Marilyn Monroe – Die Unbekannte

Freitag, 04.01.2019

Eine Sonderausstellung im Historischen Museum Speyer

Diskussion

Die Schauspielerin Marilyn Monroe gehört bis heute zu den ikonischsten Stars Hollywoods; ihr Schicksal und vor allem ihr früher Tod stehen aber auch für die Schattenseiten des Glamours und die Tragik einer Frau, deren Traumfrau-Image für sie zum Gefängnis wurde. Eine Ausstellung im Historischen Museum Speyer beleuchtet das Privatleben der Monroe, festgemacht an 400 Objekten des Sammlers Ted Stampfer.

Eine solch eindrucksvolle Präsentation zum Privatleben des Leinwandidols Marilyn Monroe, dieser globalen Ikone, kann nur ein glühender Verehrer, ein Besessener zusammenstellen: Ted Stampfer, ein gebürtiger Mannheimer, war dem amerikanischen Star schon als Teenager verfallen. 1999 ersteigerte der Betriebswirt und Sammler im New Yorker Auktionshaus Christie’s seine ersten Gegenstände aus Monroes Nachlass. Streitigkeiten unter den Lee Strasberg-Erben hatten den Zugang jahrzehntelang verwehrt. Die Sonderausstellung „Marilyn Monroe – Die Unbekannte“, seit 16.12. im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zu sehen (bis 16.6.2019) wartet mit 400 von Stampfers insgesamt 1100 Sammelobjekten auf.

Die Monroe – Mythos und Geschäftsmodell

Vom Afficionado akribisch auf ihre Authentizität geprüft, dokumentieren die Exponate Aufstieg und Fall der als Norma Jeane Baker geborenen Schauspielerin: ihr tragisches (Privat-)Leben, den Mythos um ihre Person und ihre magische Ausstrahlung. Damit öffnet sich der Blick über die Film- und Kinogeschichte hinaus, wird zur Metapher eines medialen Kultur- und Marketingwandels. Der Star und sein leidenschaftlicher Sammler verweisen damit auf dasselbe erfolgreiche Geschäftsmodell, das ein dankbares Publikum am Leben hält. In neunzehn an gleitende Kamerafahrten erinnernden Stationen und geschmackvoll dekorierten Kabinetten bietet sich dem Besucher ein umfassender Blick auf das Leben, in die Seele der Ikone.


Porträt-Aufnahme von 1953 in Hollywood. (Foto: ©Alfred Eisenstaedt/The LIFE Images Collection/Getty Images)
Porträt-Aufnahme von 1953 in Hollywood. (Foto: ©Alfred Eisenstaedt/The LIFE Images Collection/Getty Images)

Am 1. Juni 1926 als uneheliches Kind einer Filmcutterin in Los Angeles geboren, verbrachte Norma Jeane Baker als Waise eine deprimierende Kindheit in Pflegefamilien. Allein „Tante“ Grace, eine gute Freundin der Mutter, bewahrte eine lebenslange Freundschaft: Das zu Weihnachten 1937 geschenkte Gesangsbuch verweist auf religiöse Erfahrungen Norma Jeanes. Größeren Einfluss aber hatte Jean Harlow, der platinblonde Hollywoodstar der 1930er. Und in Clark Gable („Vom Winde verweht“, 1939) sah sie den fehlenden Vater. So wurden das Kino, der Glamour der Traumfabrik, die schönen Kleider (zu sehen: das schwere grüne Samtkleid von Vivien Leigh), die Maske(rade) zum konsequenten Fluchtpunkt aus einer bescheidenen Herkunft.

Zwischen alten und neuen Frauenbildern

Der nüchterne Alltag nach dem Ersten Weltkrieg hielt für (amerikanische) Frauen starke Rollen und Aufgaben bereit, sorgte in den Goldenen Zwanzigern für ein neues Lebensgefühl, weibliche Unabhängigkeit und Emanzipation. Nach 1940 kehrten dann aber alte Rollenmuster zurück, patriotisch-moralische Unterstützung war en vogue. Die junge Norma Jeane rebellierte auf ihre Art als Freigeist: selbstbewusst lasziv, mit Jeans statt Rock gekleidet. Gerade sechzehnjährig, heiratete sie den Nachbarjungen Jim Dougherty, um dem Waisenhaus zu entgehen. Später, als Marilyn Monroe, wehrte sie sich gegen die Reduktion auf die Rolle als Hausfrau (neun Monate Ehe mit Baseball-Legende Joe DiMaggio), lebte eine natürliche Sexualität.

Zeichnerisches Talent beweisen frühe Bleistiftzeichnungen. Eine Arbeit von 1942 zeigt eine Frau (die Mutter?), die neben einer Filmrolle einen Zelluloidstreifen mit der Schere schneidet. In einer Vitrine liegen das populäre christliche Buch „Streams in the Desert“, das Hochzeitsfoto vom 19. Juni 1942 und die Sandwichbox für ihren (ersten) Mann. Als Fließbandarbeiterin in einer Rüstungsfabrik wird Norma Jeane Baker von einem Armeefotografen als fotogenes Model entdeckt: 1,65 cm groß, 120 Pfund schwer, mit lockigen Haaren, blauen Augen, perfekten Zähnen und den Maßen 91/61/86 – wie die Angaben werbewirksam lauteten. Das zeitlebens geschickt vermarktete Werbeobjekt und 20th Century Fox-Starlet prägte vom Koreakrieg bis zu John F. Kennedys Präsidentschaft ein aufregendes Jahrzehnt. Und die Faszination dieser großen Unbekannten hielt auch nach ihrem Tod im Juni 1962 bis heute an.


Ausstellungsansicht (© Carolin Breckle)
Ausstellungsansicht (© Carolin Breckle)

Selbstoptimierung“: Von Norma Jeane zu Marilyn

1946 erhielt die Minderjährige einen ersten Vertrag vom Hollywoodstudio 20th Century Fox. Mit der Wahl des Künstlernamens Marilyn Monroe setzte in dieser Zeit ihre Metamorphose ein. Der Gatte steht der Karriere im Weg. Sie kreiert ihren eigenen Look, blondiert die Haare, lässt Kinn und Nase korrigieren, perfektioniert den wiegenden Gang und absolviert – früh unter Stottern leidend – Sprachtraining, was die weiche, gehauchte Stimme mit der effektvollen erotischen Wirkung hervorbringt. Dazu gehören Pflegeprodukte von Erno Laszlo, künstliche Wimpern für den betörenden Augenaufschlag, eine Gel-Maske für die Entspannung. Für das Körpertraining lässt sich die Monroe laut Rechnung für 30,58 Dollar Hanteln ins New Yorker Waldorf Astoria-Hotel liefern. Sie liest Bücher über Poesie, Psychologie, Politik und Geschichte. Dass daneben auch stilvolle Kleidung nicht zu kurz kam, belegen der Wollrock mit Hahnentrittmuster oder der kurzärmelige, cremeweiße Angorapullover. Eine Augenweide: das Schnittmuster von William Travilla für „Wie angelt man sich einen Millionär?“ (1953) oder das traumhafte, himbeerfarbene Kleid, angefertigt für Werbezwecke. Und, natürlich, der Satinmorgenmantel aus Howard Hawks' „Blondinen bevorzugt“ (1953).


Diesen Schuh trug Marilyn Monroe im Januar 1955 bei einem Pressetermin als sie die Gründung ihrer Produktionsfirma Marilyn Monroe Productions, Inc. bekannt gab. (Foto: ©Ted Stampfer)
Diesen Schuh trug Marilyn Monroe im Januar 1955 bei einem Pressetermin, als sie die Gründung ihrer Produktionsfirma Marilyn Monroe Productions, Inc. bekannt gab. (Foto: ©Ted Stampfer)

Schauspielerische Aufmerksamkeit erlangte Marilyn erstmals in John Huston „Asphalt-Dschungel“ (1950), die Wochengage betrug 300 Dollar. Aufstieg und Ruhm stellten sich dann mit „Niagara“ (1953) ein. Ihre Popularität spiegelten etwa 2000 bis 3000 Fanbriefe pro Woche – von Norwegen bis Südafrika – wider. Aber der Erfolg war von starken Schwankungen gekennzeichnet: „Manche mögen’s heiß“ (1959), in der Schau zu Recht mit einem Schwerpunkt belegt, „Das verflixte 7. Jahr“ (1955) – DiMaggio, der zweite Ehemann, forderte nach dem Skandal um den wehenden Rock über dem Luftschacht nach neun Monaten Ehe die Scheidung –, und dann der Flop mit dem Abschied vom naiven, blonden Kurvenstar im letzten fertiggestellten Film „Misfits - Nicht gesellschaftsfähig“ (1961), eine melancholische Elegie in Schwarzweiß.

Unerfüllte Amibitionen jenseits des Kurvenstar-Images

Vorher datiert der Bruch mit Hollywood, das die künstlerischen Träume der jungen Frau nicht tolerierte, nur auf die Kassenergebnisse fixiert war. Die Monroe geht nach New York, gründet mit den Marilyn Monroe Productions ihre eigene Produktionsfirma, begegnet dort Marlene Dietrich, nimmt Unterricht bei Lee Strasberg. Und zelebriert sich weiter als lebende Ikone. Der einzige Film ihrer Firma, „Der Prinz und die Tänzerin“ (1957), von und mit Laurence Olivier, wird unabhängig, ohne Budgetüberziehung fertiggestellt. Der deutsche Fotograf Andreas Eisenstaedt realisierte für das Life Magazine mystische Bilder einer zeitlosen Schönheit – das (Selbst-)Porträt einer emanzipierten jungen Frau. Faszinierend: die weiße 7/8-Hose, ohne auftragende Taschen und mit dem Reißverschluss hinten, sowie der legendäre schwarze Kaschmirpulli, der perlweiße Satinschuh mit 9,5 cm-Absatz und die Lieblingssandalen aus weißem Leder, aus der glücklichen Zeit von 1955 bis 1957, in die auch die dritte Ehe, mit dem von ihr verehrten linksliberalen Intellektuellen und Autor Arthur Miller fiel, den sie pressewirksam zum Ausschuss gegen unamerikanische Aktivitäten begleitete, der sie später so arrogant beschrieb.


Marilyn Monroe 1954 bei einem Auftritt für amerikanische Soldaten in Korea. (Foto: © Mai/The LIFE Images Collection/Getty Images)
Marilyn Monroe 1954 bei einem Auftritt für amerikanische Soldaten in Korea. (Foto: © Mai/The LIFE Images Collection/Getty Images)

Konsequent führt die Ausstellung zum Jahr des Todes. Monroes Zuhause, eine Villa mit 213qm Wohnfläche und 700qm Grundstück, in Brentwood, Kalifornien, nachempfunden mit Küchenutensilien, dem Telefon mit der extralangen Schnur für die ausufernden Gespräche, das letzte Interview fürs Life Magazine. Die Unvollendete: Während des Drehs zu George Cukors „Something’s Got to Give“ mit Nacktszenen am Pool, entlässt man die Monroe wegen des Ruins vom Monumentalfilm „Cleopatra“. Ihre Popularität befindet sich trotzdem auf dem Höhepunkt. Ausdruck dafür in der Ausstellung: eine Kopie des Seidenkleides mit Kristallglas, getragen zur Geburtstagsfeier von Präsident John F. Kennedy. Im nächsten Raum das berühmt gewordene „The Last Sitting“ zu Bert Steins Aufnahmen, angedeutet ganz in Weiß, mit Bett, Kamera, Scheinwerfer-Attrappen. Am Ende steht der Hauch des Todes – ein feiner Stoffpavillon, mit dem Testament vom 14. Januar 1961, mit Zeitungsberichten, Filmaufnahmen und der Rede von Lee Strasberg zum Begräbnis. Und die Todesnacht vom 4. auf den 5. August 1962, nach der die (Selbst-)Mordtheorie oder die Medikamentenabhängigkeit zu Spekulationen einluden.


Marilyn Monroe – Die Unbekannte. Historisches Museum der Pfalz, Speyer. Bis 16. Juni 2019. Di – So 10 bis 18 Uhr. Zweisprachiger Katalog: 248S., 26,90 Euro.


Foto oben: Marilyn Monroe 1955 auf der Dachterrasse des New Yorker Ambassador Hotels (Foto: ©Ed Feingersh/Getty Images)

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