The Second Life - Das zweite Leben

Dokumentarfilm | Deutschland/Belgien/Italien 2020 | 82 Minuten

Regie: Davide Gambino

Doku über drei Tierpräparatoren, die zu den Meistern ihres Fachs gehören und für renommierte Naturkundemuseen in Rom, Berlin und Brüssel Aufträge erfüllen. Mit Blick auf eine Art Europameisterschaft der Taxidermisten arbeiten sie gerade an einem Orang-Utan, einem Tiger und einem Seeadler. Darüber erhält man interessante Einblicke in den Alltag eines Berufs, der zwischen Wissenschaft, Handwerk und Kunst angesiedelt ist und mit seinem Ethos des Bewahrens und Erinnerns zu einem nachhaltigeren Umgang mit der Natur beitragen will. Die mahnende Dauerklage über die Entfremdung von Menschen und Tieren ist diesem Anliegen allerdings nicht immer förderlich. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE SECOND LIFE
Produktionsland
Deutschland/Belgien/Italien
Produktionsjahr
2020
Regie
Davide Gambino
Buch
Davide Gambino
Kamera
Dieter Stürmer
Musik
Jan Swerts
Schnitt
Simon Arazi · Christelle Berry
Länge
82 Minuten
Kinostart
21.04.2022
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Doku über drei Tierpräparatoren, die zu den Meistern ihres Fachs gehören und für renommierte Naturkundemuseen in Rom, Berlin und Brüssel arbeiten.

Diskussion

Manche Hobbyjäger schmücken mit den Trophäen des von ihnen erlegten Wildes gerne ihre Wohnstuben. Meist reicht ein Geweih. Bei kleineren Tieren kann es hingegen auch die ganze Erscheinung sein. Es obliegt Tierpräparatoren, aus toten Körpern lebensecht aussehende Schaustücke zu machen. Selbst manches putzige Haustier, von dem seine Besitzer auch nach dessen Ableben nicht lassen mögen, findet so seinen Weg aufs Sideboard.

Mit solchen nostalgischen Konservierungen für den Hausgebrauch haben die drei Protagonisten aus „The Second Life“ jedoch nichts zu tun. Die Taxidermisten, so die offizielle Berufsbezeichnung, Maurizio Gattabria, Robert Stein und Christophe de Mey sind Meister ihres Fachs und arbeiten für die großen Naturkundemuseen in Rom, Berlin und Brüssel. Doch auch bei ihnen geht es letztlich ebenfalls ums Bewahren und Erinnern. Mit ihren Präparaten hauchen sie Tierarten ein zweites Leben ein, die es womöglich in freier Wildbahn schon lange nicht mehr gibt.

Eine Leistungsschau der Tierpräparatoren

Der Film von Davide Gambino porträtiert die Präparatoren, deren Tun sich zwischen Wissenschaft, Handwerk und Kunst bewegt. Gattabria bearbeitet im Film an dem Leichnam des Orang-Utan-Weibchens Petronilla, die mehr als 40 Jahre im römischen Zoo lebte, wo der Präparator sie regelmäßig besucht hat. Christophe de Mey hingegen hat den Zoo-Tiger, an dem er sich zu schaffen macht, nie lebend gesehen, und woher der Seeadler von Robert Stein stammt, erfährt man nicht.

Für die Männer sind ihre Tiere auch insofern etwas Besonderes, weil sie mit ihnen bei der „European Taxidermy Championship“, einer Leistungsschau der Tierpräparatoren, an den Start gehen wollen. In Parallelmontagen folgt der Film ihnen bei ihrer Arbeit in ihren Werkstätten. Die eher unappetitlichen Seiten ihres Tuns, etwa das Ausweiden der Tiere, geraten dabei allenfalls dezent ins Bild. Man ist mehr dabei, wenn aus den Kadavern nach und nach lebensecht aussehende Schaustücke entstehen. Wobei man durchaus Einblicke in die Trickkisten der Präparatoren erhält.

Da die bevorstehende Leistungsschau so etwas wie eine Countdown-Dramaturgie nahelegt, vollzieht sich das Geschehen weitgehend chronologisch. Hie und da geben die Protagonisten auch Einblicke in ihr Privatleben. Gattabria lässt sich auf der Terrasse seines Hauses vor den Toren Roms filmen, Stein schlendert mit seiner Tochter durch die Natur bei Berlin. Demgegenüber gibt sich de Mey geradezu extrovertiert; er ist mit seinem Lebenspartner im Pool zu sehen und tritt bei einer Travestie-Show im Tiger-Kostüm auf.

Das latent Unheimliche und Gruselige

Wenig überraschend stellen sich alle drei als Tierliebhaber dar, die sich um den Artenschutz sorgen und mit ihrer Arbeit dazu beitragen möchten, Tierarten auch dann noch präsent zu halten, wenn diese selbst in Zoos nicht mehr zu sehen sind.

Das latent Unheimliche oder Gruselige der Taxidermie kommt in „The Second Life“ so wenig zur Sprache wie die kulturhistorische Tradition des Handwerks. Auch entpuppt sich die große Leistungsschau, dramaturgisch der Höhepunkt des Films, als ziemlich armselige Veranstaltung, die in einer Mehrzweckhalle bei Salzburg im Rahmen einer Messe für Jäger- und Anglerbedarf stattfindet.

Wirklich ärgerlich ist jedoch, dass der Regisseur Davide Gambino die Einblicke ein einen ebenso seltenen wie faszinierenden Beruf mit einer Dauerklage über den Umgang des Menschen mit der Natur verbindet. Da die Bilder dafür wenig hergeben, müssen zahlreiche Inserts und Off-Kommentare herreichen, die allerdings nicht sonderlich tiefschürfend ausfallen. „Kann der Mensch ohne Natur leben?“, heißt es da, „Haben wir vergessen, wer wir sind?“ Von einer „Botschaft der Tiere an uns“ in Gestalt eines „finalen Weckrufs“ ist die Rede und: „Wenn wir die Tiere retten, retten wir uns selbst.“ Dass der Kommentar im dauermahnenden Tonfall von dem Schauspieler Hannes Jaenicke gesprochen wird, der durch zahlreiche Fernsehproduktionen als engagierter Tierschützer bekannt ist, macht die Sache nicht besser.

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