Der Taschendieb

Jugendfilm | Niederlande 1995 | 97 Minuten

Regie: Maria Peters

Ein zwölfjähriger Junge wird von zwei stärkeren Jungen dazu gezwungen, alten Frauen die Handtasche zu stehlen und die Beute abzuliefern. Der Junge sieht sich den beiden hilflos ausgeliefert, zumal seine Eltern ihm nur mit Strenge und Ignoranz begegnen. Aber auch seine Peiniger sind massivem familiärem Druck ausgesetzt. Mit deutlichen und mitunter drastischen Bildern zeigt der Film einen Mechanismus der Weitergabe von Gewalt an Schwächere. Ohne dieses System als lösbar darzustellen, wird dennoch die Kommunikation als Notwendigkeit für das Zusammenleben ersichtlich. - Ab 14 möglich.
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Filmdaten

Originaltitel
DE TASJESDIEF
Produktionsland
Niederlande
Produktionsjahr
1995
Produktionsfirma
Shooting Star/Tros Television/Film Fund Nederlande/CoBo Fund und Stimulation Fund
Regie
Maria Peters
Buch
Maria Peters
Kamera
Hein Groot
Musik
Ad van Dijk
Schnitt
Ot Louw
Darsteller
Olivier Tuinier (Alex) · Aus Greidanus jr. (Lucas) · Micha Hulshof (Evert) · Ingeborg Uyt Den Boogard (Roos) · Myranda Jongeling (Alex' Mutter)
Länge
97 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14 möglich.
Genre
Jugendfilm
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Diskussion
Der zwölfjährige Alex ist nicht gerade groß gewachsen, aber durchaus kein Feigling. Trotzdem kann er nicht verhindern, daß er von einem ehemaligen Klassenkameraden und dessen größeren Bruder in die Mangel genommen wird: sie zwingen ihn, alten Frauen die Handtasche zu stehlen und die Beute anschließend bei ihnen abzuliefern. Und sie drohen mit Gewalt, gegen ihn und auch gegen seine Großmutter, die sie am Anfang bereits bestohlen haben und zu der Alex eine besonders enge Beziehung hat. Nicht nur aus Angst geht er nicht zur Polizei, womit er dem Vorbild der Oma folgt, die Aufsehen vermeiden will. Auch erwecken seine Eltern nicht den Eindruck, als könne Alex ihnen vertrauen. Die Mutter hat eigentlich nur ihre Diät im Kopf und hält Alex für ein kleines, dummes Kind - genauso, wie sie die Oma, ihre Mutter, für eine dumme, alte Frau hält; der Vater ist Vertreter für Damenstrümpfe, kaum zu Hause und ohne großen Bezug zu seinem Kind. Der familiäre Hintergrund der Hauptfiguren gewinnt zunehmend an Bedeutung: Maria Peters konterkariert ihn in ihrem nach einem Jugendbuch entstandenen Film an Hand einzelner Schlaglichter immer wieder mit der eigentlichen Spielhandlung.

Auch die Gewaltbereitschaft der beiden jungen Erpresser wird daher nicht auf einen von Natur aus schlechten Charakter reduziert, sondern aus ihrer Herkunft erklärt. Der Vater hat die Familie sitzenlassen; der Stiefvater ist ein Despot, der die Kinder schlägt und mit dem Messer bedroht und sich nur für seine drei riesigen Hunde interessiert, während die Mutter all dem völlig passiv zuschaut. Zwar geht der Film nicht so weit, die Taten der beiden Jungen zu entschuldigen, denn dafür sind sie zu skrupellos. Aber er faßt sie in ein komplexes System, einen Mechanismus der Weitergabe von Druck und Gewalt, der schon im Beruf der Väter seinen Anfang nimmt, seine Fortsetzung im den Boß Markieren des großen vor dem kleinen Bruder findet und sein Ende bei winzigen Tieren.

Alex, beeindruckend gespielt von dem jungen Olivier Tuinier, ist kein Held, der sich in Kevin-Manier gegen das Böse durchsetzt; erst zuletzt und etwas unvermittelt macht er sich einen Spaß aus süßer Rache. Vielmehr leugnet der Film die Verletzlichkeit und Verwirrung des zwölfjährigen Jungen nicht, zu der noch die zunehmende Isolation auf Grund des Unverständnisses auf Seiten der Erwachsenen kommt. Maria Peters findet einige durchaus drastische Bilder, die sehr direkt den psychologischen und körperlichen Druck zeigen, der auf Alex und auch auf seinen Peinigern lastet. Humor kommt da praktisch nicht auf, ja kaum einmal ein Moment der Entspannung; und selbst wenn am Ende ein Problem gelöst sein mag, als die Sache endlich ans Licht kommt, bleibt das System gnadenloser Machtausübung bestehen. Daran läßt der Film keinen Zweifel.
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