Measure of a Man - Ein fetter Sommer

Coming-of-Age-Film | USA 2019 | 99 Minuten

Regie: Jim Loach

Ein pummeliger 17-jähriger US-Amerikaner verbringt den Sommer mit seiner Familie an einem See, wo er sich unglücklich verliebt, sich mit gelangweilten Halbstarken herumschlagen und den Garten eines alten Arztes in Ordnung halten muss. Der unaufgeregte, rhythmisch fließende und ansprechend fotografierte Film spielt nach dem ihm zugrunde liegenden Roman von Robert Lipsyte im Jahr 1976 und handelt von den Kämpfen des Erwachsenwerdens, bei denen der Protagonist allmählich über sich hinauswächst. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MEASURE OF A MAN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Jim Loach
Buch
David Scearce
Kamera
Denson Baker
Musik
Ilan Eshkeri · Tim Wheeler · Andreas Lucas
Schnitt
Dany Cooper
Darsteller
Blake Cooper (Bobby Marks) · Donald Sutherland (Dr. Kahn) · Danielle Rose Russell (Joanie Williams) · Judy Greer (Lenore Marks) · Luke Wilson (Marty Marks)
Länge
99 Minuten
Kinostart
13.06.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Literaturverfilmung
Diskussion

Ein pummeliger Jugendlicher verliebt sich 1976 während des Sommerurlaubs und wächst bei den Kämpfen rund ums Erwachsenwerden über sich hinaus.

Jahr für Jahr verbringt die New Yorker Familie Marks ihren Urlaub am fiktiven Rumson Lake. Doch der 14-jährige Sohn Bobby, der in „Measure of a Man“ mit trockenem Ton von sich erzählt, hasst den Aufenthalt am See. Was kann man an diesem idyllischen Ferienort schon anderes tun, als mit Gleichaltrigen am Strand abhängen, mit ihnen schwatzen und schwimmen gehen?

Genau davor aber scheut der pummelige Junge zurück. Er mag sich nicht den Blicken der anderen aussetzen, da er mit seiner Figur schnell zur Zielscheibe des Spotts würde. Viel lieber verschanzt er sich in der Ferienhütte und verbringt die Zeit in Gesellschaft seiner Freundin Joanie, mit der er sich seit Kindheitstagen bestens versteht. Sie teilt Bobbys Erfahrung: Ihre angeblich zu große Nase entspricht auch nicht so recht der Schönheitsnorm und zieht alle Blicke auf sich.

Rasenmähen als Schule des Lebens

Im Sommer des Jahres 1976 gehen Bobbys Pläne indes nicht auf. Seine Familie schwärmt ständig aus, und seine Freundin muss aus unerfindlichen Gründen nach New York zurück. Um ihn vor der Langeweile zu bewahren, hat sie ihm einen Ferienjob beschafft. So landet Bobby bei dem gestrengen Dr. Kahn und muss sich mit dem Rasenmähen auf dessen großem Grundstück abmühen. Der Job entpuppt sich allerdings als Schule des Lebens. Am Ende des Sommers ist Bobby über sich selbst hinausgewachsen.

„Measure of a Man“ ist eine Spielart des Adoleszenzdramas. Jim Loach, der Sohn von Ken Loach, fügt diesem Subgenre eine unaufgeregte, rhythmisch fließende und ansprechend fotografierte Variante hinzu. Sie stützt sich auf den Jugendroman „One Fat Summer“ (USA 1977) von Robert Lipsyte, der ein klassisches Beispiel für Sozialisationsliteratur ist. Die jugendlichen Protagonisten lassen sich urlaubsbedingt leichter von ihrer Alltagsroutine abbringen. Befreit von den Abläufen des normalen Lebens, öffnen sie sich für zufällige Begegnungen, handeln entspannter, gehen auf Entdeckungsreise und experimentieren mit sich und ihrer Umwelt. Der sympathische Protagonist von „Measure of a Man“ sucht sein Abenteuer jedoch gerade in den Mühlen des Arbeitsalltags; er findet seine innere Richtschnur bei den immergleichen Verrichtungen, mit denen er den Rasenmäher über die Wiese schiebt. Dabei lernt er, nicht nur die Maschine immer geschickter und effizienter zu bedienen, sondern auch seinem Arbeitgeber zu widersprechen und gerechten Lohn für seine geleistete Arbeit einzufordern.

Mit Überlegung und Strategie

Das Mähen des Rasens wird keineswegs als eintönig charakterisiert, sondern mit schönen und abwechslungsreichen Einstellungen in Szene gesetzt. Dr. Kahn ist der Erzieher des Jungen. Er wird von dieser Funktion her gedacht und wenig plastisch gezeichnet. Durch wenige Attribute, etwa die eintätowierte Nummer am Unterarm und den Mercedes vor seinem Haus, wird er als jüdisches Opfer des Nationalsozialismus identifiziert und der aus Europa emigrierten Bildungselite zugeordnet. Donald Sutherland gibt ihm Statur und Präsenz, so dass man sich bereitwillig mit der Geschichte dieses Mannes befassen würde. Doch sie wird nicht erzählt.

Durch Kahn entwickelt der Junge seinen eigenen Maßstab; er setzt sich damit auseinander, an welchen Werten er sich ausrichten will. Das sind die klassischen Werte der protestantischen Arbeitsethik wie Pünktlichkeit, Ausdauer und Disziplin. In Kahn drückt sich eine Haltung aus, die nach innen gerichtet ist, die Ruhe und Würde ausstrahlt und andere nicht mit persönlichen Nöten oder Schwierigkeiten zutextet. Sie hält nichts von adoleszenten Rettungsfantasien oder vom Superhelden-Gehabe, sondern weiß, wie schwierig es ist, vertrackte Probleme zu lösen, und dass es dafür der Ratio und einer Strategie bedarf.

In Zeiten der Krise sieht man gerne zurück, vor allem auf liberalere Abschnitte der Geschichte. So vergegenwärtigt dieser durchdacht komponierte Film die Vorzüge einer aus der Mode gekommenen Kultur. Sie wird von Bobbys Widersacher empfindlich gestört. Jim, ein Vietnam-Kriegsveteran, ist Chef einer kleinen Bande, die von der örtlichen Polizei Schützenhilfe erhält. Sie sehen in den jungen Leuten aus der Stadt Eindringlinge, welche die gesellschaftliche Ordnung unterminieren und Verdrängtes nach außen kehren. Das lässt sich durchaus auch als Anspielung auf die Gegenwart verstehen.

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