Spider-Man: A New Universe

Animationsfilm | USA 2018 | 117 Minuten

Regie: Bob Persichetti

Ein afroamerikanischer Teenager tritt in die Fußspuren von Spider-Man und bekommt es mit einem Superschurken zu tun, der mit einer Maschine unter New York in andere Dimensionen durchbrechen will. Unterwartete Hilfe im Kampf gegen die Gefährdung der Stadt erhält der Heranwachsende durch teilweise recht skurrile Spider-Man-Varianten, die es aus anderen Welten in seine Realität verschlägt. Der Superhelden-Animationsfilm nach Marvel-Comic-Motiven spielt formal brillant mit der Comic-Ästhetik und nutzt das Thema des Spider-Man-Multiversums für visuelle Feuerwerke. Zugleich bricht er mit der Vielzahl der Spider-Man-Varianten eine Lanze für die Vielfalt von Heldenbildern. - Sehenswert ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Bob Persichetti · Peter Ramsey · Rodney Rothman
Buch
Phil Lord · Rodney Rothman
Musik
Daniel Pemberton
Länge
117 Minuten
Kinostart
13.12.2018
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 10.
Genre
Animationsfilm | Comicverfilmung
Diskussion

Superhelden-Animationsfilm nach Marvel-Comic-Motiven, in denen es ein afroamerikanischer Teenager mit einem ganzen „Spider-Multiversum“ zu tun bekommt, als total unterschiedliche Spider-Varianten aus anderen Comic-Dimensionen in seine Wirklichkeit drängen.

Die meisten kennen die Geschichte von Peter Parker bis zum Überdruss; „Spider-Man: A New Universe“ spielt damit gleich zu Beginn ganz offensiv. Die „freundliche Spinne aus der Nachbarschaft“ ist der abgenutzteste der Marvel-Helden, die seit dem Boom des Superhelden-Genres in den 2000er-Jahren die Kinoleinwand bevölkern. Nach Sam Raimis „Spider Man“-Trilogie mit Tobey Maguire ließ Sony Pictures, das die Filmrechte an der Figur hält, zwei „The Amazing Spider-Man“-Teile mit Andrew Garfield folgen und kollaboriert seit 2016 mit Disney, damit der Held auch in dessen Marvel Cinematic Universe, verkörpert von Tom Holland, Dienst tun kann.

Doch damit nicht genug. Sony stellt den Realfilm-Superhelden-Filmen jetzt auch noch den Animationsfilm „Spider-Man: A New Universe“ zur Seite. Und promt gelingt es schon in der Eröffnungssequenz, jedwede Bedenken hinsichtlich der Ausgelutschtheit des Stoffes zu zerstreuen. Was die Produzenten Phil Lord und Christopher Miller sowie die Regisseure Bob Persichetti, Peter Ramsey und Rodney Rothman hier anstellen, wirkt so, als wollten sie den Begriff „Comicverfilmung“ auf ein neues Level heben und sich gleichzeitig aus dem gängigen Hollywood-Animationsfilm-Look, wie er sich seit „Toy Story“ und Shrek durchgesetzt hat, freistrampeln.

Ästhetisch stimmige Verneigung vor der Hip-Hop-Subkultur

Auf 3D wird dabei aus gutem Grund verzichtet; stattdessen spielt die Inszenierung mit Texturen, die an die Pop-Art-Gemälde eines Roy Lichtenstein erinnern; Panels und Text-Inserts kommen zum Einsatz, ein irrwitziger Trip durch verschiedene Stilrichtungen der Marvel-Comics wird integriert und visuell wie akustisch mit Verbeugungen vor der Hip-Hop-Subkultur amalgamiert, ohne dass der Film dadurch an ästhetischer Stimmigkeit verlieren würde. So viel formale Freiheit bis hin zum Flirt mit der Abstraktion hat man in einem Mainstream-Animationsfilm selten gesehen.

Die Liebe zum Comic-Universum, die aus dieser Gestaltung spricht, befeuert zudem eine Story, die es schafft, dem Mythos Spider-Man treu zu bleiben und ihm zugleich neue Seiten abzugewinnen. Das Herzstück, die Coming-of-Age-Story eines Teenagers, der sich an einen veränderten Körper und neue Kräfte gewöhnen muss, gibt einmal mehr die solide Basis ab; auf dieser haben die Drehbuchautoren Phil Lord und Rodney Rothman ein frisches Erzählgerüst errichtet, das sich genüsslich an bisher unverfilmten und teilweise ziemlich obskuren Verästelungen des Comic-„Spiderverse“ aus den letzten zehn Jahren bedient. Und das nicht nur auf vergnüglich-komödiantische, sondern auch noch auf sinnstiftende Weise, geht es dabei doch darum, eine Lanze für die „Diversity“ zu brechen.

Denn Peter Parker entpuppt sich nach dem Prolog des Films tatsächlich als Nebenfigur. Im Zentrum steht der afroamerikanische Junge Miles Morales aus Brooklyn, der eigentlich vollauf mit normalen Teenie-Problemen wie dem Sich-Eingewöhnen an einer neuen Schule oder dem Erwartungsdruck seines Vaters ausgelastet ist, als er Bekanntschaft mit den Beißwerkzeugen einer radioaktiven Spinne macht – mit den bekannten Folgen. Just zu dieser Zeit räumt der Superschurke Kingpin den erwachsenen Peter Parker/Spider-Man aus dem Weg und arbeitet mit einem gigantischen Apparat unter New York auf eine Öffnung in andere Dimensionen hin, die zur Vernichtung der Stadt führen könnten.

Noir-Spider-Man, Peni Parker und Spider-Ham

Miles sieht sich trotz seiner Unerfahrenheit verpflichtet, in Spider-Mans Fußstapfen zu treten und sich Kingpin entgegenzustellen. Dabei findet er unerwartete Schützenhilfe. Durch Kingpins Experimente gelangt eine bunte Truppe an Spider-Varianten aus anderen (Comic-)Welten in seine Realität. Da ist ein Peter Parker, der dem heroischen Verstorbenen zwar ähnlich sieht, aber um einiges abgehalfterter und desillusionierter ist und sich nur mit Mühe motivieren lässt, den Posten als Miles’ Mentor zu übernehmen. Da sind die coole Gwen Stacy alias Spider-Woman, wunderliche Gestalten wie der Noir-Spider-Man in Trenchcoat und Schwarz-weiß, das Cartoon-Schweinchen Spider-Ham beziehungsweise Peter Porker sowie die kleine Peni Parker, die aussieht wie ein Schulmädchen aus einem Anime, als Dreieinigkeit zusammen mit der obligatorischen radioaktiven Spinne und einem Roboter-Anzug allerdings sehr schlagkräftig ist.

Der Film nutzt seine Multiversum-Thematik, um nach „Black Panther“ einmal mehr zu bekräftigen, dass Superheldentum längst keine Frage von Rasse oder Geschlecht mehr ist, und auch dazu, ein Helden-Sextett zusammenzustellen, das so viel komödiantisches Potenzial wie die „Guardians of the Galaxy“ besitzt. Zugleich liefert das Spiel mit den Dimensionen eine Steilvorlage, um im Finale einen Showdown zwischen den Welten zu inszenieren, der ein wahres Feuerwerk an visuellen Reizen abbrennt und sich anscheinend vorgenommen hat, die transdimensionalen Trips aus „Doctor Strange noch zu toppen. Womit es den Machern tatsächlich gelingt, das nahezu Unmögliche zu schaffen: Lust auf noch mehr von Spider-Man zu machen. Eine Fortsetzung und ein Spin-off sollen schon in Arbeit sein.

Kommentar verfassen

Kommentieren