Der größte Elefant der Welt steht im zoologischen Museum der Smithsonian Institution. „Henry“ ist so viel größer als ein gewöhnlicher Afrikanischer Elefant, dass die Wissenschaft vermutet, er sei ein Nachfahre einer eigenen Subspezies. Seine Größe erinnert an die ausgestorbenen Vorfahren, an das Mastodon oder gar das Mammut. Werner Herzogs Dokumentarfilm „Ghost Elephants“ gibt keine physikalischen Maße, um Henrys Größe zu beschreiben. Allein die Bilder bezeugen seine Enormität. Es ist das Programm dieses Films. Die Wissenschaft ist hier nur Begleiterin. Natürlich wird die Exkursion, die Herzog an der Seite des Naturschutzbiologen Steven Boyes unternimmt, auch eine wissenschaftliche sein. Boyes und sein Team werden, den Gerüchten über mögliche lebende Artgenossen Henrys folgend, im schwer zugänglichen Hochland von Angola legendenumrankten „Geisterelefanten“ nachspüren; sie werden dokumentieren, DNA-Proben nehmen und ihre Funde an die Stanford-Universität zur weiteren Forschung übergeben.
Der Reise zugrunde liegt aber etwas anderes. Eben das, was alle Reisen Herzogs begleitet. Boyes ist ein Mensch wie Dieter Dengler („Little Dieter needs to Fly“, 1997), wie Timothy Treadwell („Grizzly Man“, 2005), wie Reinhold Messner („Gasherbrum – Der leuchtende Berg“, 1985), auch wenn sein Unternehmen mehr Traum als Obsession ist. Herzog inszeniert ihn wie all die genannten Protagonisten. Wenn Boyes von den Geisterelefanten erzählt, beobachtet die Kamera, wie seine Augen in die Ferne wandern. „Ghost Elephants“ blickt dorthin, wo der Traum beginnt, wo die Geister umherstreifen, auf deren DNA es die moderne Wissenschaft abgesehen hat. Werner Herzog hat die Welt nie bereist, um sie zu entzaubern. Er sucht die Geister nicht, um ihre Existenz zu beweisen.
Wo der Mythos mit der modernen Menschheit kollidiert
Zu Beginn fragt der Filmemacher den Zoologen, ob es einen Unterschied für ihn mache, ob die Elefanten nun real oder ein Traum wären? Für Boyes ändert es wenig. Vielleicht wäre der Traum der bessere Ort. Als Traum wären die Elefanten immer da, blieben da. Noch einen Moment zögert der Zoologe. Dann fügt er hinzu: „Vielleicht ist das die Zukunft aller Wildtiere.“ Herzog stimmt zu. Nicht mit brutalem Fatalismus, sondern dem Mythos, der die Menschheit immer mit der Fauna verband. Zunächst ist es Melvilles weißer Wal, der Herzog in den Sinn kommt. Vielleicht weniger, weil Boyes, dieser sanftmütige wie bescheidene Mann, als Ahab taugt, als vielmehr, weil die Geisterelefanten des Hochlands von Angola wie der weiße Wal als Symbol für die Natur selbst erscheinen.
Vielmehr aber sind es die Mythen der Völker von Namibia und Angola, in denen Herzog die Bedeutung der Existenz der Geisterelefanten findet. Für Herzog ist das keine romantische Vision. Das Aussterben der Elefanten, der afrikanischen Fauna und nahezu aller Arten, das heute Teil jeder Erzählung über die Natur ist, bleibt als Gegengewicht immer Teil des Films. Wo der Mythos mit der modernen Menschheit kollidiert, lässt Herzog ihn erbarmungslos unter die Räder kommen. Ausschnitte aus dem Mondo-Film „Africa Addio“ (1966) zeigen Wilderer, die aus dem Helikopter hilflose Elefanten jagen und abschlachten. Ernst Reijsegers Musik macht aus dem, was Gualtiero Jacopetti und Franco E. Prosperi mit schwer zu ertragender, barbarischer Bildgewalt inszenierten, eine nicht minder schmerzhafte, scheinbar endlose Elegie, die sich nach der Tötung der Elefanten in einer langen Kamerafahrt entlang der Gebeine toter Tiere fortsetzt. Herzog glaubt an den Mythos, weigert sich aber konsequent, die Vernichtung des Lebens für ihn auszublenden.
Faszination und Zerstörung
Es ist praktisch ausgemachte Sache, dass Werner Herzog auch an diesem Ende der Welt, wo er das sucht, was vielleicht gar nicht existiert, auch immer den unbändigen Zerstörungstrieb der Menschheit findet, der seine ganze Karriere durchzieht. Bereits die Geschichte des einzigen Geisterelefanten „Henry“ verweist darauf, dass die Faszination der Menschheit allein die Fauna nicht retten wird: der größte je gesehene Elefant wurde gejagt, getötet und untersucht, um einem ungarischen Unternehmer seinen Jagdrekord zu sichern.
Dass Herzog selbst mit über 80 Jahren noch immer für das Kino Geistern hinterherjagt, ist so erstaunlich wie dieser Film. „Ghost Elephants“ sieht das Unfassbare durch eine Handy-Kamera und das Profane durch den High-End-Hochglanz des modernen Kameraequipments (Rafael Leyva ist diesmal Herzogs Kameramann). Die Expedition verbringt, bevor sie in das gewaltige Feuchtgebiet von der Größe Englands aufbricht, einige Zeit mit den San, dem ältesten Volk der Menschheit: eine egalitäre Kultur, die archaisch lebt, obschon sie moderne Kleidung trägt und problemlos Mobiltelefone benutzt.
Besser kann es nicht werden
Herzog sucht hier nicht Exotismus, sondern einmal mehr das, was er auch am Ende der Welt immer zu finden vermag: sich selbst. Er sieht sich, wenn er einen San-Vater betrachtet, der den Abend mit seinem Sohn verbringt. Und er sieht dort, wo er in eines der faszinierendsten Gesichter der jüngeren Kinogeschichte, das eines alten San-Manns blickt, etwas, das auch er, gegen besseres Wissen romantisiert: der alte Mann, der den Rest seiner Tage, umgeben von Hühnern, damit verbringt, sein Instrument zu reparieren, lebt das vielleicht beste Leben. Es braucht nur einen Filmemacher wie Werner Herzog, um das zu erkennen.