Welch Meer an Formen und Farben, welch Hort an überraschenden Lebewesen! Hier öffnen die Blätter eines Busches plötzlich ihre Augen, bevor sie davonfliegen; eine Gruppe Rehe hat Fell wie Birkenrinde, aus Kopf und Rücken wachsen belaubte Äste. Die Welt, die der Animationsfilm „Swapped“ eröffnet, wirft gängige Vorstellungen über die Grenzen zwischen Flora und Fauna ästhetisch ein bisschen über den Haufen. Zu schauen und zu staunen gibt es in dem wilden Tal, in dem der Film spielt, mehr als genug.
Doch so paradiesisch-grünbunt alles wirkt: Es ist auch hier nicht alles in bester Harmonie. Zwischen den unterschiedlichen Bewohnern des Tals gibt es jede Menge Reibereien. Verantwortlich für einen dieser Konflikte fühlt sich Ollie, ein junger Pookoo – ein Tier, das aussieht wie eine Mischung aus einem Otter und einem Nager, mit sehr großer Nase und feinem Geruchssinn. Als Baby-Pookoo hat Ollie einst einem jungen Javan-Vogel gezeigt, wie man die Schoten von Piplets öffnet, erbsenartig wachsenden Nüssen. Eine freundliche Tat mit bösen Folgen für seine eigene Spezies, denn seitdem machen sich die Javans über die Piplets her, sodass den Pookoos kaum noch etwas zu essen bleibt.
Ärger im Paradies
Deswegen plagt Ollie nicht nur ein schlechtes Gewissen, auch sein Vater mag ihn kaum noch anschauen, geschweige denn umarmen. Aber gerade, als der dennoch stets umtriebig-neugierige Pookoo eine Methode gefunden hat, seinen Kindheitsfehler auszubügeln und die Javans zu vertreiben, geschieht ihm ein Missgeschick: Durch eine magische Knospe verwandelt er sich im Zug einer turbulenten Rauferei mit der forschen Javan-Dame Ivy selbst in einen der verhassten Vögel. Als Javan versteht Ollie nicht nur auf einmal die Sprache der Gefiederten, sondern auch alle anderen Tiere – bis hin zum Ehekrach eines Mistkäferpaares.
Körpertausch als Mittel der Verständigung: Dieses aus zahlreichen „Body Swap“-Komödien bekannte Motiv, das spätestens seit „Freaky Friday“ auch in Komödien für Kinder und Jugendliche seinen festen Platz hat, verlegt Regisseur Nathan Greno wirkungsvoll ins Tierreich. Der Filmemacher und Drehbuchautor, der zuvor mit Byron Howard für Disney den unterschätzten Animationsfilm „Rapunzel - Neu verföhnt“ umsetzte, nutzt dabei das dramaturgische, humoristische und emotionale Potential des „In der Haut eines anderen stecken“-Themas voll aus.
Denn der planlose Ollie, der seine neu gewonnenen Flügel nicht einzusetzen weiß und damit für reichlich Slapstick-Körperkomik sorgt, wird prompt von Ivy und ihren zwei kleinen Schwestern Violet und Lily gewissermaßen adoptiert – und als Ivy versehentlich auch eine magische Knospe berührt, wird sie wiederum zum Pookoo und muss sich an den neuen, pelzigen, flugunfähigen Körper gewöhnen. Dadurch werden Ollie und Ivy trotz aller Friktionen zwischen ihren Spezies zur Notgemeinschaft: Zusammen mit einem Fisch, der als launiger Sidekick dafür sorgt, dass auch Wasserwesen in „Swapped“ würdig vertreten sind, suchen die beiden nun nach weiteren Knospen, um wieder ihre ursprüngliche Gestalt zurückzuerlangen.
Das Trennende muss überwunden werden
Das Drehbuch unterfüttert die Rivalitäten der Bewohner:innen des Tals durch eine als Mythos erzählte Vorgeschichte, die sich als Mischung zwischen den biblischen Geschichten von der Vertreibung aus dem Paradies und der babylonischen Sprachverwirrung entfaltet. Die Knospen seien noch Spuren der alten Zeit. Und diese Vergangenheit – das sind die Regeln solcher Abenteuergeschichten – schlägt sich auf mehr als eine Weise in der Geschichte von Ollie und Ivy nieder.
„Swapped“ erfindet diese Art von Story im Animationsgenre nicht neu; man kennt sie etwa aus „Drachenzähmen leicht gemacht“ oder „Die Croods“: Die ängstlichen Alten hegen ihre Ressentiments, die Jungen sind neugierig auf die Welt und ziehen ins Unbekannte; im Kontakt mit der Außenwelt werden die Konflikte erst größer, bis dann erst Zusammenarbeit und schließlich gegenseitiges Verständnis einsetzen. Und am Ende ist es eine gemeinsame Bedrohung, die alle wieder zusammenbringt. So weit, so bewährt, so oft schon gesehen.
Eine überzeugende Versöhnungsbotschaft
Seltener hingegen eröffnet ein Animationsfilm eine so überbordende, bunte und wunderschön anzusehende Welt. Ästhetisch ist „Swapped“ zwar nicht so anspruchsvoll wie „Der wilde Roboter“ oder gar „Spider-Man: A New Universe“, aber offenbar mit Begeisterung und Liebe befüllt und deswegen ähnlich anziehend. Vor allem aber entwickelt sich die Geschichte von Ollie und Ivy, von den Pookoos und Javans, nicht nur durch Actionsequenzen und Verfolgungsjagden weiter (von denen es auch einige gibt, Baumwölfen, Wurzelschlangen und Steinbären sei Dank), sondern primär durch emotionale Auseinandersetzung, Konflikte und Gespräche.
Nur so wird die Botschaft von Versöhnung und friedlicher Gemeinschaft, die der Film am Ende mit einer soliden Prise Pathos präsentiert, wirklich überzeugend: Weil sie eben nicht nur aus gemeinsam erlebten Abenteuern erwächst, sondern aus Entschuldigungen, Vergebung und aktivem Aufeinander-Zugehen. Und irgendwo darin versteckt sich womöglich auch ein Aufruf ans Publikum dazu, Fremdsprachen zu lernen: Der „Body Swap“ mag nur im Fantasy-Genre eine Option sein, um sich in andere hineinzuversetzen, aber sich mittels Sprache dem Denkhorizont eines anderen anzunähern, ist eine reale Möglichkeit. Spannend und lustig ist das Ganze dann auch noch – so richtig gut gemachte, nicht nur gemeinte Unterhaltung.