Anands Vater ist gestorben. Der Dreißigjährige ist am Boden zerstört, da ihn ein enges Verhältnis zu seinem Vater verband. Dieser hatte die Homosexualität seines Sohnes akzeptiert und ihm immer seelischen Beistand geleistet. Auch mit seiner Mutter versteht sich Anand (Bhushaan Manoj) gut. Sie begleitet gemeinsam mit ihrem Sohn die sterblichen Überreste ihres Mannes von Mumbai, wo er in einem Krankenhaus gestorben ist, in ihre Heimat auf dem Land. Doch die beiden haben keine Zeit, privat zu trauern. Stattdessen bereitet die Mutter ihren Sohn auf der Reise in sein westindisches Dorf auf die zehntägige Trauerzeit vor, die er vor der Dorfgemeinde öffentlich befolgen muss. Der Tradition nach darf Anand nichts Schwarzes tragen, keine Schuhe, und er darf sich nicht rasieren.
Der trauernde Sohn wird ständig beobachtet
Vor Ort angekommen, muss Anand in dem indischen Drama „Kaktusfrüchte“ auf seinen in der Metropole verinnerlichten Individualismus verzichten und wird sofort mit den Trauerritualen konfrontiert. Bei der Ankunft des Leichenwagens bricht die Gemeinde in Wehklagen aus. Danach muss der trauernde Sohn eine strenge Diät einhalten, darf sich nur in einem bestimmten Rahmen in seinem Haus bewegen und wird dabei ständig beobachtet. Zudem erlebt er, dass eine ältere Verwandte ihn von einem wichtigen Ritual ausschließen will: Sie insistiert, dass er nicht den Scheiterhaufen mit der Leiche anzünden dürfe, da er nicht verheiratet sei.
Ständig wird nachgebohrt, warum er in seinem fortgeschrittenen Alter noch allein lebe. Mal schlägt man ihm eine potenzielle Braut aus dem Nachbardorf vor, dann wieder muss er sich anhören, dass er mit seinen 30 Jahren ja auch keine gute Partie mehr sei. Die Mutter hatte Anand bereits vor solcherlei demonstrativen Nachforschungen gewarnt und ihm ein paar Ausreden vorgeschlagen. Auch sie muss sich rechtfertigen und verteidigt ihren Sohn so gut sie kann.
So findet der junge Mann kaum Zeit, in sich zu gehen und um seinen Vater zu trauern. Auf Verständnis stößt er nur bei dem gleichaltrigen Bauern Balya (Suraaj Suman), einem Jugendfreund, den er nun nach etlichen Jahren wiedersieht. Die beiden unternehmen Ausflüge auf Balyas Moped, gehen schwimmen, essen gemeinsam Kaktusfrüchte und schwelgen in Erinnerungen aus ihrer Kindheit. Bald entwickelt sich aus dem erneuerten Kontakt eine zarte Romanze, die vor den forschenden Augen von Familie und Nachbarn geheim gehalten werden muss.
Wie ein doppelt Fremder
Regisseur Rohan Parashuram Kanawade hat in seinen Film viel Autobiografisches einfließen lassen. Die krassen kulturellen und sozialen Unterschiede zwischen Stadt und Land offenbaren sich aus der Perspektive Anands, der sich in seiner ursprünglichen Heimat wie ein doppelt Fremder fühlt. Zum einen, weil er seine sexuelle Orientierung vor der Dorfgemeinschaft verbergen muss, zum anderen, weil er das karge ländliche Leben und die strengen Vorschriften dort nicht mehr gewohnt ist. Das entbehrungsreiche Leben auf dem Land macht der Film anhand von Balyas Arbeitssituation deutlich. Er schuftet auf dem Feld und in anderen harten körperlichen Jobs, muss seine Eltern miternähren und schafft es trotzdem kaum, die Familie über Wasser zu halten.
Doch der Film beobachtet seine ländlichen Figuren, ohne sie vorzuführen. Er zeigt sie beim Zubereiten von Speisen, in den karg eingerichteten Häusern, die zum Teil provisorisch sind, weil das Geld zur Fertigstellung fehlt. Die weite Natur wiederum bildet einen Kontrast zur engen Metropole (die man im Film so gut wie nicht sieht) und bietet dem Liebespaar Raum zur Entfaltung. Zwischen Feldern, Bäumen und Teichen filmt Kanawade die intimen Momente zwischen den beiden jungen Männern und zeigt, dass es queeres Leben in Indien auch auf dem Land gibt, wenn auch unter schwierigen Vorzeichen. Die beiden Hauptdarsteller, die am Theater ausgebildet wurden, verschmelzen gänzlich mit ihren Rollen und lassen ihre Figuren damit umso glaubhafter erscheinen.
Auch die Unterschiede zwischen Anand und Balya werden deutlich: Balya ist der draufgängerischere der beiden. Nicht einmal Mopedfahren traut sich der zaghafte Anand, wird von Balya jedoch dazu ermuntert. Zwischen den Zwängen durch Arbeit und Familie erleben beide Momente der Ausgelassenheit und des Loslassens – Momente des Glücks. Sie treffen sich unter dem Zwillings-Mangobaum, den sie schon als Kinder aufgesucht haben. Doch diese Momente währen nicht lange. Überschattet werden sie von Anands Trauer, von dem ständigen Druck, dem Balya durch seine Familie und seine finanzielle Not ausgesetzt ist. Außerdem ist ihre gemeinsame Zeit durch die Trauerperiode auf zehn Tage begrenzt.
Misstrauen und Bewunderung
So wird Anand in einem Zustand der ständigen Überforderung gezeigt. Von der schützenden Anonymität der Großstadt wird er in eine Gemeinschaft zurückversetzt, die ihm misstrauisch gegenübersteht. Nun gilt er als der Städter, der Fremde, der es in der Ferne zu etwas gebracht hat. Denn man bewundert ihn auch, weil die ferne Metropole Mumbai den ländlichen Nachbarn und Verwandten als etwas Unerreichbares und Wundersames erscheint. Dass Anand lediglich als Mitarbeiter eines Callcenters arbeitet, wissen sie nicht. Doch sie lassen ihm mehr durchgehen als Balya, der eine junge, ungebildete Frau aus dem Nachbardorf heiraten soll. So lastet Balyas Kummer über seine finanzielle und seelische Not auch auf Anand, der sich jedoch auf das physisch und psychisch aufreibende Schlussritual der Trauer vorbereiten muss.
Fern von dem bunten und lauten Bollywood konzentriert sich „Kaktusfrüchte“, der beim Sundance Film Festival mit dem „Großen Preis der Jury“ ausgezeichnet wurde, still und nachdrücklich auf seine Figuren. Es ist ein Film über die unteren Kasten Indiens, über Ausgebeutete, die andere ausbeuten, über Stillstand und Aufbruch. Am Ende keimt sogar etwas Hoffnung auf in diesem anrührenden Autorenfilm, der seine Helden in eine ungewisse, aber nicht unmögliche Zukunft entlässt.