Cambridge Analyticas großer Hack

Dokumentarfilm | USA 2019 | 139 Minuten

Regie: Karim Amer

Ein Dokumentarfilm über den Skandal rund um das 2014 gegründete, in New York ansässige Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica, das Millionen von Nutzerdaten von Facebook übernahm, um mittels gezielter Botschaften das Wahlverhalten dieser Nutzer zu beeinflussen; ein digitales „Microtargeting“, das bei der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und dem Brexit-Referendum eine wichtige Rolle gespielt haben soll und die Firma nach Aufdeckung so in Misskredit brachte, dass sie 2018 Insolvenz anmelden musste. Die über zweistündige Dokumentation folgt Protagonisten wie dem US-Professor David Carroll, der gerichtlich die Aufdeckung der Datenquellen von Cambridge Analytica einforderte, und einer Ex-Mitarbeiterin der Firma, Brittany Kaiser, die nach ihrem Ausscheiden gegen das Unternehmen aussagte. Wenn auch mitunter etwas hektisch und dramatisierend erzählt, gibt die Doku doch einen umfassenden Einblick in die Vorgänge und sensibilisiert für den Datenschutz. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE GREAT HACK
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Karim Amer · Jehane Noujaim
Buch
Karim Amer · Erin Barnett · Pedro Kos
Kamera
Basil Childers · Ian Moubayed
Musik
Gil Talmi
Schnitt
Erin Barnett · Carlos Rojas
Länge
139 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Ein Dokumentarfilm über den Skandal rund um das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica, das sich Millionen von Nutzerdaten von Facebook beschaffte, um diese mittels "microtargeting" politisch zu beeinflussen.

Gerade ist es durch: Facebook muss mehr als fünf Milliarden Dollar Strafe zahlen –  in den USA, wo die Gesetze laxer sind als hier. Verhängt wurde die Strafe dank Ermittlungen der Verbraucherschutz-Behörde FTC, Grund sind Datenschutzvergehen, Anlass war der Skandal um die Firma Cambridge Analytica. Terminlich passend zum Urteil erschien am 24.7.2019 bei Netflix die Dokumentation „Cambridge Analyticas großer Hack“ („The Great Hack“). Ein Film von Jehane Noujaim und Karim Amer, die beide durch ihre großartige Doku „The Square“ („Al Midan“, 2013) über die ägyptische Revolution bekannt wurden. Diesmal nehmen sie sich eine Geschichte vor, die 2014 damit begann, dass Cambridge Analytica sich die persönlichen Daten von rund 87 Millionen Facebook-Nutzern verschaffte. Natürlich wussten die Betroffenen davon nichts.

Daten für zielgerichtete, passgenaue politische Propaganda

Mit Facebook befasst der Film sich nicht lang. Er konzentriert sich auf die titelgebende Datenanalyse-Firma, erst auf die trickreiche Beschaffung der Daten, dann auf deren Verwendung zu politischen Zwecken: Die Firma unterstützte damit den Wahlkampf Donald Trumps in den USA. Mit zielgerichtet personalisierter Propaganda habe sie maßgeblich zu Trumps Sieg beigetragen – das sagt Cambridge Analytica, das sagt Noujaims und Amers Film. Ob es die Wahrheit ist oder nur eine von vielen Verschwörungstheorien, kann man schwer beurteilen. Immerhin werden genug Bildbeispiele für den Datenmissbrauch durch „microtargeting“ gebracht, dass man das Potenzial der Strategie versteht. Das Profil der Nutzer, ihre Statusmeldungen, Likes, ihre persönlichen Nachrichten lassen sich dahingehend auswerten, für welche Fake News sie besonders anfällig sind. Dann werde Argwohn bestätigt, Furcht bestärkt, denn Angst und Wut, heißt es in diesem Film einmal, seien jene menschlichen Instinkte, die man am besten nutzen könne.

Um die Masse an Daten zu illustrieren, die jeden Tag von jedermann freiwillig preisgegeben werden, findet der Film beeindruckende Bilder. Diese Momente visueller Pracht stehen im Kontrast zu einem Alltag von Akteuren, die Schlüsselstellen besetzten beim Aufstieg und beim Fall von Cambridge Analytica. In einer Mischung aus Nacherzählung und Re-Enactment lassen die Regisseure ihre Protagonisten durchspielen, was zwischen 2014 und 2018 passierte und wie sie daran beteiligt waren.

Plädoyer für den Datenschutz

Das beginnt mit David Carroll, Professor an einer Designschule in Brooklyn. Er gehörte zu den ersten, die sich mit Cambridge Analytica anlegten. Er leitete rechtliche Schritte ein, um seine Daten zurückzubekommen, er forderte Informationen über ihre Verwendung. Carroll ist derjenige, der die schlüssigste Botschaft hat: man muss die nächste Generation dazu erziehen, den Schutz ihrer Daten ernst zu nehmen.

Von Carroll wechselt der Film zu ehemaligen Mitarbeitern von Cambridge Analytica. Er bewegt sich erzählerisch schnell und geschmeidig, als wolle er Fiction sein, nicht Dokumentation. Männer, die Cambridge Analytica aufgebaut haben, eine Frau, die jahrelang dabei war – sie alle reden über die vergangenen Jobs der Firma, sichtlich bemüht, sich von möglichst allem zu distanzieren. Über sie erfährt man Stück für Stück, wo die Firma überall ihre Geschäfte machte. Verbindungen zu Steve Bannon und der amerikanischen Rechten werden sichtbar, zu Nigel Farage und der britischen Rechten nicht minder. Der Brexit hat die Firma beschäftigt, Wahlbeeinflussung in Trinidad und Tobago, die Rufmord-Kampagne gegen Hillary Clinton. Es sieht so aus, als wurde dabei gut verdient. Beim Geld kommt dann eine Journalistin des „Guardian“ ins Spiel, die ebenfalls Ermittlungen gegen Cambridge Analytica anstellte. Sie allerdings hält sich nicht nur bei der Firma auf und nicht nur bei diesem Fall, sondern sie will generell verhindern, dass Daten zu Geld gemacht werden, ohne dass deren Besitzer davon etwas ahnen. Jeder sollte wissen, wo seine Daten sind und was damit passiert – das ist der nächste Grundgedanke, den der Film formuliert.

Die Dramatisierung eines Skandals

Solche Erkenntnisse gibt es etliche, zu fassen sind sie nicht alle leicht. Der Film verbreitet in seinem Bemühen, Tempo und Dramatik aufzubauen, ziemliche Hektik, insbesondere auf der Tonebene. Die deutsche Sprachfassung wird über das Original gelegt; das ist darunter halblaut durchzuhören, in seiner ganzen Vielfalt aus Dialog, Musik, Interviews, Kommentarstimmen oder Ton aus Archivmaterial wie TV-Sendungen. Zusätzlich werden gern Textnachrichten ins Bild gesetzt, als Beispiel für wirklichkeitsnahe Kommunikation zwischen den Protagonisten. Was retrospektiv übrig bleibt, reicht trotzdem leicht, um den Skandal an Cambridge Analyticas Vorgehen zu bündeln. Es ist kein neues Übel, das sichtbar wird, aber eins, das weitergeht als solche Übel bisher: Die Auswertung von Big Data wurde nicht für vergleichsweise harmlose Ziele wie Werbung eingesetzt, sondern für ideologische Manipulation mit politischen Konsequenzen. Man muss gar nicht wissen, ob das funktioniert. Die Tat allein weckt Zorn genug.

Kommentar verfassen

Kommentieren