Eigentlich hatte Polly Thompson (Claire Foy), eine brillante Ingenieurin, das große Los gezogen. Die Erfindung eines smarten Kühlschranks sollte ihrer Familie – Ehe- und Hausmann Tim (Andrew Garfield) sowie den drei Kindern Fran, Joe und Beth – ein sorgenfreies Leben im Wohlstand gewähren. Doch als sie sich weigert, den Kühlschrank mit Dingen auszustatten, die die Nutzer ausspionieren, ist sie ihren Job los – und damit auch ihre moderne, zweckmäßig, aber steril eingerichtete Londoner Wohnung. Auf Tims Geheiß zieht die Familie aufs Land. Doch das preiswerte Haus entpuppt sich als baufällige Scheune. Trotzdem will der Vater hier Tomaten anbauen und als passierte Delikatess-Soße verkaufen. Den Kindern gefällt das gar nicht: kein Strom, kein Internet, keine Playstation.
Eine weite, farbenfrohe Welt
Als die stille, verschlossene Fran trotz vieler Verbotsschilder den nahegelegenen Wald erforscht, stößt sie prompt auf den Wunderweltenbaum, der mit seinen vielen Ästen, Zweigen und Blättern zum Klettern einlädt. Plötzlich eröffnet sich eine weite, farbenfrohe Welt, in der Fran auch wundersamen Lebewesen begegnet, beispielsweise Frau Seidenhaar, Frau Wasch und Herrn Mondgesicht. Frau Wasch kontrolliert den Zugang zu einem Platz im Himmel, hinter dem sich mehrere wundervolle Welten verbergen; am verführerischsten dabei ist sicher das Land der Süßigkeiten. Doch hier lauern auch Gefahren – in Gestalt der bösen Schuldirektorin Madame Klaps. Zudem droht auch das Projekt des Vaters auf unerklärliche Weise zu scheitern.
„Der Wunderweltenbaum“ beruht auf den gleichnamigen Büchern, die Enid Blyton zwischen 1939 und 1951 schrieb. Der Drehbuchautor, Produzent und Schauspieler Simon Farnaby übertrug den Stoff ins 21. Jahrhundert, ohne Blytons Sinn für Abenteuer, Spiel und Spaß zu vernachlässigen. Das führt zu einem interessanten Gegensatz: Moderne Kommunikation mit Handy, Internet und Playstation ist plötzlich nicht mehr so spannend wie das Leben auf dem Land ohne Strom und WLAN, zumal sich hier ganz andere, ungeahnte Welten eröffnen.
Im Land der Süßigkeiten
Vielleicht ist diese Botschaft ein bisschen schlicht und wertkonservativ. Fraglich ist auch, ob sich die jugendliche Zielgruppe durch dieses einfache Leben inmitten von Pflanzen und Tieren angesprochen fühlt. Doch Simon Farnaby und Regisseur Ben Gregor machen dieses vermeintliche Manko durch eine atemberaubende Bilderwelt voller kräftiger Farben und einer liebevollen, detailreichen Ausstattung wieder wett. Besonders im Land der Süßigkeiten gehen einem die Augen über – kunterbunte Leckereien, zu großen Haufen aufgeschichtet oder von Bäumen hängend. Dieser visuelle Reichtum geht auf unterschiedliche Einflüsse zurück, von „Der Zauberer von Oz“ bis „Alice im Wunderland“, von „Mary Poppins“ bis „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Gleichzeitig haben die Macher skurrile Charaktere mit originellem Kostümdesign geschaffen, von Herrn Mondgesicht bis zum schwerhörigen Pfannenmann, der über und über mit Pfannen und Töpfen bedeckt ist. Oder von Mr. Watzisname bis zu Madame Klaps, gespielt von Rebecca Ferguson mit ungleichmäßig geschnittener, pechschwarzer Hochsteckfrisur, die sie ständig aus dem Gleichgewicht zu bringen droht. Nicht vergessen sollte man auch die drei Alleswisser, deren weiße Bärte bis auf den Boden reichen.
Manchmal muss man an Wunder glauben
Dabei geht es noch um viel mehr: nämlich um den Zusammenhalt der Familie in schwierigen Lebenssituationen. Auch wenn sich die Kinder zunächst noch gegen den unfreiwilligen Umzug aufs Land sträuben, belegt der mehrmals gesungene Familiensong, dass man nur gemeinsam die Probleme bewältigen kann. Mehr noch: Manchmal muss man auch an Wunder glauben, und das passt dann doch sehr zur Erzählfreude dieses Films.