Auf der Suche nach einer Schaukel

Ein Interview mit dem Dokumentaristen Stanislaw Mucha zu „Kolyma“

Diskussion

R504 Kolyma heißt die nach dem gleichnamigen Fluss benannte Fernstraße, die quer durch Ostsibirien von der Stadt Jakutsk zu der Hafenstadt Magadan an den Pazifik führt. Sie ist auch als Straße der Knochen bekannt, weil sie von den Sträflingen des Gulag erbaut wurde. Der Dokumentarfilmer Stanislaw Mucha erzählt in seinem Film „Kolyma“ von den Menschen, die heute dort leben. Ein Gespräch über das Filmemachen in Grenzsituationen.


Wie ist Ihre Arbeitsweise, wenn Sie an einen Drehort wie die Hafenstadt Magadan kommen, in der „Kolyma“ beginnt? Wie gehen Sie vor? Wie treten Sie an die Menschen heran?

Stanislaw Mucha: Es macht einen großen Unterschied, ob ich zur Recherche oder zu den Dreharbeiten dorthin komme. Bei der Recherche ist man unsichtbarer als beim Dreh. Grundsätzlich verschaffe ich mir einen Überblick. Wo bin ich überhaupt? In Magadan sind wir zwei Tage nur gelaufen, sechs Stunden lang. Mehr Tageslicht gab es nicht. Es war im Winter. Dann fange ich langsam an, mit den Leuten zu sprechen. Die wollen wissen, was ich in ihrer Stadt will, wo ich herkomme. Das verdichtet sich immer mehr, fast wie von selbst. Es gibt dabei ein Stadium der Erkundung, das bei fast jeder Recherche eintritt: Irgendwann wird man wie ein Ball von einem zum anderen weitergereicht. Außerdem fotografiere ich sehr viel und kümmere mich um Drehgenehmigungen. In Magadan etwa am Hafen. Was aus all dem filmisch irgendwann folgt, ist zu diesem Zeitpunkt noch tief verborgen. Irgendwann kamen die Fahrer dazu, und dann sind wir losgefahren.


Über die Kolyma, die Straße der Knochen.

Mucha: Genau. Dabei bin ich mit den Fahrern ins Gespräch gekommen. Die wussten, dass ich die 2000 Kilometer lange Straße bis zum Ende fahren will. Das schafft man eigentlich in einer Woche. Ich wollte aber einen Monat unterwegs sein. Es war schwierig, das den Fahrern klarzumachen. Erst während der Dreharbeiten haben sie verstanden, warum ich das so mache. Da hat die Fahrt noch viel länger gedauert. Man hetzt nicht. Gegenüber den Menschen verhalte ich mich sehr freundlich und wohlwollend, würde ich sagen. Bei allen, auch bei schwierigen Menschen, im Fall von „Kolyma“ auch bei Verbrechern. Ich versuche herauszufinden, welchen Schlüssel ich bei den Menschen finden muss, damit wir vor der Kamera Partner werden. Notizen mache ich während des Gesprächs nicht, sondern erst später im Hotel.


Wie viel Zeit verging, bis Sie zu drehen begonnen haben?

Mucha: Ich habe zwei Monate lang die Ergebnisse ausgewertet. Einen Monat habe ich für das Drehbuch gebraucht. Dann haben wir uns um die Finanzierung gekümmert. Für einen Dokumentarfilm dieser Größe ging das relativ schnell. Acht Monate später waren wir zurück. Quasi im nächsten Winter.



Konnten Sie und Ihr Team gut an den ersten Aufenthalt und ihre Pläne anschließen?

Mucha: Nein, es war schrecklich. Viele meiner Protagonisten waren gestorben. Nur etwa zwei Drittel der Protagonisten, die im Drehbuch stehen, kommen im Film vor. Es gab einen ganz harten Winter, der schon im September einsetzte. Viele Menschen wohnen dort ohne oder nur mit einer kaputten Heizung. Wegen des Permafrostes stehen die Häuser überdies alle auf Betonbeinen. Unter den Toten war auch die Tochter eines besonders bestialischen Henkers aus den Gulag-Zeiten. Die hat dort eine fabelhafte Kindheit verbracht. Mit Gouvernante. Wie in einem Märchen. Sie spielte Akkordeon und wurde während der Sowjetzeiten sogar Landesmeisterin mit diesem Instrument. Sie reiste durchs Land. Irgendwann änderte sie ihren Namen. Als die Sowjetunion zerfiel, ging sie zurück. Das fand ich faszinierend. Zwei Wochen vor unserer Ankunft war sie gestorben. Also haben wir Ersatz gesucht und unter anderem den Mann mit dem Messer gefunden.


Waren Sie gegenüber dem Mann mit dem Messer auch wohlwollend? Was ging da in Ihnen vor?

Mucha: Ich fand, dass Huzul Nikolai – so heißt er – unglaublich offen uns gegenüber war. Die Situation mit ihm ist nur in einem Moment eskaliert. Anderthalb Stunden haben wir mit ihm gedreht. Er war wie ein Vulkan der Offenheit. Seine Küche war der einzige beheizte Raum. Es war sehr heiß. Ich sah, dass der Kopf meines Kameramanns Enno Endlicher immer röter wurde. Irgendwann sagte er zu mir, dass ich die Kamera nehmen sollte. Er ging in die Knie, ich an die Kamera. Auf dem Küchentisch stand eine Zuckerdose. Endlicher stürzte sich darauf und schaufelte den Zucker nur so in sich hinein. Ohne zu fragen. Er war ja unterzuckert. Zucker ist aber etwas sehr Wertvolles dort. Huzul stand da mit seinem Messer, er unterbrach das Interview. Ich habe versucht, ihn abzulenken, damit er sich nicht auf meinen Kameramann stürzt. Zum Glück hat das funktioniert. Später haben wir ihm zwei Säcke Zucker aus Deutschland mitgebracht.


Was muss ein Dokumentarfilmer können, damit die Menschen sich so öffnen wie bei Ihnen?

Mucha: Glück und Zufall zählen zum Existenzminimum eines Dokumentarfilmers. Es gibt Menschen, die sind sofort bereit, mitzumachen; bei anderen dauert es. Das war bei dem politischen Gefangenen so. Er wird heute noch verfolgt. Im Winter habe ich ihn nicht vor die Kamera bekommen. Der Geheimdienst, der uns in Magadan andauernd auf die Pelle rückte, hatte ihn irgendwo versteckt. Es hieß, dass er in China im Urlaub sein. Später wollte er nicht darüber reden, wo er gewesen ist.


Wenn Sie einen Spielfilm entlang der R504 machen würden: Welche Charaktere aus „Kolyma“ würden Sie nicht erfinden, weil sie zu skurril, zu absurd oder zu unglaubwürdig wären?

Mucha: Die größten Schwierigkeiten hätte ich mit dem Erfinder, der seinen Vater an Starkstrom anschließt. Das war nicht ohne. Auch für uns. Er hat uns instruiert, worauf wir aufpassen sollen. Vor allem für die Kamera war das gefährlich. Wir wollten ja nahe dran sein. Wenn der Funke übergesprungen wäre, dann wären wir erledigt gewesen. Bereits während der Recherche hatte ich den Eindruck gewonnen, dass Ostsibirien eine Heimat für skurrile Typen ist. Die Wirklichkeit springt dort quasi aus den Scharnieren. Wie ein Wilder Osten. Die Spielfilmgattung: der Eastern. Daran habe ich gedacht. Es gab eine Figur, die für einen Spielfilm wie geschaffen wäre: der Architekt der Straße. Er heißt Eduard Bersin, ein lettischer Kommunist, der mit seiner Frau an der Kunstakademie in Berlin Malerei studiert hat. Es gibt Tagebücher seiner Frau. Stalin hatte ihn nach Kolyma geschickt, damit er sich um die Trasse kümmert. Er war der erste Direktor des „Dalstoi“, das Gulag-Lagerkomplexes. Er hat dort immer Schubert gehört. Ganz schön absurd: Millionen Gefangene, und er hört Schubert, Grieg, Tschaikowski. Fährt nach Berlin und Paris, um Urlaub zu machen. Ist mit dem Rolls-Royce zu den Gefangenen gefahren. Eigentlich war auch er ein Verbrecher, ein Mörder. Wegen des Verdachts der Spionage wurde er später verhaftet und im Jahr 1938 im Zuge der „Großen Säuberung“ erschossen. Gorbatschow hat ihn rehabilitiert, als den Mann, dem sie diese Straße verdanken. Mitten in der Stadt Magadan hat man ihm ein Denkmal gebaut. Das steht bis heute da.



Welche Rolle spielt für Sie das filmische, vielleicht auch das spielfilmhafte Erzählen und das Fiktionale?

Mucha: Ich versuche immer eine Geschichte zu erzählen. Aber wie nähert man sich einem solchen Stoff filmisch? Während der Vorbereitung hat sich gezeigt, dass von Kolyma und den Umständen ihrer Entstehung noch kaum jemand gehört hat. Wir leisteten also Pionierarbeit. Das Schwierigste war, die Sprache des Films zu finden, seine Narration. Grundsätzlich gilt: Je schwieriger der Stoff, desto nötiger ist es, eine Leichtigkeit zu finden. Ich glaube, das habe ich von Charlie Chaplin. Was für ein Drama, was für ein Trauma sich etwa in „The Kid“ abspielt, aber wie leicht das erzählt wird. Das fasziniert mich. Bei „Kolyma“ gab es sehr unterschiedliche Meinungen, ob man bei einem solchen Stoff lachen darf. Tatsache war, dass uns nach zwei Wochen Recherche dort noch niemand angelächelt hatte. Und wir aber auch niemanden. Man fühlt sich nicht so frei dort. Das könnte mit den magnetischen Feldern zu tun haben.


Die wirken sich auf die Stimmung aus?

Mucha: Ja, aber auch, dass die Farben fehlen, das Monochrome. Das wirkt stark auf die Psyche, vor allem im Winter. Wir hatten während der Dreharbeiten Glück, dass es auch ein paar sonnige Tage gab.


In Jakutsk fragen Sie einen jungen Schamanen, was man seiner Meinung nach denken sollte, wenn man auf der „Straße der Knochen“ fährt. Er antwortete mit einer Gegenfrage, wie Sie sich gefühlt haben. Er drehte die Interviewsituation um. Ist es Ihnen als Dokumentarfilmer wichtig, so etwas zuzulassen?

Mucha: Ja. Das liegt daran, dass ich fast obsessiv zwischen einem Gespräch und einem Interview unterscheide. Ich strebe immer ein Gespräch vor der Kamera an. Diejenigen, mit denen ich spreche, sollen das Gefühl bekommen, dass ich mich nicht hinter der Kamera verstecke oder nur Fragen stelle. Ich sage auch meine Meinung. Der Schamane verfügte über ein unglaublich großes psychologisches Wissen. Wir hatten auch Schamanen und Schamaninnen kennengelernt, die sich eher an der Grenze zur Hochstapelei bewegten. Dieser Schamane aber war ganz normal. Die Schamanen spielen in Sibirien eine große Rolle. Sie übernehmen oft die Rolle der Ärzte. Das Gesundheitssystem funktioniert nicht. Die Menschen gehen nicht mehr zu Ärzten, weil sie zu teuer sind. Die Schamanen haben keine feste Preise. Man gibt Ihnen, was man für richtig hält. Unser Schamane hatte auch Erfahrung mit Menschen, die beim Goldschürfen und Lkw-Fahren wahnsinnig werden. Die Lkw-Fahrer dürfen per Vertrag nicht anhalten, damit sie nicht überfallen werden. Sie transportieren ja oft Gold oder Diamanten. Deshalb stehen sie so unter Strom, bis ihre Psyche nicht mehr mitmacht. Sie suchen einen Schamanen auf, wenn sie vor Erschöpfung und wegen des Drucks, unter dem sie stehen, in Angstzustände verfallen, so als ob sie Menschen überfahren hätten. Unser Schamane macht im Gespräch etwas Wunderbares. Er spielt den Ball zurück. Er dämpft auch unsere Überheblichkeit, den Russen sagen zu wollen, wie sie sich zu benehmen hätten.



Sie folgen in „Kolyma“ den Spuren Ihres Großvaters, der 1952 verhaftet wurde, weil er angeblich spioniert hatte. Sie erzählen, dass er eine Holzschaukel für das Kind eines Lagerkommandanten bauen musste. Im Film ist eine Schaukel zu sehen, und es wird ein Text eingeblendet, dass sie von Häftlingen gebaut wurde. Ist das die Schaukel Ihres Großvaters?

Mucha: Ich wollte die Schaukel natürlich finden. Ob es die im Film ist, weiß ich nicht. Aber die Schaukel ist die Seele des Films. Ich war entschlossen, eine Schaukel zu bauen, wenn ich sie nicht finden würde. Ich wollte eine Schaukel haben. Wir hatten anfangs etwas anderes, das wie eine Schaukel aussieht. Aber es war ein Galgen. In Literaturmuseum in Berlin gibt es ein Foto von einem polnischen Fotografen, das eine Schaukel bezeugt. Ich habe ihn kontaktiert. Er konnte mir aber nicht sagen, wo er das Foto aufgenommen hatte. Er konnte sich nicht erinnern. Da war mir klar, dass ich den Film jetzt drehen muss, dass ich dorthin muss. Nach den Dreharbeiten im Winter luden wir unsere Bodyguards, die von Beruf Jäger waren, und alle Helferinnen und Helfer zu einem Essen ein. Einige von ihnen waren Nachkommen von Tätern, andere Nachkommen der Opfer. Beste Freunde, die nie darüber geredet haben. Auch vor der Kamera wollten sie nicht; das war ihnen zu viel. Doch bei dem Essen zieht einer sein Handy hervor und zeigt uns ein Foto. Darauf war die Schaukel zu sehen. Deshalb sind wir im Sommer dahin zurückgefahren. Mir wurde richtig warm ums Herz. Wenn man sich vorstellt, was das Kind beim Schaukeln alles gesehen hat. Das ist fast eine neue Filmidee. Ich weiß mittlerweile, wie der Lagerkommandant und seine Familie hießen. Man könnte sich jetzt auf die Suche nach dem Kind machen.


Fotos: W-film

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