Tics - Mit Tourette nach Lappland

Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 94 Minuten

Regie: Thomas Oswald

Drei Menschen mit Tourette-Syndrom reisen in Begleitung zweier Mediziner in den menschenleeren Norden von Finnland, um herauszufinden, ob sich die Abwesenheit von anderen Menschen dämpfend auf den Zwang zu ihren „Tics“ auswirkt. Der beobachtende Dokumentarfilm begleitet sie in Einzel- und Gruppengesprächen und lauscht ihren vielfältigen Erfahrungen im Umgang mit der psychischen Erkrankung, wobei man eine Menge über die Auffälligkeiten erfährt. Allerdings stellt der unspektakuläre Film die Protagonisten nahezu ausschließlich im Kontext ihrer rätselhaften Zwänge vor, die sie durch die meist verständnislosen Reaktionen der Umwelt unter Dauerstress stellen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Thomas Oswald
Buch
Thomas Oswald · Hans-Jörg Kapp
Kamera
Thomas Oswald
Schnitt
Ulf Groote · Thomas Oswald
Länge
94 Minuten
Kinostart
23.06.2022
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Drei Menschen mit Tourette reisen mit zwei Wissenschaftlern in den menschenleeren Norden, um herauszufinden, ob die Abwesenheit von Menschen ihre Symptome lindert.

Diskussion

In der Öffentlichkeit werden Menschen mit dem Tourette-Syndrom von anderen oft angestarrt, weil sie unvermittelt seltsame Laute von sich geben oder heftig mit dem Kopf zucken. Mitunter macht sich auch Empörung breit, weil man ihnen bewusstes Handeln unterstellt. Das Wissen über das Tourette-Syndrom, unter dem die Betroffenen leiden, ist nicht weit verbreitet. Der Name der Krankheit geht auf ihren Entdecker, den Neurologen Gilles de la Tourette, zurück; die akustischen oder motorischen Begleiterscheinungen nennt man „Tics“. Was nichts mit dem deutschen Tick zu tun hat, sondern sich auf das französische Wort „Tic“ bezieht, was so viel wie „nervöses Zucken“ bedeutet. Hinsichtlich der Ursachen dieser Störung tappt die Wissenschaft noch weitgehend im Dunklen; alle bisherigen Therapieversuche versprechen allenfalls eine Linderung, aber keine Heilung.

Der Dokumentarfilm „TICS – Mit Tourette nach Lappland“ verfolgt ein Experiment, das der Neurologe Alexander Münchau und der Psychiater Daniel Alvarez-Fischer mit drei Tourette-Patienten durchführen. Auf einer Reise ins fast menschenleere Lappland, so die Hoffnung, sollen Marika, Daniel und Leo zur Ruhe kommen und im Idealfall Techniken erlernen, die ihnen für ihr Leben in Deutschland nützlich sein können. Schließlich leiden die meisten Patienten noch mehr als unter ihren Symptomen unter der Stigmatisierung durch ihre Mitmenschen.

Road Movie in eine weite Welt

Doch bis das Quintett in den finnischen Wäldern ankommt, vergeht die Hälfte des Films. Davor berichten die drei einzeln von ihren individuellen Tourette-Erfahrungen, von Stresssituationen im Alltag und erfolglosen Therapieversuchen, statten mehreren europäischen Zentren, an denen über Tourette geforscht wird, einen Besuch ab. Dann geht es per Fähre und Kleinbus in den finnischen Norden, wobei diese Sequenzen den Film vorübergehend in eine Art Road Movie verwandeln.

Vor Ort scheint sich Daniel gleich besser zu fühlen. Er streift oft allein in den Wäldern umher; seine akustischen Tics nehmen merklich ab. „Von der Natur werde ich akzeptiert“, sagt er irgendwann. Natürlich hätte er auch sagen können, dass er der Natur offenbar gleichgültig ist; dennoch bringt er mit seinem Satz das zum Ausdruck, was ihn im Alltag am meisten belastet.

Marika merkt man ihre Krankheit auf den ersten Blick kaum an. Sie hat im Laufe der Jahre gelernt, ihre Symptome weitgehend zu unterdrücken. Was sie jedoch enorm viel Kraft kostet. Oft fasst sie sich an den Bauch, als würde sie von Krämpfen geplagt, und meist wirkt sie sehr angespannt. Zudem stellt sie zu ihrer eigenen Irritation fest, dass sie von den Tics ihrer beiden Mitreisenden zunehmend genervt ist. Was sie zusätzlich belastet.

Hörbücher funktionieren besser

Bei Leo bleibt die idyllische Landschaft scheinbar ohne lindernden Einfluss. Seine Zuckungen lassen kaum nach, und die Unterhaltungen mit den begleitenden Wissenschaftlern scheinen ihn eher zu stressen.

Der beobachtende Film von Thomas Oswald folgt den fünf Protagonisten mal aus der Nähe, mal aus der Distanz. Manchmal sprechen einzelne Akteure allein in die Kamera, doch in der Regel sind es Gesprächssituationen in unterschiedlichen Konstellationen. Dabei kommt es immer wieder zu intimen Momenten, in denen die Protagonisten viel von sich preisgeben. Manchmal gibt es auch dezent komische Situationen. So fragt Daniel Leo beispielsweise, ob er auch so gerne lese, worauf Leo lächelnd erwidert, dass das mit seinen Zuckungen wohl schwer möglich sei. Hörbücher gingen allerdings!

Ein alter Schamane und seine Rituale

Oft wechseln die Gesprächssequenzen mit imposanten, von dezenter Musik unterlegten Landschaftspanoramen oder Sonnenuntergängen. Ohne therapeutische Kurzreferate vermittelt der Film en passant eine Menge an Informationen über das Tourette-Syndrom, seine vielfältigen Erscheinungsformen und mögliche Ursachen, aber immer wieder auch über die Leidensgeschichten der Betroffenen.

Rätselhaft bleibt der Besuch des Quintetts bei einem betagten samischen Schamanen mit seltsamen Ritualen. Bedauerlich ist auch, dass die drei Patienten nahezu ausschließlich im Kontext mit ihrer Krankheit vorgestellt werden und man über ihr sonstiges Leben kaum etwas erfährt.

Kommentar verfassen

Kommentieren