabbernden Idioten wie der Café-Besitzer, der gerne die Luft rammelt wie ein Karnickel und seine neu gewonnenen telekinetischen Fähigkeiten dazu nutzt, um Pornohefte aus dem Zeitschriftenladen zu klauen. Yoshiro, als Held der Geschichte, kann hingegen plötzlich die Gedanken der Menschen lesen, die ähnlich wie seine eigenen, ausschließlich um Sex kreisen.
Als „oversexed and underfucked“ erweist sich diese Kultur bei Sion Sono, der in „Love Exposure“
(fd 39 429) schon den Voyeurismus einer Fotografie, die lüstern unter kurze Röcke schaut, in kinetischer Ekstase überführt und gleichzeitig in Frage gestellt hat. Eine ähnliche Methode der Subversion durch Übertreibung bestimmt auch „The Virgin Psychics“, der sich bei allem Tempo gelegentlich aber doch in Redundanz erschöpft. Erst spät kommt so etwas wie Struktur in die Erzählung. Ausgerechnet die neuen Helden wider Willen, deren Köpfe voller gieriger Gedanken sind, sollen sich den ebenso neuen Super-Bösewichtern entgegenstellen. Etwa dem nur scheinbar niedlichen Mädchen von der Fähre, das mit simplem Handauflegen willenlose Sexsklavinnen züchten kann. Die Geilsten der Geilen sollen verhindern, dass ein geheimnisvolles Aphrodisiakum die ganze Stadt bis zur Besinnungslosigkeit erotisiert – mit weiblicher Unterstützung aus Amerika, wo das Universum vor Jahren schon einmal gewütet hat.
Das kann heiter werden. Doch da ist auch noch die geradezu hyperromantische Hoffnung von Yoshiro auf die Eine, Auserwählte, mit der er pränatal, noch im Wartebereich vor dem Kreißsaal, von Bauch zu Bauch, kommuniziert hat. Eine Hand und ein nacktes Bein tauchen immer wieder in seinen Erinnerungen auf, die gleichzeitig Visionen sind, als Medien der Zärtlichkeit, nicht des Koitus. Das ist purer Kitsch, der durch seine Zuspitzung aber als Ruhepause dient, als Gegenpol zu der –auch inszenatorischen – Hysterie rings umher.
Sion Sono verfilmt hier den gleichnamigen Manga von Kiminori Wakasugi, aus dem er sich das Formbare, Verzerrbare der Gesichter und Körper leiht, das mit Schauspiel und Psychologie wenig zu tun hat, dafür aber viel mit Performance-Kunst. Auf einem unwirklich grünen Rasen wird aus einem Superhelden wieder ein Mensch. Eine Illusion – aber eine, die es zu bewahren lohnt.