Hans Jürgen Syberberg

Montag, 23.07.2018

Ein Porträt des deutschen Regisseurs und Künstlers

Diskussion

1. Die Filmografie

Mit „Scarabea“ trat Hans Jürgen Syberberg 1969 in den Kreis der Nachwuchsfilmer des Neuen Deutschen Films ein. Die Parabel von Tolstoi, „Wieviel Erde braucht der Mensch?“ wird von Syberberg in ein mythenstarkes sardinisches Bergland verlegt: Ein deutscher Tourist wettet mit Einheimischen um das Land, das er im Laufe eines Tages erwandern kann. Der Marsch wird zur mörderischen „Bildungsreise“ durch alle Höhen und Tiefen der Existenz; bei Sonnenuntergang braucht der Mann gerade so viel Erde, um darin begraben zu werden: Der Bocksgesang (altgriechisch: „trag’oidos“, Tragödie) verlangt nach Opferblut. Diese Verschiebung der Geschichte vom landgierigen russischen Mushik bei Tolstoi offenbart schon den ganzen Syberberg.

Es folgt im selben Jahr die Dokumentation „Sex-Business – Made in Pasing“ über den durchaus erfolgreichen Filmproduzenten und -Verleiher Alois Brummer und seinen bayerischen Softporno-Blödsinn. Der inquisitorische Ernst Syberbergs lässt aber auch die Abscheu des deutschen Bildungsbürgers vor „Schmuddelkram“ erkennen. 1970 drehte der Regisseur dann „San Domingo, angeblich nach der Kleist-Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“, aber nur wegen der Fördergelder: Ein jugendlicher Ausreißer aus gutem Hause gerät in eine Münchner Rockerkommune, wird ausgenutzt und rächt sich durch Mord und Selbstmord. Der Film ist halbdokumentarisch mit Rockern, Hippies, Amon Düül besetzt und in oberbayerischen Straßen und Orten entstanden. Syberberg versuchte sich hier zeitgeistig und lockte sogar ein paar linksradikale Kommilitonen von der Uni vor die Kamera. Das gibt später einen Riesenknatsch; O-Ton Karl Held (der einer der Wortführer der Marxistischen Gruppe an der Münchner Universität war): „Wer es noch einmal wagt, sich von so einem Spinner vor den Karren spannen zu lassen, braucht sich nie wieder blicken lassen.“ Der totale Bruch der linken Studenten mit den Münchner Jungfilmern geht auf Syberberg zurück.

Im selben Jahr veröffentlichte Syberberg sein Material, das er noch vor der Flucht aus der DDR (1953) von Brecht-Inszenierungen gemacht hatte. Brecht mochte so etwas eigentlich nicht, aber ein Pennäler mit S8-Kamera war wohl irgendwie durchgerutscht. Nach seinem Studium der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in München hatte Syberberg 1965/66 zwei Dokumentationen gemacht: Über Probearbeiten von Fritz Kortner, den Altmeister des Expressionismus, und Gespräche mit Romy Schneider. Syberberg, so scheint es, gibt sich nur mit Superstars ab. Später wird er aus den eher zufälligen Kontakten mit Brecht und Kortner ein System machen. 1968 entsteht noch seine liebevolle Doku über „Die Grafen Pocci“, die fürs Kasperltheater dasselbe waren wie Carlo Goldoni für die Commedia dell’arte im 18. Jahrhundert.

"Ludwig"
"Ludwig"

1972 erschienen Syberbergs Filme „Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König über Gestalt und tragisches Schicksal des Bayernkönigs und „Theodor Hierneis oder wie man Ehem. Hofkoch wird über die Erinnerungen des ehemaligen Hofkochs Ludwig II. an seine Lehrzeit. Ludwig II., dargestellt vom Fassbinder-Star Harry Baer, und der Hofkoch Walter Sedlmayr sind Figuren, die Syberberg schrullig eingesponnen hat in große und kleine Geschichte. Dem Saft- und Kraft-Schauspieler Walter Sedlmayr gelingt es, Syberberg etwas unterzujubeln, was eigentlich gar nicht sein Ding ist: Ironie. Und dass Syberbergs königliche Jungfrau auch mit Hitler und SA-Führer Ernst Röhm verflochten wird, ist eine zulässige Spekulation nach vorne.

Syberbergs „Karl May“ von 1974, der durch die deutsche Geschichte irrlichtert, schließt sich da bestens an. Und aus einem Marathon-Interview mit Winifred Wagner, das Syberberg im Folgejahr führte und in dem Interview-Film „Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried 1914-1975 festhielt, spricht ein kenntnisreiches historisches Interesse an Bayreuth im Dritten Reich.

1977 drehte Syberberg „Hitler, ein Filmaus Deutschland. Spätestens damit wurde deutlich, dass Syberberg weniger ein Filmregisseur als ein Medienkünstler ist, der auch Filme benützt. Diese Unterscheidung ist wichtig, um Syberberg nicht grundsätzlich misszuverstehen. Der Hitler-Film brachte ihm in Deutschland fast nur Verrisse ein; im Ausland haben sich dagegen wichtige Stimmen wie Susan Sontag, Michel Foucault, Francis Ford Coppola, Gilles Deleuze oder Alberto Moravia kritisch wohlwollend geäußert.

Was war passiert? Syberberg hat sich mit dem Phänomen Hitler nur in einem, von ihm selbst gebastelten Überbau des Dritten Reichs beschäftigt – und das erschöpfende sieben Stunden lang, mit einem Ausblick auf die zeitgenössische Medienkultur, Pornografie und Plastikwelt. Was man im Ausland als einen interessanten Ansatz diskutieren konnte, wurde in Deutschland als grobe Themaverfehlung gesehen. „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte vom Faschismus schweigen.“ Dieses Frankfurter Verdikt traf selten so zu wie hier. Ein Geldschein mit dem Aufdruck „1 Milliarde Mark“ gibt wahrlich mehr substantielle Auskunft über das Phänomen Hitler als das Grab von Richard Wagner. Und eine Dampflok, die mit Getreide geheizt wird, um den Marktpreis stabil zu halten, hat mehr mit den Zeitläuften zu tun als ein Mummenschanz des Kaiserreichs. Das wirkliche Leben, aus dem die Mythen bildenden Blasen des Dritten Reichs blubbern, hat Syberberg nicht verfehlt – es interessiert ihn schlicht nicht! Er ist ein intellektueller Schöngeist bester deutscher Tradition, der sich mit solchen „Trivialitäten“ nicht abgibt. Ob einem dieses ebenso erschöpfende wie überwältigende Medienmonster gefällt oder nicht, ist deshalb primär Geschmackssache. Wer es skandalisiert, tut Syberberg zu viel der Ehre an.

"Hitler, ein Film aus Deutschland"
"Hitler, ein Film aus Deutschland"

Wie viele Medienkünstler gibt sich Syberberg mit dem Werk nicht zufrieden. Das Werk ist nämlich ein Exempel für seine überragende Theorie. Und hier wird die Sache eine wissenschaftliche Herausforderung. Intelligente Autoren wie Susan Sontag klassifizieren Syberberg als Surrealisten, der eine moralische Horror-Show produziert. Sie nimmt ihn deshalb nicht als Theoretiker ernst, sondern als Phantasten. Wenn man sagen kann: von Caligari zu Hitler, warum nicht von Wagner zu Hitler? Oder vom Kitsch zu Hitler? Bei aller Faszination fallen da harsche Worte: „Syberbergs Ziel: sein Sujet auszuschöpfen – bis zur völligen Entleerung. (…) mehr Beschwörung als Erklärung (…) Privatmythologie (…) Sein Sujet ist so lang und breit (und mit allem, was er tut, macht er es noch länger und breiter), dass er es von unzähligen entfernten Blickpunkten angehen muss.“ Syberberg ist kein Postmoderner, sondern ein Postromantiker.

Nach dem Hitler-Film drehte der Wagner-Fan Syberberg 1982 einen „Parsifal“-Film. Die Inszenierung macht das Bayreuther Festspielhaus zum Gral. Im Reich von Klingsor und Kundry geht es zu wie bei Hieronymus Bosch. Und Parsifal – durchaus genialisch – ist androgyn. Schauspielerin Edith Clever stellte die Kundry dar; der Beginn einer jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit Syberberg. Wie Syberberg ist Edith Clever eine „Exaltée“, präsentiert eine Kunst am Rande der Hysterie. Syberberg ließ sie lesen; in Arbeiten, die eine Synthese aus Ein-Personen-Stück und Film sind, hielt er ihre Monologe mit der Videokamera fest; unter anderem in „Die Nacht“ (1985), „Molly Bloom“ (1985) „Fräulein Else“ (1987), „Penthesilea“ (1989), „Die Marquise von O“ (1989), „Ein Traum, was sonst?“ (1994). Das Verfahren ist nicht neu; Regisseur Jean-Marie Straub hatte schon in den 1960er-Jahren Vergleichbares angefangen. Romuald Karmakar hat die Technik später auch benützt: ein episches Verfahren, noch radikaler als das epische Theater Brechts.

"Parsifal"
"Parsifal"

2. Die Philosophie

In den 1980er-Jahren wurde Syberberg endgültig zum Medienkünstler. 1982, auf der „documenta“, gestaltet er den „Wagner Raum“, 1997, ebenfalls auf der „documenta“, die „Höhle der Erinnerung“, eine Hommage an Oskar Werner. Ähnlich das „Schleef-Nietzsche-Projekt“ (2000). 2003 folgte im Centre Pompidou die Installation „Syberberg/Paris/Nossendorf“. 2008/09 präsentiert er in Schwerin Projektionen mit Edith Clever aus „Die Nacht“ und „Ein Traum, was sonst?“ 2010 folgt in der Deutschen Kinemathek Berlin „Das Nossendorf Projekt“.

Nossendorf ist der Geburtsort von Syberberg, ein Gutshof, der zu DDR-Zeiten verfallen ist und nach 1990 von Syberberg wieder renoviert wurde. Nossendorf ist sozusagen ein wiedergefundenes „Rosebud“. Um Syberbergs Privat-Philosophie und -Mythologie zu verstehen, muss man die verschiedenen Zufallselemente seiner Biografie nur zusammenzählen. Dazu ist noch zu erwähnen sein Studium bei dem Kunsthistoriker Hans Sedlmayr mit seiner Polemik gegen die Moderne, und seine künstlerische Sozialisation in den 1960er-Jahren, wo an Martin Heidegger, Theodor W. Adorno und Walter Benjamin kein Weg vorbeiführte.

Syberberg kombiniert seine Begeisterung für Wagners Gesamtkunstwerk und seinen Pennälerkontakt mit Brechts epischem Theater zu einer neuen Theorie der performativen Kunst: „EWB“ = „Entität Wagner-Brecht“, eine Art episches Gesamtkunstwerk. Als Wagner-Fan ist Syberberg natürlich auch Thomas Mann verbunden, herbeizitierend sieht er sich als Wahlverwandter des Autors von „Doktor Faustus“, „Tod in Venedig“ und „Leiden und Größe Richard Wagners“. Gaia ist die griechische Erdgöttin, von der sich alles ableitet. Syberberg adaptiert Gaia für sich und ordnet ihr drei Kinder zu: Bert Brecht, Hans Sedlmayr und Fritz Kortner. Soll heißen, aus diesen drei Herren lässt sich in der Kunsttheorie alles ableiten. Wenn den Leser dieser Begriff unverhofft anspringt, darf man also raten, was gerade gemeint ist.

Bei Adorno gibt es viele Hinweise auf die Parallelität von Musik und Film. Davon leitet sich wohl bei Syberberg der zentrale Satz ab: „Film als Musik der Zukunft.“ Wenn Syberberg das Publikum mit Unerwartetem überrascht, haben wir es mit unerwartetem Sein im Sinne von Heideggers interesselosem Denken zu tun („u-Sein“). Nahe verwandt ist der Begriff „GEIST“ bei Syberberg („Gefüge zur intentionslosen Stimulanz“). „Dialektik im Stillstand“ ist ein Begriff von Benjamin, den Syberberg geschichtspessimistisch adaptiert. Benjamin wird leicht falsch verstanden, aber er hat immer gegen Ambitionen angeschrieben, das Leben als Kunstwerk zu kultivieren, was auch eine Form von Dialektik im Stillstand ist. Bei Syberberg gilt: „Film als Fortsetzung des Lebens mit anderen Mitteln.“ Das durchaus im Sinne einer Wirkungsästhetik. Syberberg nennt das „Film nach dem Film“. Syberbergs filmische Zeit lässt eine allgemeine Gleichzeitigkeit zu, die asymmetrische Zeit („a-Zeit“). Und es gibt eine expandierende Realität („eR“), eine künstlerische Freiheit, die nicht rückgebunden ist. Insofern darf man Syberberg auch der Postmoderne zuordnen.

Syberbergs Aussagen zu seinem Werk fallen ziemlich solipsistisch aus; er spricht von „Protuberanzen des Ich im Kosmos harter Schnitte“. Die relative Nähe zum Undergroundkino ist ihm dabei nur lästig: „Das sogenannte Undergroundkino blieb bei privaten Übungen ohne historische Relevanz.“ Syberberg, das ist wichtig, reklamiert für sein Werk eine historische Dimension für Deutschland. Dabei grenzt er sich scharf ab von anderen Künstlern, die sich der jüngeren Geschichte rational annehmen: „Wir wissen vom Glanz und Elend des Irrationalismus, aber ohne ihn ist Deutschland nichts und gefährlich, krank, ohne Identität, explosiv und ein kümmerliches Abbild seiner Möglichkeiten, Hitler bekämpft man nicht mit Auschwitzstatistiken und der Soziologie seiner Wirtschaft, sondern mit Wagner und Mozart.“ Sein Ansatz mündet in der Privatmythologie: „Es geht hier letztlich um eine Mythologisierung der Seele, und das entspricht der geistig-handwerklichen Herkunft des Films aus jener Wiege des psychologischen Zeitalters.“ Dies wird begleitet von seiner Privatphilosophie, die sich an dem alten Schisma von Rationalismus und seiner Instrumentalisierung abarbeitet, um einer Ehrenrettung des Irrationalen das Wort zu reden: „Auch Hitler sagte, er sei ein ‚Vernunftmensch‘, sprach von ‚eiskalter Vernunft‘ und liebte den ‚brutalen Verstand‘. (…) Da man sich heute einig ist, Hitler nicht zu wollen, will man Vernunft, aber nicht diese. Aha, es gibt also verschiedene Arten von Vernunft, wie verschiedene Aspekte des Irrationalen. Dann ist aber jede Gegenüberstellung von guter Vernunft und böser Irrationalität demagogisch und irrational von Grund auf, weswegen ich gegen diese Vernunft der Anhänger des sich links nennenden Establishments sein muss von Anfang bis in alle Enden.“


3. Ein neues Syberberg-Buch

Susan Sontag hatte mit ihrer Publikation einen Rahmen abgesteckt, den die weitere theoretische Auseinandersetzung mit Syberbergs Werk mehr oder weniger variiert. Sein Werk wird gewürdigt, ohne auf seine Theorien hereinzufallen. Dies geschah fast nur im Ausland. Hierzulande war Syberberg fast nur noch eine Lachnummer der Feuilletons. Aus den Niederlanden kommt jetzt eine neue Publikation, die aber auf Deutsch erscheint: „Hans Jürgen Syberberg und das Modell Nossendorf – Räume und Figuren ohne Ort und Zeit“ von Petrus Nouwens, 308 Seiten in winziger Schrift, ein echter Wälzer. Dieses Buch ist ein Novum. Der Autor identifiziert sich mit seinem Gegenstand bis in die altfränkische Diktion. Keine Spur von Distanz. Nouwens macht den heroischen Versuch, aus der Privatphilosophie Syberbergs ein wissenschaftliches System zu zimmern.

Das Urkomische an dem Werk ist, dass Nouwens es schafft, auf Syberbergs Gedankengebäude noch eins draufzusetzen. Syberbergs ästhetische Theorie, beginnend mit „EWB“, ist eigentlich schon kryptisch genug. Doch Nouwens findet noch weitere Verschränkungen, die selbst Syberberg verblüffen dürften: „Das erste gut nachzuweisende Spannungsfeld in seinen frühen Produktionen ist die Entität Brecht-Sedlmayr-Kortner. Dieses Spannungsfeld GEIST wird in seiner Kunst durch andere Stimmen auf der aktuellen Figur intensiviert bzw. moduliert, z.B.: Wagner-Brecht, Wagner-Benjamin-Brecht-Kortner, Benjamin-Adorno, usw.“ Zu Syberbergs Umgang mit dem Phänomen Hitler fällt ihm ein Bezug ein, der echt schräg ist: „Nach Hitler geht Syberberg ein Wagnis ein; ausgerechnet auf einer Hitlerfigur bzw. Entität Wagner-Brecht versucht er, die Wahrnehmungsform eines autonomen Menschen zurückzugewinnen.“ Syberbergs Baukasten der ästhetischen Theorie wird in dieser Darstellung zu einer echten Luftnummer: Was hat der autonome Mensch Nouwens angetan, dass er dermaßen gewagt zur Wahrnehmung gelangen muss?

Weiter geht es mit Syberbergs Privatmythologie: „Also liefern die Marxisten Adorno und Mayer und besonders aber Bloch Syberberg den intellektuellen Schutz, die verdrängten Mythen auf der disparat verkoppelten Figur (von Shylock, Alois Brummer, Ludwig II., Hitler bis die Figur Edith Clever die diese Figuren auf sich sammelt) zu aktivieren.“ Hier stellt sich die Frage, was die genannten Herren verbrochen haben, dass sie in posthumer Wehrlosigkeit die mythologische Aktivierung disparat verkoppelter Figuren schützen müssen? Festzuhalten ist übrigens, dass Syberberg in seiner sogenannten deutschen Trilogie („Ludwig II.“, „Karl May“ und „Hitler“) allerlei verkoppelt hat, aber ganz so weit ist er doch nicht gegangen. Ähnlich die Ausführungen zu Syberbergs Privatphilosophie: „Mit seiner Kunst zielt er darauf ab, das Metaphysische, die Freiheit des Imaginären, die Bewusstmachung des Ideologischen durch aktive Verknüpfung vieler gleichzeitiger und widersprüchlicher Stimmen oder Koordinaten auf der Figur erfahrbar zu machen.“ Selbst in einem Grundkurs bürgerlicher Philosophie dürfte man noch erfahren, dass es zwischen Metaphysik und Überwindung von Ideologie einen kleinen Unterschied gibt.

Im Zentrum von Syberbergs Werk steht, so stellt Nouwens dar, die ästhetische Vernichtung des Phänomens Hitler. Sein Werk ist teleologisch: „Syberbergs Bemühen war und ist es, die Prophetie Hitlers, als letzte geschlossene Denkeinheit der deutschen Identität, in seiner Kunst umzuschreiben: Seine nie eingelösten Träume aktiv reflexiv zu erhöhen und die Figur Hitler in der selbstzusammengestellten Denkintensität eines disparat verkoppelten Bühnengeschehens vertikal (d.h. geistvoll) zu widerlegen.“ Syberberg als ästhetischer Superhitler rettet die deutsche Geistesgeschichte!

Nouwens fasst zwar für deutsche Leser die Entwicklung von Werk und Theorie bei Syberberg erstmals umfassend zusammen, aber selbst für Fans von Syberberg dürfte der Wälzer mit seinen vielen Redundanzen und sprachlichen Zumutungen eine ziemliche Enttäuschung sein. Der Mangel an irgendwelcher kritischer Distanz macht das Buch zu einem Werk für Proselyten, die einem ästhetischen Geheimbund à la Stefan George angehören. Sollte dieses Buch ein Beitrag zur Medienwissenschaft sein, muss einem um das Fach bange sein. Immerhin ist es aus einer überarbeiteten Doktorarbeit hervorgegangen. Sein Doktorvater ist Josef Früchtl, ein Philosoph, der nach Meinung namhafter Rezensenten in der Filmwissenschaft dilettiert. Sein Ko-Promotor ist Thomas Elsaesser, den viele für einen unserer wichtigsten Filmwissenschaftler halten. Der Letztere hätte eigentlich bei diesem seltsamen Werk die Bremse ziehen müssen.

Das ist alles ein bisschen viel, aber die Aufgabe des Kritikers ist auch die Bekämpfung von ästhetischen Rattenfänger-Theorien.



Petrus H. Nouwens: Hans Jürgen Syberbergund das Modell Nossendorf. Räume und Figuren ohne Ort und Zeit. Shaker Verlag,2018.382 Seiten, 45,80 €.





Syberbergs Filme auf DVD

Das Gesamtwerk des Filmemachers ist über dessen Webseite auf DVD zu beiziehen.

Beim Label „Filmgalerie 451“ sind zahlreiche von Syberbergs Arbeiten auf DVD erschienen: Die sogenannte „Deutsche Trilogie“ („Hitler – Ein Film aus Deutschland“, „Karl May“ und „Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König" ist als Box oder Einzel-Titel zu haben; außerdem sind die Filme „Parsifal“ und „Mozart – Requiem mit dem Finger geschrieben“ verfügbar.


Fotos Startseite/oben: Motiv aus „Parsifal“. Sämtliche Fotos: © Filmgalerie 451

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