Nachruf auf Rolf Hoppe

6.12.1930 – 14.11.2018

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Das Lebenswerk des Schauspielers Rolf Hoppe zählt weit mehr als 200 Kino- und Fernsehrollen, die Theateraufgaben gar nicht mitgezählt. Und mit einer Figur hat er sich sogar in die Geschichte des Weltkinos eingebrannt. Das war der preußische Ministerpräsident in „Mephisto“ (1980), nach dem gleichnamigen Roman von Klaus Mann: jovial und böse, verführerisch und brutal, ein mächtiger Mann mit großem runden Schädel, dämonisch blitzenden Augen und weicher Stimme, die schneidend kalt werden konnte. Der ungarische Regisseur István Szabó erhielt für diesen Film den "Oscar"; und auch für Hoppe rissen von nun an die internationalen Angebote nicht mehr ab.

Peter Schamoni besetzte ihn in „Frühlingssinfonie“ (1983) als Vater Wieck an der Seite von Nastassja Kinski, die Salzburger Festspiele holten ihn als Mammon für „Jedermann“, er drehte in China, in der Schweiz, in Italien. Ende der 1990er-Jahre hieß es sogar, er sei für einen der Gegenspieler von James Bond im Gespräch. Dass sich der britische Produzent, der ihn angeblich engagieren wollte, dann doch nicht für ihn entschied, schmerzte Hoppe allerdings nur in Maßen. Längst war es ihm leid, vor allem Schurken zu mimen: „Wenn mir die Drehbücher Gelegenheit geben, versuche ich mich lieber an Zwischentönen. Mir kommt es darauf an, das Gute im Bösen und das Böse im Guten zu entdecken“, gab er einmal zu Protokoll.

1930 in Ellrich im Südharz geboren, hatte Hoppe nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Laienspielgruppe der Antifa-Jugend zu spielen begonnen. Der Vater, ein Bäckermeister, sah das nicht unbedingt gern. So fügte sich der Sohn zunächst und lernte ebenfalls das Bäckerhandwerk. Dennoch zog es ihn bald wieder zum Theater. Wegen einer Stimmbanderkrankung vorübergehend als Tierpfleger im Zirkus tätig, trat er ab 1951 an verschiedenen Bühnen auf, ab 1963 auch im Film. Für die DEFA wurde er unabkömmlich, selbst Kleinstauftritte erfüllte er mit prallem Leben. Sein rundes Gesicht und die Körperfülle signalisierten vielleicht den Wunsch, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen - womöglich aber auch die lauernde Gefährlichkeit hinter der Maske des Biedermanns.

Die Physiognomie des Spießers führte er in höchst unterschiedlichen Facetten vor. Aufregend etwa seine Studie des standesbewussten bürgerlichen Lehrers in Günther Rückers Nachkriegspanorama „Die besten Jahre (1965), oder das groteske Kabinettstückchen eines Wehrmachtsmajors in Konrad Wolfs „Ich war neunzehn“ (1967), der am Ende des Krieges erst einmal seiner Bürokratie Genüge tun muss, ehe er überhaupt begreift, dass die Russen in seinem Amtszimmer stehen. Grandios sein spanischer König in Wolfs „Goya“ (1970): ein kindlicher Geck, der seine Spieluhr weit mehr als die Staatsgeschäfte liebt. Und faszinierend der Werftbesitzer in Roland Gräfs „Das Haus am Fluss“ (1986): ein introvertierter Humanist und Antinazi, der aus der inneren Emigration in den Selbstmord flieht. Eine Figur, die wie aus Luchino Viscontis „Götterdämmerung“ entlehnt zu sein scheint.

Während seiner Zeit als Pfleger beim Zirkus Aeros hatte Hoppe auch reiten gelernt – eine Kunst, die ihm bei der DEFA ein weiteres Aufgabenfeld eröffnete. Wie kaum einem anderen Schauspieler neben „Chefindianer“ Gojko Mitic gelang es Hoppe, in den Babelsberger Studios seine Körperlichkeit auszuleben. Sein Spaß am Ungebärdigen und Deftigen war in Indianerfilmen wie „Spur des Falken (1968), in denen er stets fiese Cowboys gab, ebenso zu erleben, wie in der Posse „Die Hosen des Ritters von Bredow (1973), einem Mittelalterspektakel. Hoppe spielte in Krimis und Musicals, in Science-fiction-Filmen – und trat in der opulenten 70-mm-Operettenversion „Orpheus in der Unterwelt“ (1974), einem wahren Glanzstück des Genres, sogar als Göttervater Jupiter auf. Nicht zu vergessen seine Märchen- und Kinderfilme, so wie „Hans Röckle und der Teufel“ (1974) und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1974) – jenes Märchen, das wohl noch ewig die weihnachtlichen Bildschirme beleben wird und in dem er den guten König spielte.

In seiner Wahlheimat Dresden fand er, auf Schloss Weesenstein, eine kleine Bühne, auf der er im Alter Märchen, Balladen und Geistergeschichten las. Und so weit es seine Kraft zuließ, gastierte er auch weiter vor den Kameras, so wie zuletzt als Professor Norkus in Chris Kraus’ „Die Blumen von gestern (2016) oder in den „Spreewaldkrimis“ des ZDF. Jetzt ist der freundliche, schwergewichtige, zugleich leise und immer auch etwas geheimnisvolle Akteur mit knapp 88 Jahren verstorben.


Foto: Aus "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" (Icestorm)

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