Karl (Rory Culkin) arbeitet als Pfleger in einer Psychiatrie und wird gewissermaßen befördert: Ab sofort muss er sich um die hochgefährlichen und kriminellen Insassen des Hochsicherheitstraktes kümmern. Dazu gehört auch der Serienmörder Jurek Walter (Stephen Graham), der seinen letzten Nachbarn durch seine manipulative Art zum Selbstmord gedrängt hat. Nichts umsonst bekommt Karl die Sicherheitsunterweisung von der Führungsebene, keinesfalls etwas von sich preiszugeben.
Und doch schmuggelt Karl in Walters Auftrag eine Nachricht nach draußen, als er ihm die tägliche Spritze verabreicht. Trotz seiner Inhaftierung beginnt Jurek Walter scheinbar die Fäden von drinnen zu ziehen. Bei der örtlichen Polizei in einer Kleinstadt von Pennsylvania ist er ohnehin bekannt durch seine Mordserie, die auch involvierte Ermittler in Mitleidenschaft gezogen hat. Jonah Lynn (Liev Schreiber) verlor im Zuge des Falls sowohl seine Ehefrau als auch seine Tochter bei einem Unfall. Auch sein Partner, der Vater von FBI-Agentin Saga Bauer (Zazie Beetz), hat dabei sein Leben verloren.
Als ein vermisster Junge wieder auftaucht, den Walter und mögliche Komplizen bewusst wieder freigelassen haben, meldet sich Chief Ellison (Bill Camp) bei Jonah, der aufgrund der Vergangenheit bestens über Walters Vorgehen informiert ist. Der einstige Ermittler lebt mittlerweile auf einem abgelegenen Anwesen; aufgrund der Tragödie hat er sich sowohl von seinem Job als auch der restlichen Zivilisation weitgehend zurückgezogen. In der Stadt wurde er zum Helden, doch sein persönliches Glück konnte er seither nicht mehr finden.
Dass Jonah noch eine persönliche Rechnung mit Jurek Walter offen hat, sieht man auch an seiner Strukturdatenanalyse, die noch immer an seiner Zimmerwand hängt. Da auch die Schwester des Jungens noch immer als vermisst gilt, zögert er deswegen nicht allzu lange, um der Polizei unter Anleitung von Special Agent Alexandra Quinn (Poorna Jagannathan) bei der Suche zu helfen. Dabei stellen sie sich vor allem die Frage, inwieweit Jurek Walter noch als Verdächtiger infrage kommt, da zwar Hinweise für dessen Beteiligung sprächen, er aber schon jahrelang in Haft verweilt.
Spurensuche und Altlasten
Zunächst ist die auf den Romanen „Lazarus“ und „Der Sandmann“ vom schwedischen Literaten-Ehepaar Alexander Ahndoril und Alexandra Coelho Ahndoril (veröffentlicht unter dem Pseudonym Lars Kepler) basierende Serie damit beschäftigt, die aufgenommene Spurensuche mit den vergangenen Altlasten und offenen Rechnungen zu verbinden. Unterstützt wird Jonah von dem Polizisten Nathan (Gary Carr), um mögliche Ursprungsorte des Jungens zu lokalisieren. Zeitgleich möchte sich Saga, Jonahs Paten- und Ziehtochter, als verdeckte Ermittlerin in den Maßregelvollzug schleusen, um als angebliche Patientin an wichtige Informationen zu gelangen. Jonah und Saga verbindet damit nicht nur ihr Einsatz für Gerechtigkeit, sondern auch der persönliche Bezug zum Fall Jurek, den sie bei den Konfrontationen nie ganz ausblenden können.
Dabei wird mit fragmentierten Rückblenden auf die damaligen Taten und Ermittlungen verwiesen. Man sieht, wie Jonah und Jurek sich bei einer Befragung gegenüber sitzen und stetig mit ihren Blicken Machtkämpfe austragen. An Informationen zu gelangen bedeutet für Jonah vor allem, in ein Duell mit einem Widersacher zu treten, der für seine persönliche Tragödie mitverantwortlich ist. Neben seinen Manipulationen schafft es Jurek vor allem, seine Mitmenschen zu provozieren, bis sie die Fassung verlieren. Ob er der „Sandmann“ ist, von dem der Junge stets wirr faselt, und mit welchen Verbindungen noch kokettiert wird, lüftet die Serie sukzessive.
Verbrauchte Ermittler in kühlen Kleinstädten
Mordserien, vermisste Personen und verbrauchte Ermittler in kühlen Kleinstädten sind auch im Serienformat keine Seltenheit. In „Nocturne“ hängen die Protagonisten aus persönlichen Gründen an dem Fall, und dennoch wird selten klar, worauf ihr Fokus liegt. Legen sie alles daran, das vermisste Mädchen zu finden, oder schöpfen sie aus ihrer involvierten Haltung heraus eine zwiespältige Leidenschaft?
Die Wechsel aus den Ermittlungen draußen und der Spionage in der psychiatrischen Klinik sorgen zwar für Abwechslung, offenbaren aber wenig Einfallsreichstum in einem ohnehin abgegriffenen Genre. Stets tauchen Ungereimtheiten auf, mögliche Komplizen und Verbindungen werden ins Visier genommen, Nachforschungen, Sackgassen, wichtige Erkenntnisse und entsprechende Zuspitzungen entstehen. Ob man die mühsam aufgebauten Überraschungen nun für gelungen oder lächerlich hält, darf man für sich selbst entscheiden.
Dass das erwünschte Unbehangen in weiten Teilen dennoch funktioniert, liegt vor allem an der Darbietung von Stephen Graham, der nicht nur die diabolisch-manipulative Jurek Walters Seite zwischen Genie und Wahnsinn atemberaubend ausspielt, sondern im Laufe der Geschichte auch weitere Fassetten präsentieren kann. Man kann durchaus nachvollziehen, warum Pfleger Karl in seinen Bann gerät und fast eine Hybristophilie durch den intensiven Kontakt mit dem Serienmörder zu entwickeln zu scheint. Während Jonah von Walters unberechenbarem Verhalten gelernt hat und ihm nur noch pragmatisch begegnet, begibt sich Saga nicht nur räumlich auf dessen Ebene.
Dass Jureks Pläne auch von einer spärlich eingerichteten Hochsicherheitszelle aus aufgehen, liegt nicht nur an dessen geistreichem Kalkül, sondern auch an der miserablen Überwachung der Beamten. Während bei Saga jeder Schritt dokumentiert und jedes Handzeichen interpretiert werden kann, scheint Jurek trotz Videoüberwachung unkontrollierbar.
Traumata kommen an die Oberfläche
Begleitet werden sowohl Ermittler als auch die (mutmaßlichen) Täter von langen Kamerafahrten und bierernsten Dialogen. Dabei schafft „Nocturne“ durchaus eine unterkühlte Atmosphäre, in der sich eher ein dramatisch konstruierter Mikrokosmos als ein konkreter Ort in Pennsylvania entfaltet, in dem eben zufällig eine Mordserie stattgefunden hat. Traumata kommen dort wieder an die Oberfläche, ob sich der Fall auflösen wird oder nicht.