Abenteuer | Deutschland 2020 | 91 Minuten

Regie: Tomer Eshed

Ein junger Drache bricht zusammen mit einem Koboldmädchen auf, um den legendären „Saum des Himmels“ zu finden, wohin sich die Drachen auf der Flucht vor den Menschen zurückgezogen haben. Auf ihrer gefahrvollen Reise schließt sich ihnen ein junger Dieb an und gemeinsam bestehen sie viele aufregende Abenteuer. Die Verfilmung des gleichnamigen Fantasy-Romans von Cornelia Funke glänzt durch eine flüssige, mit vielen Schauwerten punktende Animation, bewegt sich inszenatorisch aber auf allzu ausgetretenen Pfaden, die temporeich, aber oberflächlich weder die ökologischen Aspekte noch die Themen um Solidarität, Freundschaft und Toleranz hinreichend entfalten. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Tomer Eshed
Buch
Johnny Smith
Kamera
Olaf Aue
Musik
Stefan Maria Schneider
Länge
91 Minuten
Kinostart
03.06.2021
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 10.
Genre
Abenteuer | Animation | Familienfilm | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Constantin (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Constantin (16:9, 2.35:1, dts-HDHR engl./dt.)
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Verfilmung des gleichnamigen Fantasy-Romans von Cornelia Funke um einen jungen Drachen auf der Suche nach dem „Saum des Himmels“.

Diskussion

Die Zeiten, als Menschen und Drachen einträchtig Seite an Seite lebten, sind lange vorbei. Irgendwann packte die Menschheit die Gier. Als sie die Erde zu unterwerfen begannen, blieb den Drachen nur noch der Rückzug. Ganz verschwunden sind die vermeintlichen Fabelwesen jedoch nicht. In einem geheimen Tal tief in den Wäldern haben sich die letzten ihrer Art versteckt und fristen dort ein beschaulich-kümmerliches Dasein. Die erschlafften Alten haben sich mit der Situation schon längst abgefunden. Die Drachenjugend aber langweilt sich höllisch und träumt von tollkühnen Abenteuern. Unter ihnen ist auch der liebenswerte Lung, der wegen seiner Tollpatschigkeit unter den Halbstarken als Außenseiter gilt. Als die menschliche Zivilisation in Gestalt eines riesigen Tagebaus auch das abgeschiedene Drachental zu zerstören droht, sieht Lung seine Stunde gekommen. Er will endlich zeigen, was in ihm steckt. Gemeinsam mit seiner Kumpanin, der frechen Koboldin Schwefelfell, verlässt er heimlich das Tal und macht sich auf die Suche nach dem „Saum des Himmels“, einem paradiesischen Zufluchtsort für Drachen, von dem die alten Legenden erzählen.

Ihre Nemesis ist ihnen auf den Fersen

Zunächst aber gerät das ungleiche Gespann in den Trubel einer großen Menschenstadt, wo ihnen der junge Dieb Ben über den Weg läuft. Um der Polizei zu entkommen, gibt sich der dreiste Teenager als „Drachenreiter“ aus – als Held eines populären Fantasyfilms. Und obwohl sich Schwefelfell mit allen Klauen dagegen sträubt, schließt er sich ihnen an. Die Reibereien untereinander sind jedoch nicht das größte Problem des Trios. Nesselbrand, ein von einem genialen Erfinder geschaffenes drachenfressendes Monster, ist ihnen dicht auf den Fersen. Und so erleben die drei ein gefährliches Abenteuer, das sie an die entlegensten Orte der Welt führt – und bei dem sie sich als Freunde beweisen müssen.

In den vergangenen Jahren sind Drachen auf der Beliebtheitsskala von Kindern noch einmal ein ganzes Stück nach oben geklettert. Einen erheblichen Anteil daran haben der Animationsfilm „Drachenzähmen leicht gemacht“ und seine beiden Fortsetzungen. Angesichts des Hypes um die Fabelwesen verwundert es nicht, dass jetzt auch der Fantasy-Roman „Drachenreiter“ (1997) von Cornelia Funke fürs Kino animiert wurde, zumal bereits mehrere Bücher der Kinder- und Jugendbuchautorin als Vorlagen für erfolgreiche Filme gedient haben, etwa für „Hände weg von Mississippi“ (2007).

Die Last der Vorgängerfilme

Regisseur Tomer Eshed und der Drehbuchautor Johnny Smith verhehlen gar nicht erst, dass sie mit „Drachenreiter“ auf der Erfolgswelle der „Drachenzähmen“-Filme mitschwimmen. Wenn Ben in der Großstadt in ein Drachenreiterkostüm schlüpft, um am Rande einer großen Kinopremierenfeier in der Menschenmasse unterzutauchen, dann spielen sie unverkennbar auf die beliebte Trilogie an. Die augenzwinkernde Hommage verhindert allerdings nicht, dass man „Drachenreiter“ nahezu zwangsläufig an den Vorgängern misst – auch wenn die Filmemacher fleißig andere bekannte Fantasy- und Animationsfilmhits zitieren, von „Die unendliche Geschichte“ über „Indiana Jones“ bis zu „Ice Age“. Und obwohl viele der Filmfiguren durchaus liebevoll angelegt sind und der Film die Ausgangssituation von „Drachenzähmen“ gewissermaßen umkehrt, stellt sich bald das schale Gefühl ein, fast alles irgendwann schon einmal gesehen zu haben.

Nicht zuletzt leidet „Drachenreiter“ auch daran, dass er im ständigen Bemühen um Tempo keine Tiefe gewinnt. Obwohl zu Beginn die Zerstörung des Lebensraums der Drachen durch riesige Tagebaubagger effektvoll visualisiert wird, findet die Öko-Thematik überraschenderweise keinerlei Fortführung. Auch als Coming-of-Age-Geschichte um Solidarität, Toleranz und Freundschaft entfaltet der Film kaum Kraft. Und wenn Ben sich als Waisenkind entpuppt, das unter dem frühen Verlust der Eltern leidet, scheint das bloß seinen Hang zur Egozentrik und vor allem seine Laufbahn als Dieb entschuldigen zu sollen: Ein Krimineller als Held eines Kinderfilms – das geht nun wirklich nicht.

Nach allen Seiten absichern

Überhaupt wirkt vieles so, als hätten sich Eshed und Smith nach allen Seiten absichern wollen. So lassen sie – mutmaßlich für den erwachsenen Teil des Publikums – den monströsen Nesselband in einem Dating-Portal nach einer Partnerin suchen. Gesteigert wird die derb-alberne Komik noch durch den gierigen Zwerg Kiesbart, der zum penetrant prolligen Sidekick des Bösewichts aufgeblasen wird.

Dass die skurrilen Figuren durch exaltierte Sprecherstimmen synchronisiert werden, erfüllt die Genre-Konventionen ebenso pflichtgemäß wie der unerbittliche Musikteppich. Kurzum: Mehr Mut und Experimentierfreude bei der Inszenierung hätte „Drachenreiter“ zweifelsohne gutgetan. Immerhin: Die Computeranimation ist hochwertig und hält reichlich Schauwerte bereit. Kinder, die neu ins Drachenuniversum einsteigen, dürfte der Film durchaus gut unterhalten. Sollte sich bei den Eltern Müdigkeit einstellen, muss sie das ja nicht unbedingt stören.

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