Auf der Suche nach einer Schaukel

Mittwoch, 20.06.2018

Ein Interview mit dem Dokumentaristen Stanislaw Mucha zu „Kolyma“

Diskussion

R504 Kolyma heißt die nach dem gleichnamigen Fluss benannte Fernstraße, die quer durch Ostsibirien von der Stadt Jakutsk zu der Hafenstadt Magadan an den Pazifik führt. Sie ist auch als Straße der Knochen bekannt, weil sie von den Sträflingen des Gulag erbaut wurde. Der Dokumentarfilmer Stanislaw Mucha erzählt in seinem Film „Kolyma“ von den Menschen, die heute dort leben. Ein Gespräch über das Filmemachen in Grenzsituationen.


Wie ist Ihre Arbeitsweise, wenn Sie an einen Drehort wie die Hafenstadt Magadan kommen, in der „Kolyma“ beginnt? Wie gehen Sie vor? Wie treten Sie an die Menschen heran?

Stanislaw Mucha: Es macht einen großen Unterschied, ob ich zur Recherche oder zu den Dreharbeiten dorthin komme. Bei der Recherche ist man unsichtbarer als beim Dreh. Grundsätzlich verschaffe ich mir einen Überblick. Wo bin ich überhaupt? In Magadan sind wir zwei Tage nur gelaufen, sechs Stunden lang. Mehr Tageslicht gab es nicht. Es war im Winter. Dann fange ich langsam an, mit den Leuten zu sprechen. Die wollen wissen, was ich in ihrer Stadt will, wo ich herkomme. Das verdichtet sich immer mehr, fast wie von selbst. Es gibt dabei ein Stadium der Erkundung, das bei fast jeder Recherche eintritt: Irgendwann wird man wie ein Ball von einem zum anderen weitergereicht. Außerdem fotografiere ich sehr viel und kümmere mich um Drehgenehmigungen. In Magadan etwa am Hafen. Was aus all dem filmisch irgendwann folgt, ist zu diesem Zeitpunkt noch tief verborgen. Irgendwann kamen die Fahrer dazu, und dann sind wir losgefahren.


Über die Kolyma, die Straße der Knochen.

Mucha: Genau. Dabei bin ich mit den Fahrern ins Gespräch gekommen. Die wussten, dass ich die 2000 Kilometer lange Straße bis zum Ende fahren will. Das schafft man eigentlich in einer Woche. Ich wollte aber einen Monat unterwegs sein. Es war schwierig, das den Fahrern klarzumachen. Erst während der Dreharbeiten haben sie verstanden, warum ich das so mache. Da hat die Fahrt noch viel länger gedauert. Man hetzt nicht. Gegenüber den Menschen verhalte ich mich sehr freundlich und wohlwollend, würde ich sagen. Bei allen, auch bei schwierigen Menschen, im Fall von „Kolyma“ auch bei Verbrechern. Ich versuche herauszufinden, welchen Schlüssel ich bei den Menschen finden muss, damit wir vor der Kamera Partner werden. Notizen mache ich während des Gesprächs nicht, sondern erst später im Hotel.


Wie vie

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